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EM 2016
Darf ich für Deutschland sein, wenn die Idioten auch für Deutschland sind?

Darf ich für Deutschland sein, wenn die Idioten auch für Deutschland sind?
Emre Can, Mesut Özil und Jerome Boateng - wen interessiert schon ihr Migrationshintergrund? FOTO: Markus Gilliar
Meinung Wenn die deutsche Nationalmannschaft am Sonntag in die EM einsteigt, fiebern auch Rassisten mit. Unser Autor fragt sich, ob er dann überhaupt jubeln will. Von Sebastian Dalkowski

Deutschland ist ein Land voller guter und idiotischer Menschen, und manche von ihnen sind sogar noch idiotischer. Am Sonntag aber werden alle für das eine Team halten, die deutsche Nationalmannschaft, die ihr erstes EM-Spiel gegen die Ukraine bestreitet.

Zu den Idioten zähle ich ausdrücklich nicht jene Menschen, die einfach nur Sorge haben, dass wir uns mit den Flüchtlingen vielleicht doch übernommen haben könnten, weil Integration eben Zeit braucht und weil vielleicht die Kapazitäten fehlen. Sich zu sorgen allein macht niemanden zum Idioten. Ich meine auch nicht jedes Mitglied der AfD. Es ist mir auch völlig egal, wie viele Deutschland-Fahnen jemand an seinem Auto oder seinem Haus anbringt.

Zu den Idioten zähle ich Menschen, die von der Herkunft direkt darauf schließen, wie tauglich jemand ist und mit welcher Wahrscheinlichkeit er kriminell wird. Dazu zähle ich Menschen, die sich darüber aufregen, wenn auf der Kinderschokolade nicht nur schneeweiße Kinder abgedruckt werden. Die es stört, wenn ein muslimischer und deutscher Fußballer ein Foto von seiner Reise nach Mekka verbreitet. Die die glauben, die Ereignisse in Köln an Silvester rechtfertigen es, eine Gruppe von mehreren hunderttausend Menschen unter Generalverdacht zu stellen. Menschen, die vorgeben, Werte zu verteidigen, dabei aber genau diese Werte abschaffen.

All diese Menschen dürfen sich nicht beschweren, wenn andere sie als Rassisten bezeichnen. Wie sonst soll man jemanden bezeichnen, der die Unterlegenheit von Menschen an ihrer Herkunft und Religion festmacht?

Ich möchte nicht mit diesen Leuten jubeln, wenn Deutschland am Sonntag gegen die Ukraine gewinnt. Ich habe deshalb lange überlegt, ob ich mir diese EM überhaupt anschauen soll. Oder vielleicht doch mal für Island halten oder Wales oder für irgendeinen anderen Underdog.

Doch dabei habe ich eines übersehen: Die Idioten halten für eine ganz andere deutsche Nationalmannschaft als ich. Eigentlich tun sie das schon seit Jahren, denn die WM 1998 war das letzte große Turnier, bei dem im Kader der deutschen Nationalmannschaft niemand mit Migrationshintergrund stand. Diese Idioten halten für eine Mannschaft voller Jürgen Kohlers, Jörg Heinrichs, Christian Zieges und Michael Tarnats. Sie halten für eine Mannschaft, die ein Deutschland von 1998 repräsentiert. Eines, das Migration tendenziell mit Ablehnung begegnet, eines, in dem Politiker der CDU noch sprachen wie heute Politiker der AfD.

Viele, viele andere Deutsche, mich eingeschlossen, halten für eine andere Mannschaft. Eine, in der neun Spieler einen Migrationshintergrund haben. Eine, die für ein freundlicheres Deutschland steht. In dem es selbstverständlich sein sollte, dass jemand nicht nach seiner Herkunft, sondern nach seinem Verhalten beurteilt wird. In dem man mit Hilfsbereitschaft statt mit Hass reagiert, wenn sich Menschen zu uns auf den Weg machen.

Ich kann mir kaum vorstellen, welche geistigen Verrenkungen die Idioten unternehmen müssen, um diese andere Mannschaft nicht zu sehen. Viele Anhänger der so genannten Neuen Rechten berufen sich zwar nicht auf den Nationalsozialismus, und es wäre deshalb verfehlt, sie Nazis zu nennen. Aber sie hängen dem an, was sie Ethnopluralismus nennen. Ethnopluralismus besagt: Jeder soll mal schön in seinem eigenen Land bleiben, weil die kulturellen Unterschiede zu groß sind. Özils Eltern hätten in ihren Augen also nie aus der Türkei nach Gelsenkirchen kommen dürfen, Shkodran Mustafis Eltern nie aus Mazedonien nach Hessen. Dass sie es doch taten und dass ihr Nachwuchs Teil der deutschen Nationalmannschaft wurde, zeigt, dass die Idioten falsch liegen. Menschen können in andere Länder migrieren und zum Wohl dieses Landes beitragen.

Wenn den Idioten der Widerspruch zwischen ihrer erdachten Nationalmannschaft und der, die auf dem Platz steht, keine Kopfschmerzen macht, dann haben sie vielleicht einfach keinen Kopf. Ein Herz haben sie sowieso nicht.

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