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Profis sind überlastet
Das Fußball-Geschäft lässt die Spieler kaum noch Luft holen

Fotos: Boateng muss gegen Frankreich verletzt raus
Fotos: Boateng muss gegen Frankreich verletzt raus FOTO: ap, AF FP
Marseille. Jerome Boateng geht verletzt aus der EM, andere gingen angeschlagen in sie hinein. Die Spitzenspieler zahlen den Tribut für die stets wachsenden Belastungen im Profifußball. Von Robert Peters

Da sitzt er nun auf dem Rasen, der große Mann. Er bietet einen traurigen Anblick. Es ist Viertel nach zehn am Freitagabend im Stadion Velodrome von Marseille. Und die Europameisterschaft ist für Jerome Boateng zu Ende. Eine halbe Stunde später ist sie das für die gesamte deutsche Mannschaft, sie verliert ihr Halbfinale gegen den Gastgeber mit 0:2. Der Verteidiger ist da bereits an der Seitenlinie vom Physiotherapeuten Klaus Eder behandelt worden. Die erste Diagnose bestätigt sich am Wochenende in München: Der Nationalspieler hat eine Muskelbündelriss im Oberschenkel erlitten. "Ich denke, es wird knapp mit dem Saisonstart in der Bundesliga", sagt er. Der Saisonstart sei "nicht in Gefahr", behauptet der FC Bayern.

Boateng ist nicht der Einzige, der aus dieser EM hinaushumpelt, andere sind sogar hineingehumpelt. Sami Khedira kann am Anfang nicht richtig trainieren, Bastian Schweinsteiger schleppt sich durch die Vorbereitung, in seine beiden langen Einsätze gegen Italien und Frankreich geht er bandagiert wie ein Krieger, der unbedingt noch mal in die letzte Schlacht ziehen will. Mario Gomez schaut im Halbfinale wie Khedira wegen der blessierten Muskulatur zu. Die Dortmunder Marco Reus und Ilkay Gündogan verpassen die EM, sie bleiben wegen ihrer Verletzungen zu Hause.

Frust bei DFB-Team nach dem Aus im Halbfinale FOTO: dpa, kno

Die deutschen Spitzenspieler zahlen den Tribut für die Belastungen im Profifußball - da geht es ihnen nicht besser als den Kollegen in den anderen Mannschaften. Über 50 Spiele muss ein Topspieler in einer Saison auf hohem Niveau hinter sich bringen - die Freundschafts- und Privatspiele nicht mitgerechnet. Und es ist nicht absehbar, dass sich daran etwas grundlegend ändern wird. Die Uefa hat das Ihre getan, indem sie das Teilnehmerfeld der Europameisterschaft noch einmal vergrößert hat. Das erhöht die Belastung zusätzlich, und es führt nicht nur nach Ansicht des deutschen Trainers Joachim Löw dazu, "dass am Ende auch die Qualität leidet, klar".

Das Turnier in Frankreich unterstreicht das. Die Großen kommen nur langsam auf Touren, kleinere Fußballnationen, deren Spieler eher selten bei den Topklubs unter Vertrag stehen, stehlen ihnen die Schau, weil sie hungrig sind, frischer und ohne den Überdruss an lästigen Behauptungskämpfen, den so mancher große Star zunächst an den Tag legt. Cristiano Ronaldo ist ein gutes Beispiel. Er geht erkennbar angeschlagen in die Veranstaltung, und hartnäckig kämpfende Abwehrspieler findet er furchtbar anstrengend. Anklagend geht der Blick zum Schiedsrichter, fast weinerlich. Erst sehr spät, nach vielen mühevollen Begegnungen, die selbst für das Publikum schwer zu ertragen sind, kommt er in Gang - wie seine Mannschaft und viele der vermeintlichen Favoriten.

Viele büßen mit Verletzungen für die zähe Selbstüberwindung. Boateng beispielsweise ist erst spät im April nach einer längeren Pause wieder in den Wettkampffußball zurückgekehrt. In Frankreich macht zunächst der Körperteil Probleme, der bald als "Wade der Nation" in den Schlagzeilen erscheint. Die Physiotherapeuten und Ärzte im deutschen Stab behandeln ihn tagelang, im Halbfinale ist es dann der Oberschenkel, der den Verteidiger ins Krankenlager bringt. Irgendwann entscheiden nicht mehr die scheinbaren Allheilmittel der Sportmedizin. Der Körper nimmt sich seine Pausen, er wehrt sich durch Verletzungen.

Tops und Flops der EM 2016 FOTO: ap

Löw: "Es wird immer, immer mehr"

Damit müssen sich Profis in den einsamen Höhen des Spitzensports offenbar abfinden. "Im Fußball", klagt Löw, "wird es immer, immer mehr." Dafür gibt es natürlich auch immer, immer mehr Geld. Die Show muss weitergehen, Pausen verträgt das Unterhaltungsgeschäft nicht. Noch während der EM-Turniere beginnt die Saisonvorbereitung in den Vereinen, Sponsorenverträge verpflichten zu weiten Reisen, der Spielrhythmus ist früh in der Saison hoch, eigentlich zu hoch. Aber irgendwo muss die Maschine Profifußball ihren Treibstoff, das Geld, ja gewinnen.

Deshalb muss er seine prominentesten Unterhaltungskünstler ständig auf die Bühne stellen. In manchen Ligen pausenlos. "In England haben sie ja nicht mal eine Winterpause", sagt der deutsche Nationalspieler Thomas Müller, "das ist brutal." Die Briten zahlen dafür seit vielen Jahren bei den großen internationalen Turnieren einen hohen Preis. Wenn es dort interessant wird, sind sie meistens nicht mehr dabei, weil ihre Stars ausgelaugt sind.

In diesem Jahr muss Müller das Opfer für den Zirkus bringen. Er verletzt sich nicht, dagegen ist er offensichtlich immun, aber er spielt elend schlecht, kann sich nicht konzentrieren, er bringt die notwendige psychische Kraft nicht auf. Es lässt ihn gelegentlich auf dem Spielfeld verzweifeln, ratlos macht es ihn nicht, denn er kann es sich erklären. "Es ist in nervenaufreibendes Geschäft für uns Protagonisten", sagt er in feinstem Wissenschaftler-Deutsch, "es gibt ja nicht mehr diese Ruhepausen. Du kannst einmal kurz Luft holen, dann wirst du wieder unter Wasser gedrückt."

Müller stellt das fest, er bejammert es nicht. Er weiß ja um das mehr als ordentliche Schmerzensgeld. "So ist nun mal das Geschäft", sagt er, "du hast nur drei Wochen Urlaub, und da musst du versuchen, mental zur Ruhe zu kommen." Die physischen Belastungen erträgt er - besser als viele andere Kollegen. "Jeder Mensch kann gut vorbereitet alle vier Tage läuferisch eine Topleistung bieten", behauptet der Bayer. Das hat er selbst bewiesen. Trotzdem würden ihm nicht alle zustimmen. Khedira nicht, Schweinsteiger nicht und Boateng schon gar nicht.

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