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Löw kann sich auf Höwedes verlassen
Limitiert, aber wertvoll

Fotos: Benedikt Höwedes – Schalker, Allrounder, Weltmeister
Fotos: Benedikt Höwedes – Schalker, Allrounder, Weltmeister FOTO: afp, vel
Evian-les-Bains . Wenn es so etwas wie den Friedensnobelpreis für Fußball-Profis gäbe, wäre Benedikt Höwedes (28) ein ernsthafter Anwärter auf die Auszeichnung. Er hat den Beruf des Innenverteidigers erlernt, aber er lässt sich in der Nationalmannschaft seit Jahren klaglos von einer Planstelle zur nächsten verschieben. Manchmal liegt diese Planstelle auch in der ersten Reihe am Spielfeldrand. Von Robert Peters

Wie im dritten EM-Vorrundenspiel gegen Nordirland, als der Bayern-Profi Joshua Kimmich den Vorzug auf der Position des rechten Verteidigers bekam, wo Höwedes das Turnier begonnen hatte. Seine Reaktion nach dem 1:0-Erfolg: "Kimmich hat ein sehr starkes Spiel gemacht, es war die richtige Entscheidung vom Trainer. Wir müssen uns alle dem großen Ganzen unterordnen, und da ist es auch okay, wenn andere für bestimmte Spiele in Frage kommen. Fußball ist ein Mannschaftssport, von daher ist das absolut in Ordnung."

Leider zeichnet die Uefa keine Wortbeiträge aus, und sie verleiht auch keine Preise für die innere Haltung. Höwedes wäre ganz vorn dabei. Lichtjahre vor den meisten seiner Arbeitskollegen in diesem Geschäft mit dem schönen Schein und den eigenen Ansprüchen, den auf Hochglanz polierten Egos, einstudierten Gesten und rundum vermarkteten Kunstprodukten. So mancher, der Höwedes reden hörte, stellte sich vor, wie der portugiesische Nationaltrainer zu Cristiano Ronaldo geht und sagt: "Cristiano, du spielst gegen Wales nicht, weil ich noch einen Abwehrmann einbauen will." Es würde mindestens zu einer mittleren Staatskrise ausreichen.

Höwedes ist aber nicht Ronaldo, auf dem Platz nicht und daneben schon gar nicht. Er ist eher das, was in früheren Zeiten mit dem biblischen Wort vom bescheidenen Arbeiter im Weinberg des Herrn bezeichnet wurde. Er macht seinen Job als Fußballer, als ordnungsliebender, klar spielender Verteidiger, ohne Tamtam und Übersteiger, ohne Firlefanz und offensives Feuerwerk, für das auf den Rängen immer noch der nachhaltigste Beifall gespendet wird.

Trainer allerdings mögen die Jungs, die zunächst mal an Torsicherung denken, in deren Denken und Wortschatz die Begriffe Mannschaft und Teamgeist an erster Stelle kommen, und auf die Verlass ist.

Deshalb ist Bundestrainer Joachim Löw ein echter Fan des Schalker Verteidigers. Er lobt ihn für seine Haltung nach dem Austausch gegen Kimmich ("das zeigt seinen großen Charakter"), und er preist ihn regelrecht für seine Vorstellung im Viertelfinale gegen Italien, als er als Sachbearbeiter für die rechte Seite in die defensive Dreierkette mit Jerome Boateng und Mats Hummels ins Team zurückkehrte. Löw kann gar nicht genug Superlative finden. Er sagt: "Benedikt Höwedes hat seine Sache überragend gut gemacht. Er ist ein großartiger Zweikämpfer, er ist in beiden Systemen, der Dreier- und der Viererkette, sehr gut. Das macht ihn so wertvoll. Für mich ist er Gold wert." Der Trainer wird ganz kurzatmig.

Tatsächlich hatte Höwedes gegen die hoch eingeschätzten italienischen Angreifer eine fast perfekte Zweikampfbilanz, damit stach er seine beiden fußballerisch auffälligeren Kollegen Boateng und Hummels sogar aus. Seine Beiträge zum Spiel nach vorn sind deutlich weniger spektakulär, die Fehlerquote aber ist auch da gering. "Er ist immer da, wenn man ihn braucht", erklärt Löw, "er spielt immer konzentriert." Und es macht ihm offenbar nichts aus, wenn die anderen im Licht stehen, während er im Keller schuftet.

Schließlich locken ja auch für diese Einstellung große Titel im Fußball. Höwedes ist in Brasilien Weltmeister geworden, weil er auf Löws Verschiebebahnhof auf der Position des linken Verteidigers landete. Viele fanden das ein wenig seltsam, zumindest aus der Not geboren. Aber der Schalker machte alle sieben Spiele, fehlte keine Sekunde und trug auf seine Art zum Gewinn der Weltmeisterschaft bei. "Ich bin jetzt nicht der Typ, der pausenlos Flanken von der Grundlinie hereinschlägt", sagte er vor zwei Jahren. Das gilt immer noch. Die Offensive ist gegen seine Natur, bereits beim Überschreiten der Mittellinie schrillt in seinem Ohr das Warnsignal: "Achtung, Sie betreten den Angriffssektor. Beachten Sie sämtliche Sicherheitshinweise." Das bremst schon mal ein bisschen.

Richtig wohl fühlt er sich in der Mitte der Abwehr, das ist sein natürlicher Lebensraum. Im Halbfinale gegen Frankreich darf er ihn wieder einnehmen.

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