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Welche Spielweise wählt das DFB-Team?
4-2-3-1? 3-4-2-1? 3-5-2?

EM 2016: Welche Taktik wählt das DFB-Team?
FOTO: Ferl
Düsseldorf. Unser Kolumnist Tobias Escher hat sich mit den Spielweisen der deutschen Nationalmannschaft sowie der 23 anderen EM-Teilnehmer auseinandergesetzt. Das Ergebnis: Die Löw-Truppe eifert den Bayern nach, und Wales ist Geheimtipp.

Als Taktikfuchs war ich lange Zeit kein großer Fan der Nationalmannschaften. Der Fußball auf internationaler Ebene hinkte dem Vereinsfußball lange hinterher. Kein Wunder, schließlich haben Nationaltrainer nur wenige Wochen im Jahr Zeit, den Spielern ihre taktischen Ideen zu vermitteln. Für komplexe Winkelzüge à la falsche Neun oder ein komplexes Positionsspiel Marke Pep Guardiola bleibt keine Zeit.

Arbeit ist akribischer und geht stärker ins Detail

Früher haben nur wenige Nationaltrainer ihre Zeit mit dem Team genutzt, um taktisch zu trainieren. Philipp Lahm berichtete in seiner Autobiografie, dass noch unter Rudi Völler bei der Nationalelf nicht über Taktik geredet wurde. Erst unter Jürgen Klinsmann seien moderne Trainingsmethoden eingeführt worden. Mittlerweile hat der Nationalmannschafts- zum Vereinsfußball aufgeschlossen. Die Strukturen haben sich in vielen Verbänden professionalisiert, die Arbeit ist akribischer und geht stärker ins Detail.

Manche Nationalmannschaften eifern beispielsweise den Bayern und dem FC Barcelona nach und setzen auf Ballbesitz. Das Spiel der deutschen oder der spanischen Nationalmannschaft ist noch nicht ganz so komplex wie jenes der Klub-Mannschaften. Doch auch sie setzen auf lange Ballstafetten, abgestimmte Laufwege und fest einstudierte Spielzüge.

Im letzten Testspiel der Deutschen gegen Ungarn wirkte es sogar so, als habe Joachim Löw im Detail vorgegeben, wie sich die Spieler zu positionieren haben. Linksverteidiger Jonas Hector sprintete weit nach vorne, Linksaußen Julian Draxler orientierte sich in die Mitte. Deutschland spielte bewusst Verlagerungen von der halbrechten Seite hinaus auf den linken Flügel. Dort brachten Hector und Draxler den Ball in den Sechzehner. Auch Mesut Özil, Mario Götze und Thomas Müller bewegten sich passend zu diesen Spielzügen. Solch komplexen Fußball gab es vor zehn Jahren noch nicht bei der Nationalmannschaft.

Das schnelle Umschaltspiel

Auch die zweite große taktische Schule des modernen Fußballs manifestiert sich mittlerweile im Nationalmannschaftsfußball - das schnelle Umschaltspiel. Die Engländer sind dieses Jahr eine der konterstärksten Nationen, die beim Turnier vertreten sind. Sie spielen bereits den ersten Pass vertikal und versuchen, ihre schnellen Stürmer Jamie Vardy und Harry Kane einzusetzen.

Aber auch die Österreicher begeistern mit einem aggressiven, schnellen Spiel. Ihr 4-4-2-Pressing kennt man aus der Bundesliga. Die Stürmer laufen früh an, die gesamte Mannschaft rückt nach, die Viererkette rückt vor bis an die Mittellinie. Möglichst kompakt wollen die Österreicher stehen, dabei den Gegner bereits in deren Hälfte unter Druck setzen. Trainer Marcel Koller feilte mehrere Jahre an dieser Strategie. Auch das ist neu im Nationalmannschaftsfußball. Kleinere Verbände nehmen sich Zeit, entwickeln ihr Spiel nach einer fest vorgeschriebenen Philosophie. Die Österreicher sind ein Paradebeispiel.

Wales ist ein weiterer Underdog, der mit taktisch cleverem Fußball seine Gegner ärgert. Trainer Chris Coleman impfte seinem Team ein 5-4-1-System ein. Im Zentrum bauen die Waliser ein Fünfeck auf, bestehend aus einer Doppelsechs, einer Doppelzehn und Superstar Gareth Bale als Stoßstürmer. Damit können sie die Spielfeldmitte dominieren und den Gegner früh auf die Außen lenken. Viele Gegner finden kein Mittel gegen den walisischen Zentrumsblock. Bei der Europameisterschaft sind sie mein Geheimtipp - neben den aggressiven Österreichern und den individuell starken Polen.

Wahr ist aber auch, dass nicht jede Nation auf taktisch hohem Niveau agiert. Die Ausschussware ist bei 24 Teilnehmern recht hoch. Viele Außenseiter verteidigen mit zwei Viererketten vor dem eigenen Sechzehner, schließen die Räume und lauern nur auf Konter. Taktische Feinheiten? Fehlanzeige. Spätestens ab der K.o.-Runde werden wir uns aber auf taktisch spannende Spiele freuen können, die den großen Spielen im Vereinsfußball Paroli bieten dürften - zumindest aus taktischer Sicht.

Autor Tobias Escher (28) ist Taktik-Experte. Er betreibt die Internetseite Spielverlagerung.de, auf der er mit seinen Mitstreitern wichtige Spielzüge erklärt.

Quelle: RP
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