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Deutscher Gruppengegner
Der Fußball eint das tief gespaltene Nordirland

EM 2016: Fußball eint gespaltenes Nordirland
Die nordirische Nationalmannschaft eint ein gespaltenes Land. FOTO: ap, AF FP SO FO
Düsseldorf. George Best ist allgegenwärtig in Nordirland. Zwar ist der prominenteste Fußballer, den der letzte EM-Gruppengegner Deutschlands je hervorgebracht hat, schon fast elf Jahre tot – seine Legende jedoch ist unsterblich. Von Bernd Jolitz

Best prägte eine grandiose Ära von Manchester United, Berichte über ihn füllten die Klatschspalten ebenso wie die Sportseiten. Wie bedeutend der Stürmer der 1970er Jahre für sein Land ist, zeigt auch, dass der Flughafen von Belfast seinen Namen trägt.

Streng genommen freilich ist die Formulierung "für sein Land" nicht ganz korrekt: Nordirland ist kein souveräner Staat. Das sind Schottland und Wales zwar auch nicht - sie waren es aber wenigstens einmal, bis sie im Vereinigten Königreich Großbritannien aufgingen. Nordirland ist ein Kunstprodukt, das 1921 nach dem irischen Befreiungskrieg entstand. Der größte Teil der irischen Insel erlangte damals seine Unabhängigkeit, während sechs der neun Grafschaften der Provinz Ulster britisch blieben. Allerdings unter sogenannter Ministerialverwaltung, ohne offizielle Flagge. Das ist auch der Grund, warum bei der EM für Nordirland im Gegensatz zu Wales (und auch Schottland, wenn es denn dabei wäre) keine eigene Hymne, sondern "God save the Queen" gespielt wird: Nordirland hat gar keine Hymne.

Selbst wenn im Nordosten der irischen Insel die blutigen Auseinandersetzungen des 20. Jahrhunderts nicht mehr an der Tagesordnung sind, stehen sich die Befürworter eines Anschlusses an die Republik Irland und die pro-britischen Unionisten bis heute feindlich gegenüber. Was die religiös und politisch gespaltene Bevölkerung zusammenhält, ist der Fußball. Eine eigene Nationalmannschaft hat die Provinz allerdings nur deshalb, weil sie einen eigenen Fußballverband besitzt. Der wurde 1880 unter dem Namen Irish Football Association (IFA) gegründet und war bis 1921 für ganz Irland zuständig - dann gründete sich nach der Abspaltung der Republik Irland dort der Verband FAI.

Gemeinsames britisches Team nur bei Olympia

Die historische Tradition der jeweiligen Verbände ist der Grund, warum Nordirland wie Schottland und Wales bis heute selbstständig im internationalen Wettbewerb steht. Seit 1905, ein Jahr nach der Gründung der Fifa, sind die Verbände Mitglieder des Weltverbands – dass es keine souveränen Staaten sind, ist für die Fifa nicht relevant. Zusammen spielen die Briten nur bei Olympia – anders als im Fußball gibt es nur ein gemeinsames Britisches Olympisches Komitee (BOA).

Bei der EM treten die Nordiren als das auf, was sie politisch und gesellschaftlich nie waren: als Einheit. Die Mannschaft kämpft bis zum Umfallen, die Fans feiern noch darüber hinaus. International bekannte Stars haben die Nordiren nicht, wobei das aktuelle Team schon wegen des 2:0-Erfolgs über die Ukraine Heldenstatus erlangt hat – von einem möglichen Sieg über den Weltmeister ganz zu schweigen. Dennoch schwebt George Bests Schatten über allem. Selbst der im stets wiederkehrenden Sprechchor gefeierte Will Grigg wird am Karriere-Ende seine Laufbahn kaum so legendär zusammenfassen können, wie Best es einst tat. "Ich habe viel Geld für Alkohol, Frauen und schnelle Autos ausgegeben", sagte er, "den Rest habe ich einfach verprasst."

Quelle: RP
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