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Nationalmannschaft
Warum Löw keine Mittelstürmer mehr will

Deutschland hat keinen Gerd Müller mehr
Gerd Müller gilt als bester deutscher Mittelstürmer aller Zeiten. FOTO: Horstmüller
Düsseldorf. Deutschland hat eine lange Tradition der sogenannten Stoßstürmer. In der Nationalelf spielen sie keine Rolle mehr. Vom Aussterben einer Gattung.  Von Robert Peters

Kann das Zufall sein? In diesen Tagen erscheinen die Lebensgeschichten von zwei großen deutschen Mittelstürmern. Die des unvergleichlichen Gerd Müller, den die Sportberichterstatter in der arg militanten Sprache der späten 60er einen "Bomber der Nation" nannten. Und die des "Kopfball-Ungeheuers" Horst Hrubesch, der in den 80er Jahren Angst und Schrecken in den Abwehrreihen verbreitete.

Ausgerechnet jetzt ruft Bundestrainer Joachim Löw das Ende des Mittelstürmers aus, wie ihn die Nation so lange kannte. Im Land von Uwe Seeler, Gerd Müller, Horst Hrubesch und Rudi Völler ist offenbar kein Platz mehr für den sogenannten Stoßstürmer. Löw wird in der Diskussion sogar persönlich. "Wir brauchen keinen Horst Hrubesch", sagt er, als wieder einmal die Frage aufkommt, ob seiner Armada kringeldrehender Feinkost-Fußballer in der Offensive nicht ein Typ der Marke durchsetzungsstark im Strafraum fehle.

Portrait: Gerd Müller: Der Bomber der Nation FOTO: dpa

Solche Fragen findet Löw sehr anstrengend. Mit schwer unterdrücktem Widerwillen weist er darauf hin, dass es seinen Stürmern doch immer wieder gelinge, eine große Zahl von Chancen herauszuspielen. Sie müssten nur im Abschluss wieder konsequenter werden. "Vollstreckerqualitäten haben sie alle", sagt er über Marco Reus, der zuletzt in Leipzig den Ball überall hinschoss, nicht aber ins Tor, Thomas Müller, Mesut Özil oder André Schürrle.

Den Ruf nach Mario Gomez, der gerade bei Besiktas Istanbul das Toreschießen wieder für sich entdeckt, kann er ebenso wenig ertragen wie den Ratschlag, es doch mal mit dem Frankfurter Alex Meier zu versuchen. Gomez verspricht er immerhin, "dass die Tür nicht zu ist", Meiers Namen nimmt er nicht mal in den Mund. Wenn einer dann noch den Leipziger Davie Selke erwähnt, muss der Bundestrainer schon mächtig an sich halten, um nicht öffentlich die Augen zu verdrehen.

Das Konzept Mittelstürmer ist in seinem System erledigt. Er will bewegliche Angreifer, die auf keine Position festzulegen sind und die durch ihre unvorsehbaren Laufwege enge Abwehrreihen knacken können. Am liebsten hätte er noch einen wie Miroslav Klose, der die Vorzüge eines Strafraumstürmers mit der Beweglichkeit eines Mittelfeldspielers verband. Der ist allerdings aus Altersgründen zurückgetreten.

DFB: Die ewige Torjägerliste FOTO: afp, agz

Löw verabscheut regelrecht den Gedanken daran, taktisch gut aufgebaute Defensivwälle mit weit geschlagenen Pässen und Flanken zu überwinden. Er spricht vom Fußball mit der Brechstange, und der bereitet ihm körperliches Unbehagen. Man hört den Ekel.

Das scheint vielen Ausbildern im deutschen Fußball so zu gehen. Deshalb haben sie am Aussterben einer ganzen Gattung mitgearbeitet. Deren typische Exemplare werden mal Mittelstürmer, mal Stoßstürmer, mal Strafraumstürmer genannt. Und ihnen gemein ist, dass sie sich nicht übermäßig oft oder gern am Zusammenspiel beteiligen. Ihr Auftritt kommt, wenn ihnen die Kollegen den Ball herbeitragen. Die Großen dieser Gattung entschieden früher, als nicht alles besser, vieles aber anders war, zuverlässig die Spiele für ihre Mannschaften. Und deswegen kam keiner ihrer Trainer auf die Idee, auf sie zu verzichten.

Gerd Müller ist unübertroffen

Der mit Abstand erfolgreichste war Gerd Müller, dessen Trefferquoten unerreichbar bleiben. Auf Schönheitspreise war er nicht abonniert. Selbst seine Mitspieler können sich nicht erinnern, dass der stämmige Schwabe aus Nördlingen mal ein Tor von außerhalb der Strafraumgrenze erzielte. Müller machte seine Treffer mit allen Körperteilen, fast immer aus unmittelbarer Nähe zum Ziel. Und wenn ihn einer fragte, wo das Geheimnis des Torjägers liegt, sagte er: "Wennst denkst, is' eh zu spät. Des kannst net lernen, des hast oder hast net."

Kein Wunder, dass er keinen echten Nachfolger fand. Schon gar nicht in der fußballerischen Neuzeit, in der die Schönheit des Augenblicks, eben auch bei der Torproduktion, einen eigenen (Werbe-) Wert gewonnen hat. Löws Jungs wollen nämlich nicht nur gewinnen, sie wollen gleichzeitig gut aussehen.

Das hat Horst Hrubesch nie interessiert. Der spätberufene National-Mittelstürmer hatte ebenso wie Müller einen Hang zu den einfachen Weisheiten im Fußball. Das Strickmuster seiner überaus ertragreichen Zusammenarbeit mit dem Außenverteidiger Manfred Kaltz beim Hamburger SV hat er mit diesem treffenden Wort beschrieben: "Flanke Manni, ich Kopf, Tor." Von falschen Neunern oder Neuneinhalbern war nicht die Rede. Und Brechstangen-Fußball fand Hrubesch vermutlich ziemlich gut, solange er am Ende der Verwertungskette stand.

Bei Löw ist er immerhin noch Trainer der U21. Auf den Platz würde ihn der Bundestrainer aber kaum lassen.

Quelle: RP
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