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Ricardo Quaresma
Portugals "anderer Ronaldo" ist wieder da

EM 2016 Portugals "anderer Cristiano Ronaldo" ist wieder da
Ricardo Quaresma FOTO: afp
Die Karriere von Ricardo Quaresma ist ein einziges unerfülltes Versprechen. Jetzt, mit 32 Jahren, scheint "der andere Ronaldo" es doch noch einzulösen.

Ricardo Quaresma sagt über sich, er habe in den wichtigen Momenten seines Lebens stets falsch entschieden. Nur dieses eine Mal, im Januar 2012, lag er vollkommen richtig. Der schillernde Fußball-Star wollte einen Kumpel im verrufenen Lissaboner Stadtteil Chelas besuchen, als er plötzlich in die Läufe dreier Pistolen blickte. "Ich bin froh, dass ich mich nicht gewehrt habe", sagte er später.

Die Diebe raubten ihm seine schwere Halskette im Wert von 25.000 Euro, einen dicken Ring (7000) und Bargeld (rund 8000). Aber sie ließen ihn am Leben und gaben Quaresma eine zweite Chance. Doch der Flügelstürmer wusste auch diesmal nichts damit anzufangen. Die Profikarriere des Mannes, den der FC Barcelona einst sogar Cristiano Ronaldo vorzogen hatte, geriet bald wieder ins Stocken.

Ricardo Quaresma - kaum ein Spieler im Weltfußball steht so sehr als Synonym für vergeudetes Talent wie der Portugiese. Erst jetzt, bei der EM in Frankreich und mit 32 Jahren, scheint "der andere Ronaldo", wie er einst genannt wurde, das Versprechen endlich einzulösen. Sein Tor gegen Kroatien brachte Portugal das Viertelfinal-Duell am Donnerstag gegen Polen.

Bis dorthin war es ein langer Weg.

Anfang der 2000er Jahre schafft der Teenager an der Seite von Ronaldo den Durchbruch bei Sporting. Coach Laszlo Bölöni tauft den ungestümen Dribbelkünstler "Mustang" - und der galoppiert wie Ronaldo bald in die Notizbücher der Topklubs. Barca bekommt das Erstzugriffsrecht auf einen der beiden Jungstars - und Präsident Joan Laporta wählt "Harry Potter" Quaresma. CR7 wird in Manchester zum Star, RQ7 stürzt in Katalonien ab.

Er zofft sich öffentlich mit Trainer Frank Rijkaard. "Ich konnte es nicht ertragen, auf der Bank zu sitzen - idiotisch", sagte er später. Es folgen bessere Jahre beim FC Porto, doch als Quaresma 2008 zu Inter Mailand wechselt, geht es erneut bergab. Er wird "Binoni d'oro", schlechtester Zugang der Serie A. Auch in Chelsea läuft's nicht, bei Besiktas wirft er mit einer Wasserflasche nach Coach Carlos Carvalhal.

Falsche Entscheidungen.

Im Januar 2013 wechselt Quaresma mit 29 nach Dubai. Es scheint das Ende. Doch Quaresma erwacht. "Geld ist nicht alles", erkennt er, "es macht Vieles einfacher, aber nicht glücklich." Er sucht sechs Monate einen Klub, kehrt zu Porto zurück, überzeugt, und unternimmt einen zweiten Anlauf bei Besiktas. "Dort", sagt Quaresma, "fühle ich mich wie ein König. In Portugal habe ich nie eine solche Wertschätzung erfahren."

In der Heimat ist der Sohn einer Roma für Viele nur der "puto lelito", der verdammte Zigeuner, der sein Talent weggeworfen hat. Vor Frankreich spielte er nur bei einem Turnier (EM 2008). Als Fernando Santos 2014 die Seleccao übernimmt, holt er Quaresma dennoch zurück - auch auf Ronaldos Wunsch.

In Frankreich sind beide unzertrennlich. Auf Reisen sitzen sie nebeneinander, im Training scherzen sie. Gegen Ungarn legte Quaresma, dessen rechte Wange zwei tätowierte Tränen zieren, seinem Kumpel das Tor zum 3:3-Endstand auf. Nach dem Siegtreffer gegen Kroatien bedankte sich Ronaldo via Instagram bei "meinem verdammten Zigeuner" - (nur) CR7 darf das.

Das Blatt Record schrieb von der "Wiedergeburt des Mustangs". Ronaldo schwärmte: "Die Seleccao hat diesen Mann dem Fußball zurückgegeben." Und diesmal will Quaresma bleiben. "Giggs, Zanetti, Pirlo - sie alle haben ewig gespielt. Das möchte ich auch."

(sid)
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