| 20.59 Uhr

Sieben Schweizer Jerseys kaputt
Leichte Trikots reißen leicht

So viel kosten die Trikots der EM-Teilnehmer
So viel kosten die Trikots der EM-Teilnehmer
Düsseldorf. Für Spötter war es, als ob am Sonntag bei der Partie zwischen Frankreich und der Schweiz Geburtstag, Weihnachten und Ostern auf einen Tag fielen. Das lag weniger daran, dass spielerisch misslungene Darbietungen viel Angriffsfläche boten, als vielmehr an der Schweizer Arbeitskleidung. Von Patrick Scherer

Beobachter im Stadion in Lille zählten sieben Trikots, die während des Spiels ausgetauscht werden mussten. Sie wiesen nach mehr oder weniger heftig geführten Zweikämpfen mehr oder weniger große Löcher auf. Häme folgte umgehend. "Trikotgate" war das Schlagwort in sozialen Netzwerken. "Was ist bloß mit unseren Nati-Shirts los?", fragte das Schweizer Boulevardblatt "Blick". Und Xherdan Shaquiri, dessen Trikot 90 Minuten tapfer durchgehalten hatte, nahm die Materialschlacht als Vorlage: "Ich hoffe, dass Puma keine Pariser macht..." Dem Hersteller war nicht zum Lachen zumute. Klar, denn den Schaden hat das Unternehmen aus Herzogenaurach. Werbung sieht anders aus.

"Fehlerhafte Materialcharge"

Der Ausrüster ließ seine Produktexperten das Trikotmaterial untersuchen. Patrick Abatangelo, der für Puma die Schweizer Mannschaft begleitet, sagte: "Wir hatten noch nie Probleme mit den Shirts. Weder bei der italienischen Nati noch bei Arsenal." Nach Abschluss der Untersuchungen hieß es in einer offiziellen Stellungnahme vom Sportartikelhersteller aus Herzogenaurach: Bei der Fertigung in der Türkei habe es "eine fehlerhafte Materialcharge gegeben". Dadurch sei der fertige Trikotstoff "geschwächt" worden. Das defekte Material sei nur "in einer kleinen Stückzahl der Schweizer Heimtrikots verwendet" worden. Die von Puma ausgestatteten EM-Teilnehmer Italien, Österreich, Slowakei und Tschechien seien nicht betroffen.

Lutz Vossebein ist Prodekan an der Hochschule Niederrhein in Mönchengladbach. Spezialgebiet: Textiltechnologie, textile Prüfungen und Qualitätsmanagement. Er ist der Meinung, dass es ein generelles Problem bei der Produktentwicklung gibt. Für Vossebein ist das Streben nach dem besten Material der Grund für die Risse in den Schweizer "Liibli": "Es wird am Limit gebaut. Da kann eine Grenze überschritten worden sein. Die Trikots der Schweizer Nationalspieler sind völlig anders als die normalen Fantrikots. Die Fans wollen sie ja auch ein paar Mal tragen und waschen", sagt Vossebein.

Bei den Top-Nationen, die von den führenden Herstellern ausgerüstet werden, gibt es deshalb zwei Trikotausführungen. Das "Authentic Jersey" und das "Replica". Letzteres ist für den Handel und die Fans bestimmt. Auf dem Trikot befinden sich hochwertige, dicke, aufgestickte Embleme und auch der Stoff ist dicker. "Die Spieler wollen aber andere Trikots", erklärt Vossebein, der Hochschulleiter der öffentlichen Prüfstelle für Textilwesen ist. "Die Jerseys sollen leicht sein und den Schweiß abtransportieren. Deshalb spart man am Material. Nicht wegen des Geldes, sondern weil die Spieler die Trikots gar nicht spüren sollen."

Keine Baumwolle, dafür Polyester- und Polyamid-Kunstfasern

Baumwolle wird dabei in allen Trikots gar nicht mehr verarbeitet. Polyester- und Polyamid-Kunstfasern sind das Material der Wahl. Die Trikots werden nicht gewebt, sondern als Maschenware hergestellt. "Sie sind daher ohnehin flexibler als normale T-Shirts. Deshalb wird auf Elastan verzichtet, um sie noch dehnbarer zu machen."

Das Wettrennen um das beste Trikot läuft schon lange. Puma preist seine Authentic-Technologie an: "ACTV-Bandagen sind im Inneren des Shirts an anatomisch wichtigen Stellen platziert. Dort üben sie Mikromassagen auf den Hautbereich aus und fördern so eine schnellere und effektivere Energieversorgung der Muskulatur." Bei Adidas klingt das so: "Die Climacool-Technologie ermöglicht Luftzirkulation und sorgt so für ein angenehm kühles Tragegefühl."

Adidas, Nike oder Puma bieten Replica-Trikots aller Verbandspartner an. Bei allen kostet diese Version rund 85 Euro. Wenn ein Fan die Leichtigkeit eines Authentic-Trikots spüren will, muss er bis zu 140 Euro investieren. Zumindest von den großen Nationen bieten die Hersteller auch die Trikots zum Kauf an, die tatsächlich von den Spielern getragen werden.

Ein Verkaufsrenner ist derzeit weder das deutsche Replica- noch das Authentic-Trikot. "Wir sehen gerade, dass der Einzelhandel in Panik gerät. Dadurch wird zwangsläufig eine Preislawine in Gang gesetzt, bei der sich der Handel allerdings ins eigene Fleisch schneidet", sagt Peter Rohlmann, Inhaber des Beratungsunternehmens PR Marketing in Rheine der "FAZ" vor der EM. Rohlmann hatte eine Studie zu Preisen und Profiten des deutschen EM-Trikots von Adidas verfasst. Für Rohlmann hat der Handel den Bedarf überschätzt. Mittlerweile wird das Replica-Trikot in vielen Geschäften für rund 55 Euro verkauft.

Bei Adidas läuft somit auch nicht alles rund. In der Partie zwischen der Schweiz und Frankreich platzte zudem in der 54. Minute der Ball. Und der wird vom lokalen Rivalen Pumas hergestellt. Vielleicht äußerte der Konkurrent aus Herzogenaurach deshalb am Montag Mitgefühl in Sachen "Trikotgate". "Das ist uns auch schon passiert, ich bin überzeugt, dass die Kollegen von Puma sehr schnell reagieren werden", sagte Adidas-Chef Herbert Hainer.

Und Textil-Experte Vossebein sah das Löcherfestival aus einem ganz anderen Blickwinkel: "Eigentlich trägt das Trikot ja so dazu bei, dass der Schiedsrichter sieht, dass der Spieler gefoult worden ist."

Quelle: RP
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