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Neun Spieler in England geboren
Wie ein Stammbaum-Schnüffler das neue Wales schuf

EM 2016: Wie ein Stammbaum-Schnüffler das neue Wales schuf
Ashley Williams ist gebürtiger Engländer. FOTO: ap, AF FP
Kapitän Ashley Williams ist einer von neun Wales-Spielern, die eigentlich aus England stammen. Fast alle wurden von Brian Flynn gefunden.

Bei Ashley Williams war es der verräterische Nachname, der Schnüffler Brian Flynn auf die richtige Fährte brachte. Eigentlich wollte der Trainer der walisischen U21 nur Stockports Torhüter Wayne Hennessey beobachten, dann fiel ihm in der Abwehr der Mann mit diesem typisch walisischen Namen auf. Flynn begann zu telefonieren.

"Er rief bei Stockport an und fragte, ob ich zufällig walisische Vorfahren habe. Sie fragten mich, und ich habe 'Ja' gesagt", erzählt Williams, dessen Großvater Bill aus Rhondda stammt. Das war Anfang 2007. Am Mittwoch führt der 31-Jährige, der im englischen Tamworth geboren wurde und als Kind England anfeuerte, die walisische Mannschaft als Kapitän ins EM-Halbfinale gegen Portugal (21 Uhr/Live-Ticker).

Mit seiner Geschichte ist Williams nicht alleine. Neun Spieler aus dem EM-Aufgebot der "Drachen" sind in England geboren. Fast alle wurden von Flynn gefunden, der in ganz Großbritannien nach Talenten mit passenden Wurzeln suchte. "Brian war brillant darin. Wenn dein Hund walisische Vorfahren hätte, würde Flynnie es wissen", erzählte der damalige Nationaltrainer John Toshack einmal dem Telegraph.

Schnüffler Flynn fand sie alle

Bei fünf EM-Fahrern stammt ein Großtelternteil aus Wales, bei vier weiteren entweder Mutter oder Vater. Außergewöhnlich ist diese Vielzahl nicht, die Grenze spielt im Alltag kaum eine Rolle, erst recht nicht bei der Partnerwahl. Das Örtchen Pontesbury etwa, Heimat von Mittelfeldspieler David Edwards, liegt unmittelbar an der Grenze. Wales-Star Gareth Bale wiederum hätte auch für England spielen dürfen.

Schnüffler Flynn fand sie alle, er und Toshack gelten inzwischen als Vater des heutigen Erfolgs. "Flynnie hat damals viele Kilometer abgerissen. Er ist durch das ganze Land gereist und hat junge Spieler gefunden. Wir haben ihnen dann eine Chance gegeben", sagt Toshack, der von 2004 bis 2010 Wales trainierte. Aus dem heutigen Team hat der Großteil unter ihm debütiert.

Der in der Nähe von London geborene Hal Robson-Kanu, Torschütze im Achtelfinale gegen Belgien (3:1), spielte in der Jugend sogar für England. Angreifer Sam Vokes wiederum wusste nichts von seinen walisischen Vorfahren, ehe Flynn nachfragte und Vokes herausfand, dass sein Großvater Mike aus Colwyn Bay stammte. Andy Kings Großvater Robin kommt aus Wrexham.

"Es war Brian Flynn, der die meisten von uns gefunden hat. Wir spielen zusammen, seit wir 16 Jahre alt sind", sagt King (27) vom englischen Meister Leicester City. Der Zusammenhalt sei daher eher größer als bei "normalen" Mannschaften. "Sobald wir das Wales-Trikot überstreifen, gibt jeder der Jungs 100 Prozent, um für das Land zu gewinnen", sagt King.

Die Väter des Erfolgs sind derweil ein wenig in Vergessenheit geraten. Toshack (67) ist nach Stationen in Mazedonien und Aserbaidschan bei Marokkos Traditionsklub Wydad Casablanca gelandet, Flynn (60) arbeitet als Sportdirektor beim englischen Viertligisten Doncaster Rovers. Mit einem Auge aber werden beide am Mittwoch auch nach Lyon schauen, wo "ihre" Entdeckungen Geschichte schreiben wollen. Für Wales.

(sid)
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