| 19.42 Uhr

Achtelfinaleinzug nur noch theoretisch machbar
Staatsoberhaupt Erdogan zürnt nach Türken-Häme

Tschechien - Türkei: die Fakten
Tschechien - Türkei: die Fakten
Lens . Die Häme gegen das enttäuschende türkische Nationalteam ruft selbst Präsident Erdogan auf den Plan. Vor dem Gruppen-Showdown gegen Tschechien ruft er sein Volk zur Räson. Nationalcoach Terim zeigt sich tief gekränkt und deutet seinen Rücktritt an.

Kein Punkt, kein Tor, kein Rückhalt - die Anfeindungen gegen das Nationalteam bei der Fußball-EM veranlassen selbst das türkische Staatsoberhaupt Recep Tayyip Erdogan zu einer Reaktion. Vor dem letzten Gruppenspiel am Dienstag in Lens (21.00 Uhr/Live-Ticker) gegen Tschechien rief der umstrittene Präsident alle Beteiligten zu mehr Geschlossenheit auf. Vor allem die Häme für Barca-Profi Arda Turan von den Tribünen beim 0:3 gegen Spanien empfand der charismatische Erdogan als unpatriotisch: "Er ist unser Sohn, unser Bruder, der zur besten Mannschaft der Welt gewechselt ist. Schämt ihr euch nicht?"

Zum Leidwesen von Erdogan ist vom einstigen Stolz der Türken auf ihre Nationalmannschaft nach zwei EM-Niederlagen gegen Kroatien (0:1) und Spanien nur wenig geblieben. Vor dem letzten Gruppenspiel gegen Tschechien ist der Achtelfinaleinzug nur noch theoretisch machbar.
"Das hat mich als Staatspräsident sehr traurig gemacht", kommentierte Erdogan die Stimmung in der Türkei.

Terim deutet Rücktritt an

Vor allem Nationalcoach Fatih Terim, dessen schwangere Tochter in den sozialen Netzwerken ebenfalls verspottet worden war, zeigte sich tief gekränkt und sprach gar von Rücktritt. "Ich bin bereit, die volle Verantwortung zu übernehmen", kündigte Terim am Montagabend in Lens an: "Meine Familie ist das Wichtigste überhaupt. Niemand wird sie verletzen. Das werde ich nicht zulassen."

Erdogan hatte vor dem Gruppen-Showdown nicht nur die Profis, sondern auch Terim demonstrativ in Schutz genommen. Die vielen spöttischen Kommentare im Internet bezeichnete Erdogan als "inakzeptabel": "Das sind ganz große Unverschämtheiten. So etwas darf nicht sein."

Terim zeigte sich "frustriert und tief enttäuscht. Ich bin auch nur ein Mensch." Er wandte sich zudem direkt an seine Kritiker und schimpfte: "Sie werden auch irgendwann ihren Teil abbekommen."

Angesichts der Stimmung um das Nationalteam wird ein Abschlusserfolg gegen Tschechien noch unwahrscheinlicher als er ohnehin schon ist. Medienberichte über Querelen innerhalb der Mannschaft runden das Bild ab. Die Mannschaft um die Bundesligaprofis Hakan Calhanoglu (Leverkusen), Nuri Sahin (Dortmund) und Yunus Malli (Mainz) ist bislang eine der großen EM-Enttäuschungen.

Nur ein kleines Fußball-Wunder kann die Türken noch vor dem frühen Aus bewahren. Ein möglichst hoher Sieg gegen Tschechien wäre dafür einerseits nötig. Zudem müssten die Türken darauf hoffen, dass nicht noch vier andere Gruppendritte am Ende der Vorrunde am Mittwoch besser sind.

"Türkei ist der schwächste Gegner in der Gruppe"

Angesichts der bisherigen Leistungen fragt man sich, wer die Tore schießen soll. Tschechien hat zwar auch erst einen Punkt ergattert, geht aber als Favorit ins Rennen. Torhüter-Ikone Peter Cech wollte sich nicht groß zu den Querelen der Türken äußern. "Wir müssen uns einzig und allein auf uns konzentrieren", sagte der Torhüter vom FC Arsenal. "Die Türkei ist auf jeden Fall der schwächste Gegner in der Gruppe", meinte jedoch Pavel Kaderabek von 1899 Hoffenheim.

Allerdings muss Tschechien mit der Bürde kämpfen, dass Kapitän Tomas Rosicky bei der EM verletzungsbedingt nicht mehr zur Verfügung steht. "Der Ausfall schmerzt natürlich sehr. Es wird hart, Tomas zu ersetzen", sagte Kaderabek. Trainer Pavel Vrba ist sich aber sicher, den Verlust kompensieren zu können: "Wir haben in vielen Qualifikationsspielen gezeigt, dass wir ohne ihn spielen können und wir werden es morgen wieder zeigen."

"So wie Tomas sich für uns aufgeopfert hat, so müssen wir uns jetzt für ihn aufopfern", forderte Mittelfeldspieler Vladimir Darida von Hertha BSC, der nach dem Rosicky-Ausfall offensiver agieren könnte: "Auf der ähnlichen Position habe ich mehrmals auch bei Hertha gespielt, ich habe also keine Angst davor." Mit einem Sieg könnte Tschechien sogar noch auf Platz zwei springen.

(sid)
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