| 14.16 Uhr

330.000-Einwohner-Land fährt zur EM
Island schreibt ein Fußballmärchen nach Plan

Das ist EM-Neuling Island
Das ist EM-Neuling Island FOTO: Jannik Sorgatz
Reykjavik. Island hat sich als kleinstes Land der Geschichte für eine Fußball-EM qualifiziert. Das Märchen ist jedoch verblüffend leicht zu erklären – mit einer Reihe richtiger Entscheidungen zur richtigen Zeit. Eine Spurensuche im hohen Norden. Von Jannik Sorgatz

So grimmig, wie er schaut, scheint Eidur Gudjohnsen zu ahnen, dass das hier nicht mehr seine Geschichte ist. Dass er, Islands Rekordtorjäger und einziger Champions-League-Sieger, nur noch als Anekdote darin vorkommt. Wer über Island schreibt, muss sie zwangsläufig erzählen. Also dann gleich zu Beginn: Bei seinem Länderspieldebüt 1996 wurde Gudjohnsen für seinen Vater Arnor eingewechselt, ein Novum in der Fußballgeschichte.

Im Oktober 2015 steht der gealterte Ex-Profi des FC Chelsea und des FC Barcelona auf einer Fechtbahn unter der Haupttribüne des Nationalstadions in Reykjavik. Sie dient als provisorische Mixed Zone nach dem 2:2 gegen Lettland im letzten Heimspiel der EM-Qualifikation. "Ich würde jeden Rekord dagegen tauschen, wenn ich nächstes Jahr nach Frankreich fahren könnte", sagt Gudjohnsen. Er ist inzwischen 37 Jahre alt. Als Island 2013 nur knapp die WM-Teilnahme verpasste, fiel er einem Reporter weinend um den Hals, weil er davon ausging, sein Traum von einem großen Turnier sei für immer geplatzt.

Jetzt hat sein Heimatland das Historische geschafft und Gudjohnsen, mittlerweile in China aktiv, spielt keine große Rolle mehr, nachdem er zwischenzeitlich schon zurückgetreten war. In der 65. Minute wurde er gegen Lettland eingewechselt, kurz darauf glich der Gegner aus und das Spiel lief am mittlerweile etwas hüftsteifen Angreifer vorbei. Das EM-Ticket dürfte er dank Legendenbonus jedoch auch mit einem doppelten Beinbruch sicher haben.

Die Geschichte beginnt in einer riesigen Wellblechhalle

Gudjohnsen steht als respektiertes Maskottchen für das alte Island. Wer das neue Island sucht, findet es zum Beispiel in Kopavogur, einer Vorstadt von Reykjavik mit Einkaufszentrum und eintönigen Wohnblöcken. Hier ist selbst das Land der atemberaubenden Fjorde und mystischen Vulkanlandschaften, dessen Tourismusbranche von Rekord zu Rekord eilt, einmal hässlich. Dafür schreibt man in einer riesigen Wellblechhalle, die aussieht wie ein zu flach gebauter Flugzeughangar, an einer der größten Erfolgsgeschichten des europäischen Fußballs.

Auf 9000 Quadratmetern trainieren an diesem Nachmittag gleichzeitig etwa 100 Jungen und Mädchen aller Altersklassen. Wenn Gudjohnsen und sein Vater die meisterzählte Geschichte des alten Islands waren, stehen die sieben großen Fußballhallen, die seit der Jahrtausendwende gebaut worden sind, stellvertretend für eine Reihe richtiger Entscheidungen zur richtigen Zeit.

Dass sich so viele Einwohner wie in Bielefeld auf eine Fläche verteilen, die größer ist als Österreich, fällt kaum ins Gewicht. Denn zwei Drittel aller Isländer leben im Großraum Reykjavik. Nur 20.000 registrierte Fußballer und Fußballerinnen, davon nach Verbandsangaben 15.000 unter 15 Jahren, machen die Sache übersichtlich.

"Für die Nationalmannschaft braucht man ja nicht 100 gute Spieler", sagt Olafur Brynjolfsson. Er sitzt am Rand der Halle von Breidablik UBK und schaut seiner Tochter zu, die gerade eine komplexe Kopfballübung absolviert. Die Zehnjährige gehört zu einer Generation, die es nicht kennt, aus dem Fenster zu schauen und sich wegen des rauen Wetters gegen Fußball im Freien zu entscheiden. "Ich liebe den Sommer in Island", steht auf T-Shirts, die in den Souvenirläden verkauft werden, "er ist der beste Tag des Jahres." Isländern wird nachgesagt, dass sie sich mit den Dingen abfinden, die sie nicht ändern können. Wind und Regen gehören dank der Fußballhallen nicht mehr dazu.

Exzellente Trainerausbildung

Familienvater Brynjolfsson trägt einen Trainingsanzug von Valur Reykjavik. Dort coacht er das Frauenteam und verkörpert den zweiten Grund für Islands Aufstieg. "Nicht nur die Hallen sind ein Faktor", erklärt Brynjolfsson und zeigt auf das Treiben vor sich. "Unsere Trainer sind exzellent ausgebildet. Alle haben mindestens eine B-Lizenz." Ende des vergangenen Jahres zählte der Verband sogar 191 Trainer mit einer A-Lizenz – sechsmal so viele pro Einwohner wie in anderen skandinavischen Ländern, an denen sich die Isländer oft orientieren. "In Schweden oder Dänemark trainieren in der Regel Väter ohne besondere Ausbildung die Kids. Dabei zeigt die Wissenschaft, dass im Alter von acht bis zwölf Jahren die wichtigsten Grundlagen geschaffen werden", sagt Brynjolfsson.

Als Island noch in einem Atemzug mit Andorra, Liechtenstein und Malta genannt werden konnte, fehlten in dieser Hinsicht die Strukturen. Dann wurde Sigurdur Ragnar Eyjolfsson im Jahr 2002 technischer Direktor des Verbandes und erstellte erst einmal einheitliche Trainingspläne. Vorher hatte das Bauchgefühl den Ton angegeben.

Zugang zu den Hallen hätten die Kinder und Jugendlichen zudem für einen geringen Beitrag, erklärt Brynjolfsson, die Gemeinden steuerten noch einen Teil bei. Einer der wichtigsten Ausbilder Islands, Breidabliks Jugendleiter Dadi Rafnsson, fasst das System auf seinem Blog in einem Satz zusammen: "Nirgendwo auf der Welt trainieren so viele Kids so oft, in so guten Einrichtungen, mit so qualifizierten Coaches und für so wenig Geld wie in Island."

Mit glücklicher Fügung lässt sich der Erfolg nur an einer Stelle erklären: Die wichtigsten Investitionen wurden getätigt, kurz bevor der Finanzsektor im Jahr 2008 kollabierte. Die Krise hätte alles mindestens eine Generation nach hinten verschoben. Inzwischen hat sich die Wirtschaft wieder erholt.

Wen auch immer man jedoch fragt, ein dritter Grund, kaum planbar allerdings, fehlt nie. "Wir denken immer so groß wie möglich", sagt Brynjolfsson, die Bereitschaft, sich für seine Ziele aufzuopfern, sei in der Bevölkerung ungewöhnlich groß. Das gelte für den Traum vom großen Haus genauso wie für den Sport. Er selbst arbeitet Vollzeit in einer Bank, trainiert dazu die Erstliga-Frauen von Valur und hospitiert zur Fortbildung regelmäßig bei Klubs im Ausland. "Reich wird man dadurch nicht", sagt Brynjolfsson und lacht, "zumindest nicht finanziell."

Selbst der Vulkanausbruch lässt die Isländer kalt

Die Jeder-macht-alles-Mentalität der Isländer ist nicht kopierbar für strauchelnde Fußballnationen. Aufopferungsvoller Einsatz mischt sich mit einer Kreativität, die Halldor Laxness einen Nobelpreis für Literatur und Björk eine Weltkarriere im Musikgeschäft beschert hat. Auf den ersten und auch auf den zweiten Blick scheint dem Land alles zu gelingen. Selbst die Finanzkrise ist so gut wie überstanden. Und als 2010 der Vulkan Eyjafjallajökull den europäischen Flugverkehr lahmlegte, zuckten viele Isländer mit den Schultern und dachten sich: 'Das war doch nur der siebtgrößte.'

Der isländische Soziologe Vidar Halldorsson hat sich konkret mit der Mentalität der Fußballer beschäftigt. Nicht die Gene, sondern soziale Faktoren spielten demnach eine entscheidende Rolle. "Die Sportler hierzulande werden mehr von intrinsischen Motiven getrieben als von extrinsischen", zitiert ein Magazin den Wissenschaftler. Was heißen soll: Der Spaß an der Herausforderung ist wichtiger als die Belohnung, die im Erfolgsfall winkt – was im Fußball neben dem Ruhm vor allem das Geld wäre.

Weniger wissenschaftlich geht es naturgemäß beim Friseur zu. Wer etwas über die Seele eines Volkes erfahren will, wird hier aber auch in Island fündig. "Wenn wir für eine Sache brennen, dann richtig", sagt Bryndís beim Haareschneiden am Vormittag vor dem Lettland-Spiel. Am Fußball führe momentan kein Weg vorbei. Doch das bekämen wiederum die Handballer zu spüren, die nach dem Gewinn der Silbermedaille bei den Olympischen Spielen 2008 in Peking die großen Helden waren. Alle Gesprächspartner in Island erwähnen die Verdrängungseffekte des Fußball-Hypes, Volkstrauer sieht jedoch anders aus. "Wenn der Erfolg in einem bestimmten Bereich nachlässt, lässt auch das Interesse schlagartig nach", sagt Bryndís nüchtern. Auch in Island haben die Tage 24 Stunden, obwohl sie sich im Sommer länger anfühlen, wenn die Sonne nur kurz verschwindet.

Isländer wachsen in dem Wissen auf, im Laufe ihres Lebens mitunter in mehr als eine große Rolle zu schlüpfen. Bei nur 330.000 Einwohnern kommt es vor, dass der Bürgermeister der Hauptstadt ein Komiker ist, oder der Fußball-Nationaltorwart einer der bekanntesten Filmemacher des Landes. Hannes Halldorsson verkörpert damit ein Kuriosum, das sich an Fußballhallen und A-Lizenz-Trainern vorbeigemogelt hat. Mit 21 Jahren wog er noch 105 Kilo und saß meistens auf der Tribüne. "Damals hätte er wohl mehr Chancen gehabt, Islands erfolgreichster Strandtuchverkäufer zu werden als Nationaltorwart", schrieb das Magazin "11 Freunde" zynisch über Halldorsson. Jetzt wird er im Sommer 2016 zur EM fahren, für Werbespots und Musikvideos bleibt da wenig Zeit.

Vidir Sigurdsson hat den Fußball in seiner Heimat schon begleitet, als Island noch einen exotischen Klang hatte wie Papua-Neuguinea. Auf die Frage, wo die Nationalmannschaft überhaupt Schwächen hat, antwortet der Sportjournalist: "Vor der Qualifikation hätte ich gesagt, dass die Abwehr inklusive Keeper Halldorsson ein Knackpunkt ist. Aber dann haben sie in den ersten acht Spielen sechsmal zu Null gespielt."

Als Island die Weltmeister schlug...

Als Erweckungserlebnis gilt das 4:1 der U21 in der EM-Qualifikation gegen Deutschland im Jahr 2010. Der Kern des heutigen Teams um den Ex-Hoffenheimer Gylfi Sigurdsson, Kapitän Aron Gunnarsson und Namenswitz-Garant Kolbeinn Sigthorsson besiegte die späteren Weltmeister Mats Hummels und Benedikt Höwedes. "Da spürten die Leute zum ersten Mal, was in Zukunft möglich sein könnte", sagt Journalist Sigurdsson und nippt auf der Tribüne des Laugardalsvöllur an seinem Kaffee.

Wie leichtfüßig Island die schwierige Gruppe mit den Niederlanden, Tschechien und der Türkei gemeistert hat, überraschte jedoch selbst den Optimisten Sigurdsson, der den vierten Grund nennt: das Trainerteam um Lars Lagerbäck und Heimir Hallgrimsson. Mit dem Schweden Lagerbäck sei das Know-how von der großen Fußballbühne nach Island gekommen. "Er hat die Erfahrung aus fünf Turnieren mitgebracht. Damit hatte er vom ersten Tag an den Respekt der Leute sicher", erklärt Sigurdsson. Sein Landsmann Hallgrimsson, der nach der EM alleine übernehmen soll, habe die nötige Cleverness, um Teams weiterzuentwickeln. Außerdem sei er stark darin, den Gegner zu lesen.

Der 48-jährige Hallgrimsson kommt von der Insel Heimaey vor der Südküste Islands, die in seiner Kindheit bei einem Vulkanausbruch komplett von Asche bedeckt wurde. Beim lokalen Klub IB Vestmannaeyjar trainierte Hallgrimsson erst die Frauen, dann die Männer, die er nach dem Abstieg zurück in die erste Liga und dort zu zwei dritten Plätzen führte. Auch er hat in seinem Leben mehr als eine Rolle ausgefüllt: Hallgrimsson ist gelernter Zahnarzt.

Gegen Lettland hätte seine Mannschaft zur Pause schon alles klar machen müssen, gab dann aber noch eine 2:0-Führung aus der Hand. "Wenn wir nicht die Dinge machen, die uns sonst auszeichnen, kann es grausam werden", sagt Hallgrimsson danach. Das Hackentrick-Festival nach der Pause gefiel ihm gar nicht. Unzufriedenheit kennen sie im isländischen Fußball fast nicht mehr.

Island rechnet fest mit dem Einzug ins Achtelfinale

Als es um die Ziele für die EM geht, zeigt der Trainer jedoch so etwas wie realistischen Größenwahn: "Wir bereiten uns auf jedes Spiel so vor, dass wir es gewinnen können. Ich sage immer: Wenn uns das gelingt, können wir auch Europameister werden." Noch ein Indiz, dass sie in Island eben so groß wie möglich denken. Der Sprung ins Achtelfinale sei fest eingeplant, meint Sigurdsson. Sensationspotenzial gibt es offenbar nur noch für die Konkurrenz – beim Versuch, diese Geschichte wider Erwarten zu kopieren.

Und sie scheint nachhaltig zu sein in Island. Die aktuelle U21 von Ex-Bundesliga-Spieler Eyjolfur Sverrisson ist stark in die EM-Qualifikation gestartet, hat unter anderem Frankreich geschlagen. "Die Leute warten sehnsüchtig darauf, dass dieser Jahrgang reif ist für die A-Nationalmannschaft", sagt Sportreporter Sigurdsson. Ein Rückfall in triste Zeiten sei nicht absehbar. Dass Eidur Gudjohnsen im Nationalteam einmal Platz macht für seinen Sohn, kann man deshalb ausschließen. Sveinn ist erst 17. Im neuen Island gibt es da noch viel zu lernen.

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