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Redakteurin in Reykjavik geboren
Mein Island

EM 2016: Mein Island
RP-Redakteurin Solveig Pudelski wurde in der isländischen Hauptstadt Reykjavik geboren. FOTO: Jürgen Moll
Remscheid. Unsere Redakteurin ist in Reykjavik geboren. Ein Fußballfan war sie nie – bis das Team aus der Heimat ihrer Mutter ihr Herz eroberte. Von Solveig Pudelski

Zugegeben, ein ausgewiesener Fußballfan bin ich nicht - aber eine halbe Isländerin. Diese Wurzeln kommen zur Europameisterschaft durch. Ich staune selbst. Immer habe ich behauptet, mir fehle das deutsche Fußball-Gen. In der Saison fiebern meine männlichen Kollegen treu mit ihrem Lieblings-Fußballverein - Dortmund, Köln und Frankfurt - so tief er auch in der Tabelle abrutschen mag. Und der deutschen Nationalmannschaft trauen sie ohnehin nur den EM-Sieg zu. Ich dagegen war immer die Beobachterin dieser deutschen Fußballbegeisterung. Ein Zaungast, den die EM eher kühl ließ.

Kopfschüttelnd hörte ich die Kollegen sagen: "Wir haben gewonnen." Wieso "wir?". Bis Island ins Spiel kam - und ich mich im Nu in einen Fan verwandeln sah. Jubelnd springe ich jetzt vor dem Fernseher hin und her, wenn Island ein Tor schießt. Ich höre mich Landsleute wie Bikir Bjarnason, Alfred Finnbogason und Jon Dadi Bödvarsson mit "Island, Island, noch ein Tor" anfeuern. Ich klatsche und rufe hier im fernen Bergischen Land lauthals "Hu! Hu! Hu!" mit den isländischen Fans im Stadion, unter denen einige Verwandte sitzen dürften. Bei nur 330.000 Einwohnern sind viele mit vielen verwandt.

Die ganze Nation schaut zu

Diese Begeisterung der Isländer reißt mich mit wie ein glühender Lavastrom. Seit Kolbeinn Sighthórson gegen England das zweite Tor in dem unsäglich spannenden Spiel schoss, traue ich meinen Landsleuten noch viel, viel mehr zu. Weil sie einen ausgeprägten sportlichen Kampfgeist haben und wissen, dass sie in Frankreich die Nationalehre Islands verteidigen. Die ganze Nation schaut zu. Ich wünsche Island den nächsten Sieg.

Island ist das Land meiner Vorfahren, hier liegen meine Wurzeln. Als Tochter einer Isländerin und eines Deutschen, der aus beruflichen Gründen nach dem Zweiten Weltkrieg nach Island ausgewandert war, kam ich in Reykjavik zur Welt. Meine ersten Worte waren isländisch. Später in der Schule in Deutschland musste ich den Lehrern immer wieder sagen, wie mein Vorname Sólveig richtig ausgesprochen wird. Es klappte nie. Immerhin, die deutschen TV-Sportkommentatoren sprechen die Namen der isländischen Spieler doch recht gut aus. Und endlich nehmen sie Island als junge Fußballnation ernst. Dass Island der Sympathieträger der EM ist, freut mich riesig.

Mentalität und das Nationalbewusstsein der Isländer sind mir vertraut. Sicher, es ist das Land der Wikinger, der Seefahrer, Sagas, der robusten Islandpferde, der Vulkane, Geysire, Gletscher und Wasserfälle. Der düsteren Krimis und der schrägen Sängerin Björk. Blond dominiert - ich passe nicht in das Klischee. Es ist aber auch ein ausgesprochen kinderfreundliches Land. Das Inselvolk liest viel, ist sehr kulturinteressiert, geht oft ins Theater. Isländer sind experimentierfreudig und umweltbewusst. Ob Wirtschaftskrise oder Vulkanausbrüche, sie lassen sich nicht unterkriegen, sind ausgesprochen gelassen. Wer in dieser rauen Gegend - jeder kennt das berüchtigte Islandtief und den Vulkan Eyjafjallajökull - lebt, ist hart im Nehmen. Ein großer Vorteil im Sport. Der Torwart der isländischen Elf, Hannes Thór Halldórsson, mit seiner früheren Schulterverletzung ist das beste Beispiel. Island ist eine sportbegeisterte Nation. Es ist ein Land der Schwimmer, früher auch Ringer, der Handballer und Fußballer. In den 50er Jahren, so berichteten meine Eltern, hat das isländische Team die deutsche Nationalmannschaft besiegt. In Island wurde das ausgelassen gefeiert, in Deutschland damals eher unter den Teppich gekehrt.

Deutschland gegen Island – ob sich diese Begegnung wiederholt? Für mich steht klar fest, für wen ich dann die Daumen drücke.

Quelle: RP
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