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Schweinsteigers letztes DFB-Spiel?
Der traurige Abschied des ergrauten Leitwolfs

Fotos: Schweinsteiger verursacht Handelfmeter
Fotos: Schweinsteiger verursacht Handelfmeter FOTO: dpa, hak
Marseille. Bastian Schweinsteiger wird im Halbfinale zur tragischen Figur. Sein 120. Länderspiel könnte das letzte gewesen sein, denn die vergangenen Jahre haben ihre Spuren hinterlassen. Von Robert Peters

Auf dem Rasen liegen hier und da menschliche Häuflein Elend im weißen Trikot. Nicht weit entfernt tanzt ein vielbeiniges blaues Ballett, auf den Rängen tanzen die meisten mit, die deutschen Fans sind still. Frankreich feiert den Einzug ins Finale der Europameisterschaft. Und der Weltmeister versucht sich die 0:2-Halbfinalniederlage von Marseille zu erklären.

Im Mittelpunkt aller Erklärungsversuche: Bastian Schweinsteiger. Bundestrainer Joachim Löw hat seinem Kapitän eine Einsatz-Garantie gegeben. Und Schweinsteiger kommt ganz gut in dieses Spiel. Er trägt dazu bei, dass die französische Sturmspitze Olivier Giroud als Anspielstation zugedeckt wird, der Kapitän gewinnt viele Zweikämpfe im zentralen Mittelfeld. Und er legt damit die Basis für die Spielentwicklung und eine "sehr dominante" (Löw) Vorstellung seiner Mannschaft in der ersten Halbzeit. "Es war unser bestes Spiel bei der EM", sagt Schweinsteigers Mittelfeldkollege Toni Kroos.

Schweinsteiger kann sich Handspiel nicht erklären

Dann kommt die Nachspielzeit der ersten Hälfte. Ein Eckball fliegt herein, und Schweinsteiger geht im Kopfball-Duell mit Patrice Evra mit der Hand zum Ball. Seine Mitspieler finden, dass Evra unfair in diesen Zweikampf gegangen sei, Schiedsrichter Nicola Rizzoli findet das nicht. Er gibt Elfmeter. "Eine sehr unglückliche Aktion", sagt Löw. Und Schweinsteiger kann es sich selbst nicht erklären. "Jeder, der mal Fußball gespielt hat, der weiß, dass es manchmal Reflexe gibt. Ich weiß nicht, warum der Arm da hochgegangen ist", sagt er. 

Antoine Griezmann verwandelt den Foulelfmeter, Löw muss seine Mannschaft in der Kabine erst einmal beruhigen, weil sie sich verraten fühlt. Der Trainer erklärt: "Es bringt ja nichts, sich über etwas aufzuregen, was man nicht ändern kann." Torwart Manuel Neuer urteilt: "Wir hatten genügend Zeit, ins Spiel zurückzukommen." Wie in der ersten Halbzeit gelingt das nicht mehr, eine Serie von Patzern, an denen Kroos, Joshua Kimmich und der eingewechselte Shkodran Mustafi beteiligt sind, bringt die Entscheidung - wieder durch Griezmann.

Löw schaltet vergeblich noch mal auf hemmungslose Offensive um, er wechselt Leroy Sané für Schweinsteiger ein. Als der Kapitän den Platz verlässt, sieht es ein wenig nach dem Ende einer Ära aus. Eine konkrete Aussage zu seiner Zukunft vermeidet er. In der Begegnungszone des Stadions von Marseille wird er auf die Frage, wie es denn nun weitergehe, ganz leise. "Darüber habe ich noch nicht nachgedacht", erklärt er, "ich muss erst einmal Abstand gewinnen. Ich habe versucht, meine ganze Energie in das Turnier reinzulegen, was nicht so einfach war nach den vielen Verletzungen." Jetzt fühlt er sich offenkundig nur noch leer.

Eigentlich hat er die Krönung seiner großen Laufbahn schon zwei Jahre hinter sich. Im Finale der WM von Brasilien macht Schweinsteiger ein ganz großes Spiel, mit blutender Wunde und Leidenschaft wirft er sich in die Zweikämpfe, er ist die Wand, an der sich die Kollegen gegen Argentinien immer wieder aufrichten. Der blutende Schweinsteiger ist das Bild des Endspiels. Er ist auf dem Höhepunkt. Schon damals hat der Körper angefangen, gegen die Belastungen von zwölf Jahren Hochleistungssport zu rebellieren. Verletzungen, in Schweinsteigers frühen Jahren die Ausnahme (die Physiotherapeuten erklären das mit der durchs Skifahren bestens aufgebauten Oberschenkelmuskulatur), werden häufiger, die Pausen länger. Erst recht nach der WM.

Zwei Spielzeiten quält sich der deutsche Kapitän in seinen Vereinen Bayern München und Manchester United über die Runden. In der Nationalmannschaft spielt er nur noch selten, sein letzter Einsatz in der Startelf vor dem Halbfinale von Marseille war im Freundschaftsspiel gegen Frankreich in Paris 2015, das von den verheerenden Attentaten in der Hauptstadt überschattet wurde. Richtig Fußball gespielt hat er seit Januar nicht mehr. Deshalb kann nicht jeder verstehen, dass Löw seinen Kapitän für die EM nominiert.

Er kommt zunächst zu Kurzeinsätzen, gegen Italien spielt er 105 Minuten nach Anlaufschwierigkeiten ordentlich. Zu seiner Leistung gegen Frankreich sagt Löw: "Dafür, dass er so lange verletzt war, hat er uns sehr geholfen." Das ist nun kein überschwängliches Lob. Vielleicht hat der Trainer registriert, dass Schweinsteigers Zeit abgelaufen ist. Möglicherweise ist es dem Spieler auch klargeworden, als er nach Mitternacht müde zum Bus geht. Er sieht mit seinen leicht angegrauten Haaren älter aus als fast 32. Aber wahrscheinlich ist es im großen Fußball wie im großen Tennis. Der unvergessene Boris Becker hat mal gesagt, dass Tennisjahre wie Hundejahre seien. In dieser Nacht von Marseille würde Schweinsteiger das sicher bestätigen. Gut möglich, dass sein 120. Länderspiel das letzte war.

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