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DFB-Präsident Grindel
"Wenn Löw will, können wir über eine Vertragsverlängerung reden"

Porträt: Reinhard Grindel: Der neue DFB-Präsident
Porträt: Reinhard Grindel: Der neue DFB-Präsident FOTO: dpa, fis jhe
Exklusiv | Paris. Ist Russland nach den schlimmen Krawallen bei der EM überhaupt noch ein geeigneter WM-Gastgeber? Ja, glaubt DFB-Präsident Reinhard Grindel. Im Interview mit unserer Redaktion spricht er unter anderem auch über langfristige Planungen mit Joachim Löw. Von Gianni Costa

Reinhard Grindel geht durch die Lobby des Hilton-Opera in Paris. Nach ein paar Schritten wird er von Reinhard Rauball angehalten, dem Präsidenten der Deutschen Fußball Liga. "Herr Grindel, wir müssen später reden", sagt Rauball zum Präsidenten des Deutschen Fußball-Bundes (DFB). Rauball lächelt, Grindel lächelt. Alle haben sich lieb. Grindel kommt eine solche Szene sehr gelegen. Zwischen ihm und der DFL hatte es lange gekriselt. Doch nun kann er sich auch der Unterstützung der Profis sicher sein.

Herr Grindel, die EM war bislang geprägt von randalierenden Chaoten und Terrorangst in Frankreich. Können Sie verstehen, dass vielen die Lust am Turnier vergangen ist?

Reinhard Grindel Die Stadien sind voll, die meisten deutschen und viele andere Fans verhalten sich friedlich. Es gibt schon das Euro-Feeling, das hat man auch beim Spiel unserer Mannschaft gegen Nordirland gesehen. Allerdings sind wir hier in einem Land, in dem man spürt, dass der 13. November (Anm. der Red.: der Tag der Anschläge in Paris, bei dem 140 Menschen ums Leben gekommen sind) Spuren hinterlassen hat. Und dieses Land ist zerrissen aufgrund innenpolitischer Auseinandersetzungen. Man merkt, dass die Menschen in Frankreich zum Teil andere Sorgen haben.

Die DFB-Spitze FOTO: ap

Wie sehr haben Sie sich dafür geschämt, dass ausgerechnet an dem Tag, an dem Sie den von deutschen Hooligans 1998 schwer verletzten Gendarm Daniel Nivel ins Stadion eingeladen haben, deutsche Fans in Lille randaliert haben?

Grindel Ich habe mich gefreut, dass es im Stadion, also vor seinen Augen, friedlich geblieben ist. Das hat mich auch deshalb gefreut, weil wir die nicht ganz unumstrittene Entscheidung getroffen haben, unseren Kartenverkauf über den Fanclub Nationalmannschaft abzuwickeln. Heute stellt sich heraus, dass die Entscheidung richtig war, weil es Sinn macht, Karten an diejenigen zu verkaufen, die man kennt.

Die Frage war eine andere.

Grindel Ein Verband hat außerhalb des Stadions weniger Möglichkeiten zu verhindern, dass sich der eine oder andere Gewaltbereite auf den Weg macht. Viele der Randalierer hatten ja überhaupt keine Karte. Wir haben mit den französischen Sicherheitsbehörden und der deutschen Polizei-Delegation sehr eng zusammengearbeitet, haben unsere Erkenntnisse eingebracht. Wir haben getan, was wir tun konnten - dies zu zeigen, war auch mit Blick auf Daniel Nivel wichtig.

Der Kartenverkauf über den Fanclub Nationalmannschaft war ja nicht nur umstritten, sondern wurde juristisch vom Bundeskartellamt beanstandet.

Grindel Wir hätten von Anfang an mit einem Stichtag arbeiten müssen, damit nicht der Eindruck entsteht, man muss Mitglied in dem Fanclub werden und einen Beitrag zahlen, um eine Karte zu erhalten. Wir sollten im Hinblick auf künftige Turniere deutlich machen, dass die Mitglieder bei der Vergabe von Tickets zuerst berücksichtigt werden, eben aus Sicherheitsgründen. Und die Erfahrungen dieser EM bewegt hoffentlich auch das Bundeskartellamt, seine Haltung zu überdenken und uns Spielraum zu geben.

Russland hat sich bei der EM auf vielen Ebenen blamiert - der richtige Ausrichter für die WM 2018?

Grindel Russland ist Teil der Uefa und Veranstalter der WM 2018 und muss deshalb die Werte teilen, für die Uefa und Fifa in Zukunft stehen wollen. Dazu gehört Fairplay, dazu gehört der Verzicht auf leistungssteigernde Dopingmittel und dazu gehört auch, dass man sich klar von jeglicher Gewalt distanziert.

Was soll konkret passieren?

Grindel Ich erwarte von der russischen Regierung und vom russischen Verband, dass sie alles unternehmen, um Gewalttaten zu verhindern. Es ist wichtig, dass man sich von Vertretern distanziert, die durch falsche Signale den Eindruck erwecken, als ob sie dulden oder sogar dazu ermuntern, dass es zu Gewalttaten gekommen ist.

Noch einmal der Versuch: Ist Russland geeignet, 2018 ein WM-Turnier auszurichten?

Grindel Ich gehe davon aus, dass der russische Verband sehr genau analysiert, was in der Vergangenheit Anlass zur Kritik gegeben hat, und dass wir 2018 eine friedliche, dopingfreie und auf Fairplay und Integrität basierende Weltmeisterschaft in Russland erleben werden. Und soweit der russische Verband aus unseren Erfahrungen, die wir zum Beispiel in der Fanarbeit gemacht haben, Einschätzungen wünscht, sind wir gerne bereit, unsere Konzepte zu erläutern.

Mit Verlaub, Herr Grindel, Russland ächzt unter Korruption, Homosexuelle werden diskriminiert. Wie soll sich das alles in zwei Jahren ändern?

Grindel Russland hat durch die Winterolympiade in Sotschi die Erfahrung gemacht, dass die internationale Öffentlichkeit ihre Aufmerksamkeit auf diese Fragestellungen richtet, und ich gehe davon aus, dass man sich nicht nachsagen lassen will, dass es in irgendeiner Weise Anlass zur Kritik gibt.

Wann kommt eigentlich die Kanzlerin zum EM-Turnier?

Grindel Aktuell sind andere politische Ereignisse wichtiger. Sie hätte sich gerne das Spiel gegen Polen angesehen, aber es hat nicht gepasst. Wir wissen nicht, wann sie kommt.

Bekommen Sie von Angela Merkel in Ihrer Funktion als DFB-Präsident mehr SMS, als zu der Zeit, als sie noch mit ihr in der CDU-Fraktion im Bundestag gewirkt haben?

Grindel Nein. Ich habe eine SMS zu meiner Wahl als DFB-Präsident bekommen. Ich glaube, das hält sich in dem Rahmen, wie es auch früher war.

Und wie sieht es mit Franz Beckenbauer aus - welche Nachrichten bekommen Sie von ihm?

Grindel Ich habe am Rande des DFB-Pokalfinales ein ausführliches Gespräch mit ihm geführt und deutlich gemacht, dass der DFB und er nicht nur im Kontakt bleiben, sondern auch in Zukunft ein vernünftiges Verhältnis haben und pflegen sollten. Der DFB weiß um die Verdienste von Franz Beckenbauer für den deutschen Fußball.

Wie hoffnungsfroh sind Sie, dass er neben netter Plauderei denn auch weitere sachdienliche Hinweise liefert, wenn es um die Klärung noch offener Fragen rund um das Sommermärchen 2006 geht?

Grindel Franz Beckenbauer hat uns gegen Ende der Untersuchung von den von uns beauftragten Ermittlern der Kanzlei Freshfields sehr viele Hinweise gegeben bezüglich der Zahlungsflüsse. Ich gehe davon aus, dass er uns alles mitgeteilt hat, was er weiß. Jedenfalls habe ich keinen Anlass, daran zu zweifeln.

Sind damit die Ermittlungen beendet und erhält die Rechtsanwaltskanzlei Freshfields keinen Folgeauftrag für weitere Nachforschungen?

Grindel Freshfields hat den bestehenden Auftrag noch nicht abschließend erfüllt, uns zu beraten, welche rechtlichen Möglichkeiten existieren, um mögliche Schadenersatzforderungen durchzusetzen. Das wird aber in den kommenden Wochen passieren. Außerdem haben wir uns natürlich bemüht, weitere Zeugen zu finden. Zentrale Figuren wie der frühere Fifa-Funktionär Mohammad Bin Hammam waren bisher nicht bereit, mit uns zu sprechen.

Wolfgang Niersbach könnte zu denen zählen, von dem Sie möglicherweise Geld eintreiben könnten. Sie haben Niersbach wieder in den Kreis des DFB aufgenommen.

Grindel Wolfgang Niersbach hat unstrittig Fehler gemacht, die er auch selber einräumt. Dafür hat er die Konsequenzen gezogen und ist von seinem Amt als DFB-Präsident zurückgetreten. Ansonsten läuft gegen ihn ein Verfahren bei der Fifa, dass gilt es abzuwarten. Wir sind mit ihm im Gespräch, gerade zu Themen, die Fifa und Uefa betreffen.

Es wäre doch auf politischer Ebene undenkbar, dass ein national gescheiterter Politiker auf internationaler Bühne noch auftreten darf. Warum bremst der DFB Niersbach nicht?

Grindel Wolfgang Niersbach hat für sich entschieden, beide Funktionen in Fifa und Uefa weiter fortführen zu wollen. Das akzeptieren wir.

Was bringt eine EM der Basis?

Grindel Jedes große Turnier ist für den Amateurfußball wichtig. Wir haben gerade die neuesten Zahlen ausgewertet. In der Saison 2014/2015 nach der WM haben 50.000 Menschen mehr als üblich bei uns in Deutschland angefangen, in einem Verein Fußball zu spielen - vor allem Kinder und Jugendliche. Das Abschneiden der Nationalmannschaft hat große Strahlkraft.

Unter den neuen Mitgliedern sind auch viele Zuwanderer. Wie läuft die Integration von Flüchtlingen in den Vereinen?

Grindel Die Zahl von Menschen mit ausländischer Staatsbürgerschaft, die als Spieler neu in unsere Vereine gekommen sind, ist in der abgelaufenen Saison auf 42.000 angestiegen - 2014/15 waren es 25.000. Wir gehen davon aus, dass rund 20.000 Flüchtlinge in unseren Vereinen angekommen sind. Das ist eine bemerkenswerte Zahl. Sie spielen mit einem Spielerpass wettbewerbsmäßig Fußball, das zeigt, sie haben ein soziales Umfeld gefunden und sind im Verein integriert. Das ist eine große Verantwortung für die Ehrenamtler vor Ort. Und eine Herausforderung für den Verband, denn wir müssen viele neue Übungsleiter finden. Es geht auch um die Zukunftsfähigkeit der Vereine.

Der AfD-Politiker Alexander Gauland hat Jerome Boateng wegen seiner Herkunft attackiert. Sind Sie besorgt über solche Nachbarn?

Grindel Wir haben klar Flagge gezeigt. Mir ist wichtig, deutlich zu machen, dass wir uns nicht nur so klar positionieren, wenn es um prominente Nationalspieler geht, sondern bei jedem Einzelnen an der Basis, der angegriffen wird. Auch ein Spieler, der in der Kreisliga spielt, sollte sich darauf verlassen können, dass er von seinem Verein geschützt wird.

Was haben Sie persönlich gedacht, als Sie von der Äußerung Gaulands erfahren haben?

Grindel Ich war im höchsten Maße verärgert, weil er versucht hat, im Umfeld der Euro auf dem Rücken eines unserer Nationalspieler sein parteipolitisches Süppchen zu kochen. Im Ergebnis hat es der AfD zu Recht mehr geschadet als genutzt.

Wird Joachim Löw Bundestrainer bleiben, selbst wenn Deutschland im Achtelfinale der EM ausscheiden würde?

Grindel Jogi Löw hat einen Vertrag bis 2018. Und wenn er es wünscht, können wir nach der Euro über eine Vertragsverlängerung reden. Ich bin, das habe ich ihm auch gesagt, für solche Gespräche offen.

Quelle: RP
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