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Belgien gegen Irland unter Druck
Taumelnde Hochbegabte

Fotos: Lukaku vergibt frei vor Buffon
Fotos: Lukaku vergibt frei vor Buffon FOTO: dpa, sam
Düsseldorf. Die "goldene Generation" Belgiens steht im zweiten Gruppenspiel gegen Irland schon unter Druck. Vor dem Turnier galt die Mannschaft von Trainer Marc Wilmots wegen der hochbegabten Einzelspieler als Geheimfavorit. Das muss die Mannschaft nun beweisen. Von Bernd Jolitz

Es ist so eine Sache mit "goldenen Generationen". Meist bedeutet dieses so wohlklingende Prädikat, dass die betreffenden Spieler wunderbaren Fußball spielen und ihnen nahezu alles gelingt – außer einen großen Titel zu holen. Das Portugal der Ära Luis Figo, Rui Costa und Joao Pinto ist das Paradebeispiel dafür. Auch Belgien hat gerade eine solche goldene Generation, und so langsam mehren sich die Anzeichen, dass es zumindest bei dieser EM wieder nichts wird mit einem Titel.

Die Italiener entzauberten die Hochbegabten am ersten Spieltag der Gruppe E bei ihrem 2:0-Erfolg nach allen Regeln der Kunst. Oder, wie es der belgische Schlussmann Thibaut Courtois ausdrückte: "Sie haben uns taktisch deklassiert."

Nun ist es für sich genommen keine Schande, ein Spiel gegen Italien zu verlieren. Zumal, wenn in der Vorrunde noch Partien gegen Gegner wie Irland (Samstag, 15 Uhr/Live-Ticker) und Schweden anstehen, in denen man die Auftaktpleite ausbügeln könnte. Schwerer wiegt das Auftreten der Truppe von Trainer Marc Wilmots. Es ist schon einiges an Fantasie für die Vorstellung vonnöten, dass diese lethargische und uninspirierte Ansammlung von Individualisten über Nacht zu einer Einheit wird.

Kaum eine andere Mannschaft hat so viele PS unter der Haube wie die Belgier, aber sie bekommen sie nicht auf die Straße. ARD-Experte Mehmet Scholl hatte seinen Schuldigen in Stürmer Romelu Lukaku schnell gefunden: "Ich habe ihn mit 18 live gesehen, und da ist ja seitdem nichts weitergegangen."

Abgesehen davon, dass Scholl damit die vergangenen fünf Jahre komplett ignoriert, in denen sich Lukaku zu einem Top-Torjäger der Premier League entwickelte, obwohl sein Klub FC Everton eher durchschnittlich agierte, war der Torjäger tatsächlich schwach. Er hing jedoch auch völlig in der Luft, ebenso wie der für ihn eingewechselte Liverpooler Divock Origi – weil aus dem Mittelfeld nichts kam.

Keine Hilfe aus dem Mittelfeld

Das Potential von Spielern wie Kevin De Bruyne, Eden Hazard oder Axel Witsel ist groß, aber keiner von ihnen zeigt es derzeit. Doch während Kapitän Hazard wenigstens noch rackert, fügt sich De Bruyne in die Rolle des verzweifelten Genies. Rein gar nichts gelang dem früheren Wolfsburger gegen Italien. Der 24-Jährige verlor 60 Prozent seiner Zweikämpfe, hatte für ihn indiskutable 63 Ballkontakte und leistete sich elf, teilweise haarsträubende, Fehlpässe.

Sein Trainer nimmt den Star von Manchester City in Schutz. "Ein schlechtes Spiel kann jedem passieren", sagt Wilmots, der die immer lautere Kritik an ihm und seinem taumelnden Starensemble ansonsten mit Trotz kontert. "Die ausländischen Medien haben uns vier Jahre bewundert, und soweit ich mich erinnere, war ich die ganze Zeit Trainer", grummelte der frühere Schalker Euro-Fighter. "Und nun, nach einem Spiel, soll alles schlecht sein? Das ist mir zu einfach."

Hazard verteidigt Wilmots ("Wir stehen hinter dem Trainer"), schürte aber die Stimmung gegen ihn, indem er nach dem Italien-Spiel wortlos an ihm vorbei in die Kabine lief und nicht auf Wilmots' Rufe in seine Richtung reagierte. Die ersten belgischen Medien spekulieren bereits, Wilmots habe nicht die Qualität, die hochdotierten Stars zu einem Team zu formen. Die Lage beruhigen kann nur ein Sieg gegen die Iren. Gelingt dieser heute nicht, ist bei den "Roten Teufeln" richtig Stunk.

Quelle: RP
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