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Rassismus-Debatte vor der EM
Ausgeschlossener Benzema spaltet Frankreich

Real-Stars feiern mit ihren Fans im Bernabéu
Real-Stars feiern mit ihren Fans im Bernabéu FOTO: afp
Eine Woche vor dem EM-Auftakt bekommt Frankreich eine Rassismus-Debatte. Der ausgebootete Stürmerstar Karim Benzema erhebt schwere Vorwürfe.

Er darf für Frankreich nicht bei der EM treffen - stattdessen trifft Karim Benzema die Grande Nation wenige Tage vor dem Turnierstart im eigenen Land an ihrem wunden Punkt. "Er hat sich dem Druck eines rassistischen Teils von Frankreich gebeugt", so klagte der umstrittene Torjäger von Real Madrid den Nationaltrainer Didier Deschamps nach seiner Ausbootung aus dem EM-Kader an. Er löste damit eine Rassismus-Debatte aus, die kurz vor dem Eröffnungsspiel am 10. Juni Wellen bis in höchste politische Kreise schlug.

Sportminister Patrick Kanner zeigte sich entrüstet über die "inakzeptablen Äußerungen" des 28-jährigen Sohnes algerischer Einwanderer, der wegen der sogenannten Sextape-Affäre bereits seit Ende 2015 keine Berücksichtigung mehr im Nationalteam fand. Der frühere Premierminister François Fillon sagte dem TV-Sender RTL, er finde Benzemas Äußerungen "unerträglich". Die Probleme des Landes auf Fragen der Herkunft oder Religion zurückzuführen, sei "kein Anzeichen von guter Gesundheit", sagte der konservative Politiker.

Der einstige Bildungsminister Benoit Hamon (Sozialistische Partei) sprang Benzema dagegen ein Stück weit bei. "Deschamps ist sicher kein Rassist. Aber Benzema liegt richtig, wenn er sagt, dass wir in einem Land leben, in dem der Rassismus zunimmt." Der ebenfalls sozialistische Premierminister Manuel Valls hatte sich dagegen bereits vor Wochen öffentlich gegen eine Nominierung Benzemas ausgesprochen, weil ein großer Sportler "immer ein Vorbild sein" müsse.

Fotos: Coman überzeugt gegen Kamerun FOTO: afp, lv

Für die Fans ist klar, dass der 28-Jährige weit über das Ziel hinausgeschossen ist. In einer Online-Abstimmung der Sportzeitung L'Equipe erklärten am Mittwochmittag mehr als zwei Drittel der knapp 4500 Teilnehmer, den Torjäger in nächster Zeit nicht mehr im Trikot der Bleus sehen zu wollen.

Dagegen versuchte Verbandspräsident Noel Le Graet, wohl auch im Interesse der Mannschaft, die Wogen zu glätten: "Benzema ist nicht auf Lebenszeit suspendiert. Nach der EM sehen wir weiter." Er wünsche sich, nicht mehr über "diese kleine Meinungsverschiedenheit" zu sprechen.

Rashford trifft beim Länderspiel-Debüt für England FOTO: ap, SH

Sportliche Gründe für seine Nicht-Berufung ließ Benzema, der in seinen Ausführungen auch Bezug nahm auf die immer stärker werdende rechtspopulistische Partei Front National, nicht gelten. "Ich weiß nicht, ob es allein die Entscheidung von Didier war, denn ich komme sehr gut mit ihm zurecht. Genauso mit Le Graet und jedem anderen", führte der Torjäger uneinsichtig aus, er klagte: "Auf sportlicher Ebene verstehe ich das nicht. Und auf juristischer Ebene gelte ich solange als unschuldig, bis meine Schuld erwiesen ist."

Der Profi von Real Madrid war im Dezember aus der Nationalelf ausgeschlossen worden, nachdem Bekannte Benzemas dessen Nationalmannschaftskollegen Mathieu Valbuena (Olympique Lyon) mit einem Sexvideo erpresst hatten. Benzema soll auf Valbuena Druck ausgeübt haben, das geforderte "Schweigegeld" von 150.000 Euro zu zahlen. Ihm drohen bis zu fünf Jahre Haft.

Mittelfeldspieler Valbuena fehlt ebenfalls im 23-köpfigen Aufgebot des zweimaligen Europameisters für das Turnier im eigenen Land (10. Juni bis 10. Juli). Ausgerechnet diesen griff Benzema nun ebenfalls an: "Er ist der einzige, der die Wahrheit kennt. Er hat eine Rolle gespielt, er hat nicht die Wahrheit gesagt. Ich wollte ihm helfen, jetzt dreht sich das Ganze gegen mich."

Erst vor wenigen Tagen hatte der frühere Nationalstürmer Eric Cantona Rassismus-Vorwürfe gegen seinen einstigen Nationalmannschaftskollegen Deschamps (47) erhoben. Dieser habe Benzema und Hatem Ben Arfa (OGC Nizza) wegen ihrer nordafrikanischen Herkunft nicht berufen. Dabei übersah Cantona, dass der marokkanisch-stämmige Adil Rami (FC Sevilla) es in den 23-köpfigen Multi-Kulti-Kader geschafft hatte. Deschamps hatte auf diese Attacke hin seine Anwälte eingeschaltet.

Benzema, der mit 27 Toren in 81 Länderspielen in den letzten Jahren die gefährlichste Waffe der Equipe Tricolore war, dürfte ähnliches blühen.

(sid)
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