| 08.45 Uhr

Sieg über Italien bei der EM 2016
"La Mannschaft" bezahlt teuer für das Ende des Fluchs

EM 2016: Deutsche Mannschaft bezahlt teuer für das Ende des Fluchs
Sami Khedira und Bastian Schweinsteiger sind für die Halbfinalpartie gegen Frankreich fraglich. FOTO: dpa, jhe
Bordeaux. Bastian Schweinsteiger und Sami Khedira verletzen sich beim denkwürdigen Viertelfinale gegen Italien und drohen im Halbfinale auszufallen. Für Mario Gomez ist die EM 2016 definitiv beendet. Von Robert Peters

Es wurde ja auch mal wieder Zeit. Zehn Jahre hat eine deutsche Nationalmannschaft kein Elfmeterschießen mehr gehabt, seit dem WM-Viertelfinale 2006 gegen Argentinien. Das war das Spiel mit dem Zettel, den Torwart Jens Lehmann im Stutzen versteckte. Heute liegt der Zettel, der ihm die Vorlieben der Schützen verriet, im Museum. Das Elfmeterschießen des EM-Viertelfinals von Bordeaux ist ebenfalls eines für die Geschichtsbücher. 18 Schützen traten an, ehe nach teilweise kuriosen Fehlschüssen in den zweiten Rang der Kölner Außenverteidiger Jonas Hector zum 6:5 traf. Zusammen mit dem 1:1 nach 120 Minuten hatte Deutschland Italien mit 7:6 bezwungen. Auch das taugt für die großen Bücher. Es war der erste Sieg über Italien bei einem großen Turnier.

Er wurde allerdings sehr teuer bezahlt. Sami Khedira musste nach einer Viertelstunde verletzungsbedingt für Bastian Schweinsteiger Platz machen. Wie der DFB am Sonntag mitteilte, ergab eine MRT-Untersuchung eine Adduktorenverletzung im linken Oberschenkel. Sein Einsatz im Halbfinale ist damit sehr fraglich, ebenso wie der von Schweinsteiger, der eine Außenbandzerrung im rechten Knie erlitt.

Hector schießt Deutschland ins Glück FOTO: dpa, ks

Aus für Gomez

Sogar bereits definitiv beendet ist die EM für Mario Gomez. Bei ihm wurde ein Muskelfaserriss im rechten Oberschenkel diagnostiziert. Mats Hummels wird der DFB-Elf zudem gelbgesperrt im Halbfinale fehlen. Khedira irritiert das alles nicht. "Was die Mannschaft heute geleistet hat, war eines Champions würdig. Wir werden im Halbfinale eine Mannschaft auf den Platz stellen, die den Gegner schlägt. Da bin ich sehr, sehr optimistisch." Und so sah er auch aus.

Diese Einstellung passt zu den Szenen unmittelbar nach Hectors Elfmeter. Die Spieler feierten den Sieg mit den üblichen wilden Tänzen, und fast jeder sagte nachher, was Hector sagte: "Ich bin überglücklich, das ist schwer in Worte zu fassen." Er wird wahrscheinlich noch seinen Enkeln von der entscheidenden Szene erzählen können. Der lange Weg aufs Tor von Gigi Buffon, das mit jedem Schritt kleiner zu werden schien, der Schuss in die rechte Torecke, an den der italienische Schlussmann beinahe noch richtig herankam, der Moment, in dem der Ball doch im Netz lag, der Jubellauf. Das vergisst man nicht.

Löw lobt die Youngster

So haben die 18 Spieler geschossen FOTO: dpa, ss

Zumal dann nicht, wenn man nicht gerade zu den Routiniers im Team gehört. Bundestrainer Joachim Löw wies ausdrücklich auf die Nervenstärke seiner Abteilung "Wir finden gerade unsere Plätze in der Nationalelf" hin. "Es war schon auch super, dass sich unsere Youngster Joshua Kimmich und Jonas Hector getraut haben", sagte er. In der Begeisterung über den Augenblick machte er den 21-jährigen Kimmich und den 26-jährigen Hector zu gleichaltrigen Bubis. Aber das erschütterte niemand.

Dass die beiden sich irgendwann trauen mussten, war klar, als die Prominenz geradezu reihenweise Fahrkarten schoss oder an den Torhütern scheiterte. Bastian Schweinsteiger hätte die Partie bereits entscheiden können, aber er wuchtete den Ball auf die Tribüne, Mesut Özil schoss ihn an den Pfosten, Thomas Müller fand in Buffon seinen Meister.

Die Nacht der Fehlschüsse

Die Italiener verzweifelten ihrerseits an Manuel Neuer, der zwei Elfmeter hielt - unter anderem den von Leonardo Bonucci, der in der regulären Spielzeit den Ausgleich ebenfalls per Elfmeter nach einem kuriosen Handspiel von Jerome Boateng erzielt hatte. "Zweimal wollte ich ihn nicht treffen lassen", sagte Neuer ungerührt. Genauso kühl hatte er seinen Job im Spiel und im nächtlichen Nachspiel von Bordeaux erledigt. "Natürlich habe ich die Schützen studiert", erklärte er. Derartige Vorbereitung geschieht heute nicht mehr mit Spickzetteln wie vor zehn Jahren, sondern mit Unterstützung aus der Welt der Daten, aufbereitet von Spezialisten aus dem Unternehmen des DFB-Partners SAP.

Die Eigentümlichkeiten des Elfmeterschießens aber hat auch die Software der modernen Fußballwelt nicht verändert. "Viele Spieler haben sich nicht für ihre bevorzugte Ecke entschieden, weil sie wussten, dass ich meine Hausarbeiten gemacht habe", sagte Neuer, "die Treffer fielen in der Mitte, das sagt ja schon was aus." Es sagt viel über die Unsicherheit. Wenn Fußballer nicht mehr weiter wissen, fliegt der Ball oft geradeaus - oder vorbei.

Italiens Zaza macht sich mit Elfmeter zum Gespött

Die DFB-Auswahl durfte sich allerdings nicht nur über treffsichere Nachwuchskräfte oder einen überragenden Torwart freuen. Sie machte sich in einem Spiel auf "höchstem taktischen Niveau" (Löw) noch einmal Mut für kommende Aufgaben. Der Coach urteilte zu Recht: "Ich habe mir nie vorstellen können, dass Italien aus dem Spiel heraus ein Tor machen würde."

Die Dreierkette macht einen guten Job

Maßgeblich für eine sehr überzeugende Mannschaftsleistung war eine Umstellung in der Abwehr. Löw schickte wie im Frühjahr beim 4:1-Testspielsieg gegen Italien eine Dreierkette mit den Innenverteidigern Benedikt Höwedes, Jerome Boateng und Mats Hummels ins Rennen. "Dadurch haben wir in der Mitte die Räume geschlossen", erklärte der Trainer, "es war dringend notwendig, die Mannschaft so zu verändern." Und: "Jetzt wollen wir mehr."

Dass mehr möglich ist als ein Prestige-Erfolg über die Italiener, zeigte der reife, abgeklärte Auftritt der Mannschaft in Bordeaux.

Quelle: RP
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

EM 2016: Deutsche Mannschaft bezahlt teuer für das Ende des Fluchs


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.