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Ibrahimovic beendet Nationalelf-Karriere
Der König dankt ab

Pressestimmen: "Ibrahimovic will viel, aber er bekommt wenig"
Pressestimmen: "Ibrahimovic will viel, aber er bekommt wenig" FOTO: dpa, ks
Nizza. Zlatan Ibrahimovic beendet seine Karriere im schwedischen Nationalteam schmucklos. Bei seiner letzten EM bleibt der streitbare Superstar ohne Tor, sein Team scheitert. Von Bernd Jolitz

Zlatan ist eben Zlatan. Und als solcher darf er im Grunde alles. Während anderen prominenten Vertretern der Szene jeder Nebensatz und jede Geste als Nachweis beispielloser Arroganz und Exzentrik ausgelegt wird, kann Zlatan Ibrahimovic sich mit den kühnsten Aussagen auf den Thron der Fußball-Welt heben - und sein Volk schmunzelt dazu.

"Ich kam als König und ging als Legende", hat er gesagt, als er vor ein paar Wochen sein letztes Spiel für den französischen Meister Paris St. Germain absolvierte. Dafür wäre manch anderer in der Luft zerrissen worden. Zlatan jedoch darf so etwas, er hat die Lizenz zum Protzen. Der beste Fußballer, den Schweden jemals hervorgebracht hat, hat einen großen Vorteil: Niemand weiß so ganz genau, ob er seine Sprüche ernst meint. Womöglich nicht einmal er selbst.

Auf der Bühne von Europa- und Weltmeisterschaften werden die Fußballfans künftig auf seine Sprüche verzichten müssen. Bereits vor dem ersten Spiel gegen Irland hatte Ibrahimovic angekündigt, nach der EM seine Karriere im Nationalteam zu beenden. Dass seine letzten Einsätze allerdings derart schmucklos über die Bühne gehen würden, hatte sich der 34-Jährige kaum vorgestellt. Gegen die Iren (1:1) und die Italiener (0:1) blieb er blass und ohne einen einzigen Torschuss, gegen Belgien (0:1) traf er zwar artistisch ins Netz, doch der Münchner Schiedsrichter Felix Brych hatte zuvor ein Foul des Schweden Marcus Berg gesehen und abgepfiffen.

"Mit ein wenig mehr Gerechtigkeit hätten wir das Tor bekommen", sagt der Superstar zu der umstrittenen Szene, "aber es gibt nichts, was ich dagegen tun kann." Der König gesteht seine Machtlosigkeit ein - ein seltener Moment. Doch überhaupt gibt sich der sonst so egozentrische Angreifer an seinem letzten Abend im Drei-Kronen-Trikot ungewohnt menschlich. Er sei sehr enttäuscht, gibt er zu Protokoll, "aber ich bin auch stolz. Ich habe viele fantastische Erinnerungen an meine Zeit im Nationalteam." Schwedens Trainer Erik Hamrén schlägt in die gleiche Kerbe. "Er ist speziell, er ist einzigartig", schwärmt der scheidende Coach und fügt an: "Ob man in Schweden einen neuen Zlatan findet? Nein."

Doch in den letzten Tagen seiner Regentschaft geschieht auch etwas, was in Schweden über viele Jahre hinweg undenkbar erschien: Ein Teil des Volkes verweigert dem König die Gefolgschaft. "Nun ist alles zu Ende", schreibt die renommierte Zeitung "Dagens Nyheter" und kratzt nachhaltig an Zlatans Denkmal. "Ibrahimovic, der Verantwortung übernehmen und das Team führen sollte, hat damit komplett versagt. Er hat für viele magische Momente gesorgt, aber Schweden nie bei einem Turnier getragen. Er will viel, aber er bekommt wenig."

Harte Worte, die die Statistiken untermauern. Ibrahimovic hat große Spiele gemacht, wie beim 4:4 der Schweden gegen Deutschland nach 0:4-Rückstand im Oktober 2012 in Berlin - aber keines dieser Spiele endete mit einem großen internationalen Titel für sein Team. Er hat unvergessliche Tore geschossen, sein größtes per Fallrückzieher aus 25 Metern gegen England, als er beim 4:2-Sieg der Skandinavier viermal traf - aber keines dieser Tore hat ein großes internationales Finale entschieden. "Ibra" spielte für Ajax Amsterdam, Inter und AC Mailand, den FC Barcelona - aber ihre Europapokale holten diese Klubs, als der Schwede anderswo kickte. Vielleicht ändert sich das bei Manchester United, das wahrscheinlich seine neue Heimat wird. Bisher jedoch blieb der König, wie er sich selbst gern nennt, ungekrönt.

Dass er ein höchst talentierter, ein großer Fußballer ist, steht dennoch außer Frage. Es lag schließlich nicht nur an ihm, dass es bei seinen Mannschaften, allen voran Schweden, zum jeweiligen Zeitpunkt nicht für ganz oben reichte. "Ich habe das Land zu meinem Land gemacht, es wird immer mein Land bleiben", sagt er nach seinem letzten Einsatz für Schweden. "Das ist eine schöne Geschichte, wenn man sieht, wo ich hergekommen bin." Der Sohn bosnischer Einwanderer meint Malmös Problembezirk Rosengard, das er selbst "Ghetto" nennt. Von dort aus auszuziehen und König zu werden, selbst ohne Krone - das ist wirklich eine schöne Geschichte.

Quelle: RP
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