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Angst vor dem EM-Ausschluss
In Kroatien wird der Skandal zur Staatsaffäre

EM 2016: In Kroatien wird der Skandal zur Staatsaffäre
Der Skandal wird in Kroatien zur Staatsaffäre FOTO: ap, AF FP
Saint-Étienne. Nach den Ausschreitungen droht Kroatien eine heftige Strafe. Zudem stellt sich die Frage, wie die Spieler den Skandal-Auftritt ihrer Fans wegstecken.

Der Skandal wird zur Staatsaffäre, die Angst vor dem Ausschluss wächst: Nachdem die eigenen Fans der kroatischen Nationalmannschaft auf dem Weg zum EM-Mitfavoriten brutal in den Rücken gefallen sind, ist das ganze Land in Aufruhr. Sogar das Staatsoberhaupt ächtete die Krawallmacher von Saint-Étienne. "Das sind Staatsfeinde, die ihre Mannschaft und ihr Land hassen", sagte Präsidentin Kolinda Grabar-Kitarovic: "Schämt euch!"

Das Schämen für die Randale während der zweiten EM-Partie der Kroaten am Freitag gegen Tschechien (2:2) wird allerdings nicht ausreichen. Die Europäische Fußball-Union (Uefa) hat die Krawalle "nachdrücklich verurteilt", die Disziplinarkommission eröffnete ein Verfahren gegen den Verband HNS. Der Fall wird am Montag verhandelt.

Zur Last gelegt werden den Kroaten das "Zünden von Feuerwerkskörpern, Werfen von Objekten, Zuschauerausschreitungen sowie rassistisches Verhalten". In den kroatischen Medien wird bereits über einen Ausschluss des "Wiederholungstäters" spekuliert, da die Liste der Verfehlungen mittlerweile einfach zu lang ist.

Kroatische Anhänger werfen Bengalos auf Ordner FOTO: afp

Das Fass könnte nach einer Vielzahl von Vergehen in der jüngsten Vergangenheit (Rassismus, Faschismus, Pyrotechnik) tatsächlich übergelaufen sein - auch wenn Verbandsboss Davor Suker (noch) nicht daran glauben will. "Sie werden uns nicht rauswerfen", sagte der 48-Jährige, der auch im Uefa-Exekutivkomitee sitzt. Allerdings haben die bisherigen Sanktionen (mehrere Geldstrafen in sechsstelliger Höhe und Platzsperren) ganz offensichtlich nicht gefruchtet.

Nach übereinstimmenden kroatischen Medienberichten ist eine Gruppe von 10 bis 15 Personen, offenbar radikale HNS-Gegner, für die Ausschreitungen von Saint-Étienne verantwortlich. Sie hätten das Zünden und Werfen der Feuerwerkskörper geplant und es sogar vorab mit dem Beginn in der 85. Spielminute in den sozialen Netzwerken angekündigt. Das Ziel der Chaoten sei ein Spielabbruch gewesen.

Kroaten geben Uefa Mitschuld

Kroatische Fans prügeln sich nach Pyro-Eklat FOTO: afp

Offenbar um mildernde Umstände geltend zu machen, gaben die Kroaten der Uefa und den Sicherheitskräften am Samstagmittag eine Mitschuld. Schließlich habe der Verband "in der Vorbereitung auf die Partie alles getan, um Zwischenfälle zu vermeiden", steht in einer HNS-Stellungnahme: "Zu diesem Zweck wurden die Uefa und Polizei vor Hooligans gewarnt." Randaliert wurde dennoch.

"Anschlag auf Kroatien. Die Wilden verwirklichten ihre Drohungen", schrieb die Zeitung Sportske Novosti. Das Blatt Vecernji List sah ein "blamiertes Kroatien." Und 24sata machte die Randalierer direkt für den verpassten Sieg verantwortlich: "Elf Helden waren überlegen wie noch nie", doch "eine Handvoll Idioten haben Kroatien blamiert."

In diesem Zusammenhang wurden in den kroatischen Medien schwere Vorwürfe gegen die französischen Sicherheitskräfte laut. Sie wären von ihren kroatischen Kollegen vorab über die Randale-Pläne informiert worden, hätten aber dennoch den Schmuggel der Pyrotechnik ins Stadion nicht verhindert. Zudem habe die Polizei nicht rechtzeitig eingegriffen, als es zu den Schlägereien zwischen der Krawall-Gruppe und den anderen Kroaten gekommen ist.

Chronologie der kroatischen Fan-Randale

Bei der Pressekonferenz der Kroaten am Samstagnachmittag gingen die beiden HNS-Sicherheits-Experten, Kresimir Antolic und Miroslav Markovic, ins Detail. Sie machten Hooligans des Traditionsklubs Hajduk Split für die Ausschreitungen verantwortlich.

"Wir wussten, was passieren kann. Wir haben die Polizei und alle relevanten Stellen darüber informiert", sagte Markovic. "Wir haben die Szenen analysiert. Die Leute waren zwischen 18 und 25 Jahren alt", äußerte Antolic. Markovic ergänzte, dass die Namen der Hooligans offenbar bekannt sind. "Sie kommen aus der Szene von Hajduk Split. Die Polizei arbeitet daran, sie ausfindig zu machen."

Unterdessen kündigte der kroatische Außenminister Miro Kovac an, Kontakt mit seinem französischen Kollegen Jean-Marc Ayrault aufnehmen zu wollen, damit sich ähnliche Vorfälle im nächsten Spiel am Dienstag in Bordeaux gegen Spanien (21 Uhr/Live-Ticker) nicht wiederholen.

"Das sind keine Fans, das sind Terroristen. Die machen alles kaputt", schimpfte Trainer Ante Cacic, der Spanien am Dienstag wohl auf seinen Spielmacher Luka Modric (Leistenprobleme) verzichten muss: "Das ist eine Schande vor den Augen von ganz Europa."

(sid)
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