| 15.30 Uhr

EM-Generalprobe geglückt
"Scho au noch etwas Arbeit"

Einzelkritik: Draxler und Götze überzeugen - Khedira fällt ab
Einzelkritik: Draxler und Götze überzeugen - Khedira fällt ab FOTO: dpa, fg nic
Gelsenkirchen . Joshua Kimmich hatte diesmal eine besonders tragende Rolle. Der 20-Jährige zeigte sich enorm mannschaftsdienlich und trug den Koffer seiner jungen blonden Begleiterin durch den Bauch der Gelsenkirchener Arena. Nur beim Auffinden des richtigen Ausgangs offenbarte er ein paar Orientierungsprobleme. Von Gianni Costa

Immerhin verfügte er noch über ausreichend Kräfte, da er in den vorausgegangenen 90 Minuten im letzten Testspiel vor der EM gegen Ungarn (2:0) nicht auf dem Platz stand. In Frankreich könnte sich das Aufgabengebiet des Nachwuchsspielers von Bayern München dann aber wieder auf den Rasen verlagern. Ein paar Meter von Kimmich entfernt saß Joachim Löw auf dem Podium und sinnierte über die Aussichten für die deutsche Nationalmannschaft. In den Überlegungen des Bundestrainers ist Kimmich eine durchaus wichtige Kraft.

Löw erwähnte fast beiläufig, was ihm so durch den Kopf geht. Kimmich nämlich, könne ja auch auf der rechten Seite verteidigen. In Gelsenkirchen hat Benedikt Höwedes bei seinem Heimspiel auf Schalke auf dieser Position gespielt. Nach längerer Verletzung wollte der Bundestrainer dem treuen Wasserträger etwas Spielzeit gönnen. Doch bei ihm geht wohl auch die Sorge um, Höwedes könne ein Turnier über vier Wochen nicht durchstehen. Und allzu viele Alternativen gibt es nicht, um ihn zu ersetzen. Da es im defensiven Mittelfeld und selbst in der Innenverteidigung im Vergleich dazu ein paar mehr Optionen gibt, könnte Kimmich auf der rechten Seite die besten Chancen auf Einsatzzeiten bekommen.

Am Sonntag (21 Uhr/Live-Ticker) startet die deutsche Mannschaft gegen die Ukraine in das EM-Turnier. Löw flunkert vermutlich kein bisschen, wenn er verkündet, er habe noch keinen festgezurrten Plan, mit welcher Startaufstellung er in die Begegnung gehen will. "Ich lasse manches noch offen. Ich will nicht auf eine Wunschelf festgenagelt werden", betonte der Bundestrainer. "Die Abnutzungserscheinungen in der Vorrunde werden vermutlich so groß wie noch nie bei einem EM-Turnier sein. Deshalb muss man Spielern auch Pausen einräumen und flexibel in der taktischen Ausrichtung sein. Wir haben die Möglichkeiten dazu."

Fotos: Gewinner und Verlierer der EM-Vorbereitung FOTO: dpa, mb wst

Im Spiel gegen Ungarn hat er einen kleinen Vorgeschmack darauf gegeben. Gegen einen sehr defensiv stehenden Gegner hat Löw ein paar Dinge variiert. Mario Götze durfte eine Zeit ganz vorne wirken, dann als sogenannte falsche Neun und später auch als klassischer Spielgestalter. Mesut Özil versuchte Impulse mal etwas weiter in der Mitte zu setzen, am Ende stand er auf der Sechser-Position. Er interpretierte dort seine Rolle wie erwartet nicht als Abräumer, sondern überzeugte auch Löw mit den bekannten Qualitäten. "Der Mesut ist einfach unheimlich Ballsicher und kann so den Spielaufbau ruhig organisieren", lobte Löw. Ungarn als Testgegner war freilich nicht ohne Grund gewählt. Auch gegen die Ukraine, Polen und Nordirland wird die "Die Mannschaft" auf defensiv stehende Formationen treffen.

Und dann sagte er einen dieser typischen Jogi-Sätze: "Wir haben au scho noch etwas Arbeit vor uns." Damit meinte er vor allem, die Spieler rechtzeitig für das Turnier fit zu bekommen. Bei einigen der Protagonisten wird es wohl beim Wunsch bleiben. Innenverteidiger Mats Hummels soll dem Vernehmen nach zum Beispiel frühestens am Ende der Vorrunde wieder eingesetzt werden. Seinen Platz hat gegen Ungarn Antonio Rüdiger eingenommen. Der Römer dürfte auch für weitere Aufgaben als Nachbar von Jerome Boateng in Frage kommen. In seinem Kerngebiet, der Defensive, machte er einen durchaus stabilen Eindruck. Der 23-Jährige schaltete sich aber auch immer wieder ins Spiel nach vorne ein und sorgte so für Gefahr.

Pressestimmen: "Auf der Suche nach Super-Deutschland" FOTO: dpa, mb wst

Bastian Schweinsteiger durfte sich auch mal wieder auf einer etwas größeren Bühne versuchen. Immerhin 20 Minuten. Für Löw "der erste Schritt" auf einem noch immer schwierigen Weg des Kapitäns. Gegen die Ungarn trauten der Bundestrainer und die medizinische Abteilung dem 31-Jährigen noch keinen 45-Minuten-Einsatz zu, über den Löw nach der Fußblessur von Sami Khedira nachgedacht hatte. "Basti hat lange nicht gespielt. Wir wollten nicht, dass in dieser Phase irgendwas passiert", sagte Löw. Schweinsteiger kam in der 68. Minute. "Er muss im Training immer weiter arbeiten, auch am Wochenende was tun", betonte der Bundestrainer.

Das hört sich nach viel Zeit an. Löw hat die Testphase noch nicht beendet.

Schweinsteiger feiert Comeback im DFB-Team FOTO: dpa, mb wst
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