| 18.52 Uhr

Foto sorgte in England für Wirbel
Jamie Vardy – Held mit Nikotin und Koffein im Blut

Vardy kommt rein und trifft zum Ausgleich
Vardy kommt rein und trifft zum Ausgleich FOTO: afp
Der Kontrolleur wäre wohl fündig geworden. Mit Koffein und Nikotin im Blut rettete Jamie Vardy England in der "Battle of Britain" – das mutmaßt nach dem "Doping-Foto" des Stürmers zumindest die britische Presse. "Die Vorstellung, dass er noch ein letztes Mal an der Fluppe zieht, eine Tasse Kaffee runterkippt und Roy Hodgson sagt, er sei bereit, scheint nicht so weit hergeholt", schrieb die "Daily Mail" nach dem 2:1 (0:1) gegen Wales.

Aufgedreht war der 29-Jährige jedenfalls, als er zu Beginn der zweiten Halbzeit aufs Feld lief und nur elf Minuten später mit seinem vierten Tor in den letzten fünf Länderspielen die "Three Lions" aufweckte. Auch beim Siegtor des zweiten Superjokers Daniel Sturridge in der Nachspielzeit war Vardys Fuß im Spiel.

Ein Foto hatte den Stürmer des Sensationsmeisters Leicester City zwei Tage zuvor mit einem Energiedrink und einer Dose Kautabak vor dem Teamhotel gezeigt – und für viel Wirbel gesorgt. Beide Genussmittel enthalten Stimulanzien, die auf der Beobachtungsliste der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) stehen: Koffein und Nikotin. Ihr Konsum ist allerdings nicht verboten und damit kein Dopingvergehen.

Vardy-Party mit Wodka und Kokain

Dass Vardy, der noch vor wenigen Jahren in einer Fabrik arbeitete und nach einer Kneipenschlägerei eine Fußfessel tragen musste, andere Gewohnheiten als der durchschnittliche Fußballprofi hat, wissen auch die Fans. "Jamie Vardy's having a party, bring your vodka and your charlie", singen sie in Leicester: Zur Fete des Spätberufenen mögen Wodka und Kokain mitgebracht werden.

Vardy blieb nach seinem ersten EM-Einsatz aber ganz nüchtern. "Jeder will in der Startelf stehen", sagte der 29-Jährige, der beim 1:1 zum Auftakt gegen Russland 90 Minuten nur Zuschauer gewesen war: "Es ist ein Mannschaftsspiel, es gibt 23 Spieler. Wenn du von der Bank kommt, willst du Einfluss nehmen, das habe ich glücklicherweise gemacht." Ansprüche stellte er nicht: "Das ist Sache des Trainers."

Roy Hodgson, der mit Vardy und Sturridge für die schwachen Angreifer Harry Kane und Raheem Sterling den Sieg einwechselte, durfte sich zwar über sein "Goldhändchen" freuen. Sollte er aber am Montag (21 Uhr/Live-Ticker) gegen die Slowakei die beiden Matchwinner nicht schon zum Anpfiff aufs Feld lassen, wäre der Sturm der Entrüstung gewaltig.

Vom Fünftligisten zum englischen Meister

Für Vardy war der Auftritt in Lens ein weiterer Höhepunkt einer unglaublichen Karriere. Vor vier Jahren kickte der Spross einer Arbeiterfamilie aus Hillsborough noch für den Fünftligisten Fleetwood Town. Als Jugendspieler war er bei Sheffield Wednesday als zu klein aussortiert worden. Der Traum von der Profikarriere schien geplatzt, Vardy arbeitete in einer Kohlefaserfabrik und stellte Fußprothesen her.

Nach einer Schlägerei trug er eine Fußfessel, kletterte beim Achtligisten Stocksbridge Park Steels nach den Spielen über den Zaun, um die auferlegte Ausgangsperre einzuhalten. Auswärts musste er früh ausgewechselt werden. "Zum Glück hatte ich eine große DVD-Sammlung", erzählte Vardy. Weil er überall Tore wie am Fließband schoss, kündigte er seinen Job in der Fabrik.

2012 wurde der damalige Zweitligist Leicester auf "The Cannon", die Kanone, aufmerksam. Hodgson, damals Teammanager von West Bromwich Albion, wollte Vardy nicht. Vier Jahre und einen Sensationstitel mit 24 Toren später hat der Trainer-Oldie seine Meinung geändert.

(sid)
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