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Debatte zur EM 2016
Gebt uns unseren Fußball zurück!

Tops und Flops der EM 2016
Tops und Flops der EM 2016 FOTO: ap
Düsseldorf. Immer mehr Spiele, immer schlechtere Qualität. Die EM in Frankreich hat gehalten, was man von ihr befürchtet hat. Portugal hat als Titelträger ohne zu glänzen das Maximum rausgeholt. Besserung ist nicht in Sicht. Im Gegenteil. Von Gianni Costa

Man weiß nicht, worüber man sich mehr freuen soll. Dass endlich diese unfassbar miesen Spiele bei der Europameisterschaft ein Ende haben oder das noch viel nervigere Gejammer darüber. Diese EM soll also die schlechteste aller Zeiten gewesen sein. Und Portugal damit der schlechteste Europameister. Es gibt ein paar Fakten, die das zumindest aus Unterhaltungssicht unterstreichen. Im Durchschnitt sind pro Partie diesmal nur 2,12 Tore gefallen. Insgesamt 108 Treffer in 51 Begegnungen, einer alle 44 Minuten. Es gab im Gegensatz zum Turnier in Polen und der Ukraine 20 Spiele mehr. Vor vier Jahren lag der Schnitt noch bei 2,45 Treffern pro Begegnung. Erzielte Tore sind natürlich nicht der entscheidende Indikator dafür, um die Qualität einer EM-Auflage zu bewerten. Sie sind aber zumindest ein starkes Indiz.

"Die Qualität war einfach zu schlecht"

Der Fußball droht zu überhitzen. Das ist das wahre Problem. Während der EM hat sich Ewald Lienen, der Trainer von Zweitligist FC St. Pauli zu Wort gemeldet und der eigenen Branche den Spiegel vorgehalten. Lienen, ein kritischer Geist, der Anfang der 1980er-Jahre als Gladbacher Profi in der Fußgängerzone von Eicken gegen die Aufrüstung hierzulande demonstrierte, befand also: "In der ersten Woche haben wir uns doch alle wahnsinnig gelangweilt. Ich bin auch mal eingenickt. (...) Ich glaube, dass unser Produkt seit Jahren völlig verwässert wird." Lucien Favre kommt zu einem ähnlich ernüchternden Urteil. "Die Qualität war einfach zu schlecht", befand der Ex-Trainer von Borussia Mönchengladbach in einem Interview mit dem "Spiegel".

Nun kann man als Hauptschuldigen für die Misere schnell den europäischen Fußballverband Uefa ausmachen. Er war es schließlich, der das Teilnehmerfeld von 16 auf 24 Mannschaften aufgebläht hat, und das selbstredend nicht aus völkerverbindenden Gründen, sondern um so noch mehr und mehr und noch mehr Geld verdienen zu können. Die Uefa schert sich keinen Deut darum, dass sie kostbares Gut verwaltet. Sie geht wie der Besitzer einer großen Hühnerfarm ans Tagwerk, ökonomisch getrieben, darum bemüht, auf gleichem Platz immer mehr und schneller zu produzieren. Der Hühnermann macht das, weil es einen Markt für sein Produkt gibt.

Fußball ist zu einer Massenware verkommen

Die Uefa und der Weltverband Fifa haben Fußball zu einer Massenware gemacht. Es geht nur noch in kleinen geschützten Momenten um das Spiel selbst, alles andere ist Kommerz. Und es gab bisher auch wenig Anlass zu mutmaßen, das Publikum sei schon übersättigt. Im Gegenteil. Seit gestern findet in Deutschland die U19-Europameisterschaft statt. Ein Wettbewerb von dem noch vor wenigen Jahren nur Feinschmecker überhaupt Notiz genommen hätten. Beim Eröffnungsspiel zwischen der deutschen und der italienischen Auswahl waren in Stuttgart 54.689 Zuschauer im Stadion. Die meisten waren Kinder, vermutlich mit Freikarten ausgestattet, aber immerhin. Am Tag, nachdem eine ganze Nation jubelte, die eine EM geschafft zu haben, gibt es gleich die nächste Dosis Fußball. Und ein paar Wochen später sind Olympische Sommerspiele in Rio. Bei Olympia ist Fußball bislang immer eine vergleichsweise kleine Nummer gewesen. In Brasilien, so die Hoffnungen der Vermarkter, soll sich das ändern.

Schon jetzt sind die Spieler längst an einem nicht mehr vertretbaren Limit angelangt. Der Körper und vielleicht mehr noch der Geist sind nicht dafür geschaffen, 60 oder mehr Spiele auf höchstem Niveau zu bestreiten. Es gibt die nationalen Wettbewerbe von Meisterschaft und Pokal, das internationale Geschäft unterteilt in Champions League als wichtigste Bühne und die Europa League als Abfallprodukt. Es wäre sicher sinnvoll, den ständigen Expansionen Einhalt zu gebieten. Doch wer sollte auf sein Stück vom Kuchen freiwillig verzichten wollen?

Die EM in Frankreich hatte viele schöne Momente. Die unverbrauchten Isländer, Waliser und Ungarn haben etwas vom Spaß am Spiel zurückgebracht. Weil sie Geschichten zu erzählen hatten, nicht wegen ihrer zugegeben mauen Interpretation des Spiels. Auf Dauer würde einem selbst das "Hu!" der Wikinger gehörig auf die Nerven gehen.

Diese EM ist vermutlich eine der schlechteren gewesen. Sie wird gewiss nicht für eine Zeitenwende im Fußballgeschäft stehen. Denn es wird zwar leidenschaftlich gejammert, doch eine Alternative ist nicht in Sicht. Der neue Fifa-Präsident Gianni Infantino möchte übrigens das Teilnehmerfeld bei der WM aufstocken – von 32 auf dann 40.

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