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Sensationeller EM-Neuling
Island ist kein bisschen von sich selbst überrascht

England - Island: die Fakten
England - Island: die Fakten
Düsseldorf/Reykjavik. Vor etwa 15 Jahren haben die Isländer begonnen, riesige Hallen zu bauen und ihren Nachwuchs unter gut ausgebildeten Coaches trainieren zu lassen. Der Erfolg bei der EM in Frankreich ist die üppige Ernte dieser Maßnahmen. Von Jannik Sorgatz

Heimir Hallgrimsson war angefressen. Das Hackentrick-Festival in der zweiten Halbzeit hatte ihm überhaupt nicht gefallen. "Wenn wir nicht die Dinge machen, die uns sonst auszeichnen, kann es grausam werden", sagte der Trainer der isländischen Nationalmannschaft, den sein gleichberechtigter Kollege Lars Lagerbäck gerne vorschickt, um die Fragen der Presse zu beantworten. Hallgrimsson ist nach außen, so absurd das angesichts seiner Herkunft klingen mag, ein Sonnyboy. Doch hinter der häufig lächelnden Fassade steckt ein höchst ambitionierter Mann, der Niederlagen allenfalls akzeptiert, wenn seine Mannschaft den vorbereiteten Plan umgesetzt und alles gegeben hat.

Es war der 10. Oktober 2015, als Hallgrimsson mit grimmiger Miene im kleinen Presseraum unter der Haupttribüne des Nationalstadions in Reykjavik saß. Island hatte gegen Lettland eine 2:0-Führung verspielt, das Remis brachte den Underdog am Ende um den ersten Platz in seiner Qualifikationsgruppe. Der Post-Party-Kater war da längst verflogen. Als eines der ersten Teams hatte sich Island im September für die EM in Frankreich qualifiziert und das gebührend gefeiert.

Dann sagte Hallgrimsson noch etwas, das wichtig ist, um den Erfolg der Isländer im Sommer 2016 richtig einordnen zu können: "Wir bereiten uns auf jedes Spiel so vor, dass wir es gewinnen können. Ich sage immer: Wenn uns das gelingt, können wir auch Europameister werden." Jetzt sind sie, ganz theoretisch, drei Siege davon entfernt. Dass sie die Gruppenphase überstehen, so richtig hat es im Rest von Europa niemand hören wollen, war von Anfang an fest eingeplant.

Apropos Kater, auch die Engländer machten den Fehler, ihren Gegner auf die Fun Facts zu reduzieren, die den David-Status zwar veranschaulichen, mit dem Erfolg aber nur am Rande zu tun haben. "Die schlimmste Niederlage unserer Geschichte. England ist geschlagen worden von einem Land mit mehr Vulkanen als Fußball-Profis", twitterte Ex-Nationalspieler Gary Lineker. "Ein Land von 330.000 Einwohnern, trainiert von einem Zahnarzt", entschied sich die renommierte "Times" für eine fast schon respektlose Vergleichsgröße, die in der Bestürzung über die Blamage allerdings nachvollziehbar ist. 

Der Zahnarzt heißt Hallgrimsson. "Etwas Bildung kann nie schaden", sagte der 48-Jährige mal gegenüber dem "Guardian". Für die Isländer steckt dahinter auch ein unumgänglicher Pragmatismus. Wenn 4000 Menschen auf einer 13 Quadratkilometer großen Insel vor der Südküste leben, hilft es eben dem Gemeinwohl, wenn viele Bewohner mehr als nur einen Job übernehmen. Nun könnte man sich auch auf Heimaey etwas zurücklehnen und nordisches Laissez-faire walten lassen. Doch die Isländer sind notorische Overperformer.

Die Tore gegen England nahm Hallgrimsson mit einer an Arroganz grenzenden Lässigkeit zur Kenntnis. Beim 1:1 saß er Kaugummi kauend auf der Bank neben Lagerbäck und veränderte seine Körperhaltung nur, indem er sein Kinn auf seine Hand stützte. Beim 2:1 kaute er immer noch Kaugummi, saß mit verschränkten Armen da und drehte sich mit einem "Läuft!"-Lächeln zu Lägerback. Als das Spiel vorbei war, fingen ihn die Kameras immerhin in der erwartbaren Ekstase ein. So ein Vulkan bricht ja auch nicht jede Woche aus.

Das Faszinierende an dieser Erfolgsgeschichte ist, dass sie sich von A bis Z erklären lässt. Die knappste Version besteht aus vier Wörtern: "Mentalität, Hallen, Trainer, Lagerbäck." Zumindest ein vollständiger Satz wäre dieser, den der Jugendleiter von Breidablik Kopavogur, Dadi Rafnsson, einmal auf seinem Blog formuliert hat: "Nirgendwo auf der Welt trainieren so viele Kids so oft, in so guten Einrichtungen, mit so qualifizierten Coaches und für so wenig Geld wie in Island." Zack. Das war's?

Einstellung steckt in den Genen

Na gut, ein bisschen Verknappung ist dabei. Aber die Isländer machen es ihren Gegnern bei der EM eben so schwer, weil sie es so einfach machen. Sie wissen genau, was sie können. Die Einstellung steckt in den Genen, in der Natur dieses Landes, in dem es im Sommer kaum dunkel und im Winter kaum hell wird. Die fußballerischen Voraussetzungen haben sie in den besagten Hallen mit ihren hochqualifizierten Coaches geschaffen. Pro Einwohner gibt es in Island mehr als zehnmal so viele Trainer mit einer Uefa-A-Lizenz wie in England.

Noch wichtiger ist es jedoch, die Grenzen des eigenen Könnens zu kennen. Sobald es hinten zu brenzlig wird, hauen die Isländer den Ball kompromisslos auf die Tribüne. Schließlich sind die Einwürfe der Gegner nicht annähernd so gefährlich wie die eigenen. Keines der 24 Teams bei der EM hat und hatte weniger Ballbesitz. Keines lässt und ließ mehr Torschüsse zu. Trotzdem wirkte der Belagerungszustand in der eigenen Hälfte nur in der ersten Halbzeit des Turniers gegen Portugal so richtig bedrohlich.

82-mal haben die vier Gegner aufs Tor geschossen, nur jeder vierte Versuch ging auch auf den Kasten von Hannes Halldorsson. Die Isländer zwingen ihre Gegner zur Ineffizienz und nutzen selbst brutal ihre Möglichkeiten. 24 von 30 Torschüssen gaben sie im Strafraum ab. Die eigene Quote liegt bei 80 Prozent, die gegnerische nur bei 38. 

Am aussagekräftigsten für den isländischen Pragmatismus ist die taktische Grundformation, ein 4-4-2 in seiner klassischsten Form. Die zwei Viererketten in der Abwehr und im Mittelfeld halten konsequent die Abstände und verschieben so geschickt, dass der Gegner keine Räume findet – als würden sich Islands Fußballer in der Defensive an ihren erfolgreichen Handball-Kollegen orientieren. In den ersten acht Qualifikationsspielen, bis sie vorzeitig das EM-Ticket lösten, spielten sie sechsmal zu Null. Dass auch England nichts Besseres einfiel als damals Tschechien, der Türkei und den Niederlanden, sagt aber viel aus über den Zustand im "Mutterland des Fußballs".

Sieg der U21 gegen Deutschland war der Aha-Effekt

Island hat es also weder mit einer Wildcard zur Europameisterschaft geschafft noch kam die starke Qualifikation aus dem Nichts. Als Erweckungserlebnis gilt der 4:1-Sieg der U21 im Jahr 2010 gegen Deutschland, in der Startelf standen vier EM-Stammspieler von heute. Die Generation setzte sich auch bei den Senioren durch. In der Qualifikation für die WM 2014 scheiterte Island erst in den Play-offs an Kroatien. Neun der elf Spieler, die damals in Zagreb auf dem Platz standen, begannen auch am Montag in Nizza gegen England. Die Quote "Eingespieltheit pro Einwohner" ist demnach ebenfalls überragend. 

Am 17. Juni feiern die Isländer ihren Nationalfeiertag. Der erste Sieg bei einem großen Turnier gegen Österreich am 22. Juni wurde scherzhaft als alternativer Termin vorgeschlagen, um kurz darauf vom 27. Juni abgelöst zu werden. Der 3. Juli soll nun keineswegs kampflos ausgeschlossen werden. "Wir sind Wikinger. Wir haben vor niemandem Angst. Wir haben England geschlagen, also können wir auch Frankreich schlagen", sagte Ragnar Sigurdsson über das Viertelfinal-Duell am Sonntag.

Sein Trainer Hallgrimsson zeigte genauso wenig Zurückhaltung und benutzte ähnliche Worte wie damals im Oktober. "Wenn wir uns gut vorbereiten und mit der gleichen Einstellung spielen, können wir jeden schlagen", sagte er. Die Isländer haben das alles so geplant. Der Plan ist nur schneller aufgegangen, als sie selbst gedacht hätten.

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