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EM-Liebling Island
Hu! Hu! Hu! Hu! Hu! Hu! Hu! Hu!

Island bei der EM 2016: Alle lieben die Wikinger
Die isländischen Nationalspieler feiern mit ihren Fans. FOTO: Imago, Gunnarsson
Nizza. Alle haben die Isländer bei dieser Europameisterschaft schrecklich lieb. Sie machen aus wenig ganz viel und stehen im Viertelfinale. Von Georg Amend und Gianni Costa

Es gibt in diesen Tagen viele Vergleiche, die veranschaulichen sollen, dass diese Geschichte eigentlich gar nicht hätte passieren dürfen. Die Insel vom Polarkreis hat rund 330.000 Einwohner. Das sind ungefähr so viele wie in Bielefeld. Rund zehn Prozent der Isländer sind derzeit in Frankreich. Der Marktwert des Teams soll auf dem Transfermarkt etwa 45 Millionen Euro hoch sein, Portugals Superstar Cristiano Ronaldo wird auf das Doppelte taxiert.

Es ist eine Art Betriebsunfall bei dieser Europameisterschaft, dass sich ausgerechnet das kleine Island bis ins Viertelfinale des Turniers vorgespielt hat. Der Fußball ist keine Schönheit, aber sie spielen ihn mit einer solchen Leidenschaft, dass man die tapferen Wikinger einfach ins Herz schließen muss. Das letzte große Ausrufezeichen haben sie mit dem 2:1 gegen blutleer wirkende Engländer gesetzt. Sie haben gezeigt, was man erreichen kann, wenn man als Gemeinschaft zusammenhält. Am Ende dieses Abends standen sie wieder vor der Anhängerschaft. Sie riefen gemeinsam "Hu!", erst langsam, dann immer schneller, dazu klatschten sie in die Hände. Beim übertragenden öffentlich-rechtlichen isländischen Fernsehsender RÚV lag der Marktanteil am Montagabend bei unfassbaren 99,3 Prozent.

England - Island: die Fakten

Gänsehaut-Faktor garantiert

Island steht für Gänsehaut bei einer EM, die sonst bislang vor allem durch Hooligan-Attacken, Terrorangst und miese Spiele aufgrund des aufgeblähten Turniermodus in Erinnerung geblieben ist. Und dann kommt da eine Mannschaft, die man so gar nicht auf der Rechnung hatte. Nur ein Stammspieler (Gylfi Sigurdsson bei Swansea City in der Premier League) ist in einer der vier großen europäischen Ligen aktiv. Island ist schon jetzt der große Gewinner dieser EM, ganz egal, wie weit der Weg sportlich noch geht. Am Sonntag (21 Uhr) treffen die Skandinavier in Paris im Viertelfinale auf Gastgeber Frankreich.

Pressestimmen: "Das war hirntoter Fußball" FOTO: dpa, hm

Arnor Gunnarsson ist der Bruder des isländischen Kapitäns Aron. Er war eine ganze Weile in Frankreich, das Spiel gegen England hat er in seinem Geburtsort Akureyri gesehen. "Die letzten drei Minuten konnte ich das Spiel nicht mehr gucken. Ich bin raus gegangen. Dann habe ich gehört, dass wir gewonnen haben, bin wieder rein und habe zusammen mit meinem Vater, meiner Frau und meiner Tochter gefeiert", berichtet der 28-Jährige im Gespräch mit unserer Redaktion. "Ich denke, das ist der größte Tag in unserer Sportgeschichte." Es war sein zwei Jahre jüngerer Bruder, der die Fans beim Einklatschen dirigierte. "Das wird seit fünf, sechs Jahren beim Fußball immer so gemacht. Ich weiß nicht, wo es herkommt, aber ich mache da auch immer mit. Ich finde das cool", sagt Arnor Gunnarsson.

Die Geschichte mit dem Einklatschen geht so: Um ihr Team anzufeuern, intonieren die Isländer ein lautes Hu, gefolgt von einem rhythmischen Klatschen. In immer schnellerer Abfolge schwillt der Kampfruf zu einem ohrenbetäubenden Getöse an. Das Ganze erinnert ein wenig an den Haka-Tanz des neuseeländischen Rugbyteams – angsteinflößend und markerschütternd. Mit den Wikingern hat das alles nichts zu tun. Das Ritual wird so oder ähnlich schon seit längerem im Klubfußball praktiziert. Es wurde dann vom Fanverband "Tolfan" (übersetzt: der zwölfte Mann) kurz nachdem der Schwede Lars Lagerbäck 2011 die isländische Nationalelf als Trainer übernommen hatte übernommen und gehört seitdem zum festen Bestandteil der Inszenierung. Denn nicht erst seit der EM gibt es viel Grund zum Jubeln. Bereits in der Qualifikation hat Island den Kontrahenten das Fürchten gelehrt und unter anderem die Niederlande hinter sich gelassen.

Die Fehlergalerie der englischen Nationaltorhüter FOTO: afp

Dazu hatte er in Frankreich ebenfalls Gelegenheit. Mit seiner Familie hatte er ein Haus in Annecy gemietet, unweit des Quartiers der isländischen Nationalmannschaft. "Das haben wir extra so gemacht, damit Aron mal für vier, fünf Stunden vorbeikommen konnte. Zum Tischtennisspielen oder kochen." Die Spiele gegen Ungarn und Österreich sah die Familie im Stadion. "Das war schon richtig schwer", berichtet Arnor Gunnarsson. "Wir sind zu allen Spielen gefahren, 500 Kilometer nach Marseille hin und zurück an einem Tag, 600 Kilometer nach Paris, auch hin und zurück an einem Tag. Aber es hat sich in jedem Fall gelohnt. Da war eine unglaubliche Stimmung."

Aron Gunnarsson ist bei der Europameisterschaft vor allem durch seine unglaublich weiten Einwürfe bekannt geworden. Eigentlich kein Wunder, wenn der Bruder Handball-Nationalspieler in Diensten des Bundesligisten Bergischer HC ist. Doch der Rechtsaußen wiegelt ab: "Bis er 16 war, hat er selber Handball gespielt. Wir haben beide mit vier Jahren mit Handball angefangen, dann mit Fußball und Basketball. Er war ein guter Handballer, zusammen mit Aron Palmarsson (Profi, derzeit beim ungarischen Topklub MKB Veszprém, Anm. d. Red.) das größte Talent im isländischen Handball. Aber er hat sich für Fußball entschieden", sagt Arnor Gunnarsson und ergänzt nach einer kurzen Pause lachend: "Das war bestimmt die richtige Entscheidung."

Sein Bruder versucht, das Erlebte irgendwie in Worte zu fassen. "Ich glaube, unser Land steht Kopf. Es ist ein stolzer Moment, er bleibt für den Rest unseres Lebens in unseren Erinnerungen", sagt Aron Gunnarsson. Mitspieler Ragnar Sigurdsson sagt wunderbare Sätze wie diese: "Wir sind Wikinger. Wir haben vor niemandem Angst. Wir haben England geschlagen, also können wir auch Frankreich schlagen."

Quelle: RP
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