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Italien hat das höchste Durchschnittsalter
Unterschätzt die Alten nicht!

Buffon stürzt beim Jubeln von der Latte ab
Buffon stürzt beim Jubeln von der Latte ab FOTO: afp
Toulouse/Düsseldorf. Es sind doch nur Zahlen. Antonio Conte zuckt mit den Schultern, als er darauf angesprochen wird, ob sein Team nicht ein wenig zu alt sei, um wirklich Großes bei der Europameisterschaft zu leisten. Italien hat da gerade Belgien zum Auftakt des Turniers 2:0 besiegt – ein Triumph der reifen Männer mit einem Durchschnittsalter von 31,5 Jahren. Von Gianni Costa

Nationaltrainer Conte hat es geschafft, aus einer Truppe mit nur wenigen Stars eine Mannschaft zu formen. Conte hat ihnen eingetrichtert, wieder und immer wieder, dass sie nur bestehen können, wenn sich der Einzelne nicht wichtiger nimmt als das Kollektiv. Sie sind ihm bislang ganz artig gefolgt.

"Wir sind erst am Anfang unseres Weges bei dieser EM", sagt der 46-jährige Conte und blickt betont finster drein. "Wir haben noch immer eine offene Wunde." Er meint damit das Abschneiden bei der Weltmeisterschaft vor zwei Jahren in Brasilien. Das Turnier war für die Squadra Azzurra eine einzige Schmach. Nach der Vorrunde war bereits Endstation, der größte anzunehmende Unfall für eine stolze Fußballnation. Conte hat Italien den Glauben an sein Team zurückgegeben. Conte gibt dem Volk, was es hören will. Er spricht von "Blut, Schweiß und Tränen" und - viel wichtiger - davon, dass man sich durchaus bei dieser EM etwas ausrechne.

Zur Einstimmung auf die zweite Partie im Wettbewerb gegen das schwedische Team um Superstar Zlatan Ibrahimovic griff Conte mal wieder ganz tief in die Psychokiste. Er ließ den Astronauten Luca Parmitano für einen Motivationsvortrag im Mannschaftshotel einfliegen. Mit Aktionen wie diesen mobilisiert Conte bei seinen Spielern Kräfte, die ihnen kaum jemand zugetraut hätte. "Italien hat uns taktisch deklassiert", sagte Belgiens Torwart Thibaut Cortois. Und das ging so: Die Dreier-Abwehr mit Andrea Barzagli, Leonardo Bonucci und Giorgio Chiellini wurde bei belgischem Ballbesitz durch die beiden Außen Antonio Candreva und Matteo Darmian zu einer Fünferkette erweitert. Für die belgische Offensive um Eden Hazard, Kevin De Bruyne und Marouane Fellaini war das schon ausreichend, um irgendwann entnervt ihr Tagwerk zu beenden.

Keine Feingeister

Conte hat keine Feingeister zur Verfügung. Es sind Typen, die bereit sind, sich in den Dienst der Mannschaft zu stellen. Keine so Hochbegabten wie aus der Generation Andrea Pirlo. Viele von ihnen sind auch deshalb einem größeren Publikum noch nicht bekannt, weil sie wie Torschütze Graziano Pellè, 30, erst vor einem Jahr ihr Debüt in der Nationalmannschaft gefeiert haben. Pellè (nicht: Pelé), ist aktuell beim britischen Premier-League-Klub FC Southampton engagiert. An seiner Seite stürmt Éder (Inter Mailand), ein eingebürgerter Brasilianer, der ebenfalls auf großer Bühne nicht gerade über einen angsteinflößenden Namen verfügt.

Conte, der nach der Europameisterschaft zum FC Chelsea wechselt und für den dann Antonio Ventura die Nationalmannschaft übernimmt, führt sein Team mit harter Hand. Er inszeniert sich gerne als Feldherr. Er verlangt von seinen Spielern absolute Hingabe und Gefolgschaft. Läuft im Training etwas schief, wird es ungemütlich. Freundinnen und Frauen der Spieler lässt er nicht mehr im Teamhotel wohnen. Alles soll dem Erfolg untergeordnet werden.

Der Erfolg gibt Conte recht - und alle haben ihn ganz doll lieb. Die "Gazzetta dello Sport", die große italienische Sportzeitung, nennt ihn aufgrund seiner Gabe, mittelmäßige Mannschaften zu außerordentlichen Leistungen anzutreiben, ehrfürchtig einen "Alchemisten". Was er anfasst, wird zu Gold.

Nach Stationen bei kleineren Klubs wie Bari oder Siena heuerte der Ex-Nationalspieler 2011 bei Juventus Turin an. In seiner Premierensaison führte er die zuvor schwächelnde "Alte Dame" ungeschlagen zur Meisterschaft. Zwei weitere "Scudetti" folgten, ehe Conte beim italienischen Verband im August 2014 die Nachfolge des ungeliebten und erfolglosen Cesare Prandelli antrat. Conte hat noch längst nicht fertig. Mit seinen alten Herren hat er bei der EM noch einiges vor.

Quelle: RP
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