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DFB-Elf vor dem EM-Viertelfinale
Demütig, aber selbstbewusst gegen Italien

EM-Taktik: Deutschland gegen Italien
Evian. Abwehrchef Jerome Boateng sagt über den heutigen Viertelfinal-Gegner: "Es gibt Schlimmeres." Doch Bundestrainer Joachim Löw fordert heute Geduld und warnt: "Das kann schon auch zäh werden." Von Robert Peters

Er kann es noch, und die kurze Hose steht ihm auch noch ganz gut. Beim Abschlusstraining der Nationalmannschaft vor dem EM-Viertelfinale gegen Italien in Bordeaux (ab 21 Uhr/Live-Ticker) mischt der Manager mit. Oliver Bierhoff ist in Evian Doppelpasspartner für die Torhüter und Zielspieler für die langen Pässe von Manuel Neuer. In die Stammformation für den Klassiker drängt Bierhoff (48) nicht – trotz seiner langen Erfahrung als Spieler in Italien. Bei den wichtigsten Themen spricht er trotzdem mit.

Das Deutschland-Bild der Italiener. "Wir genießen eine hohe Wertschätzung", sagt Bierhoff, "wir stehen für Organisation und Disziplin. Zu meiner Zeit gab es noch das Bild der Panzer, wir waren ein unangenehmer Gegner. Heute wird das tolle Fußballmodell Deutschland hoch geschätzt." Italiener, erklärt der deutsche Manager, "haben eine Freude an den schönen Dingen". Deshalb finden sie den deutschen Fußball so gut.

Der italienische Fußball. Die deutsche Mannschaftsführung preist Italiens Mannschaft mit Hingabe. Bundestrainer Joachim Löw glaubt, sie sei besser als die Weltmeistermannschaft von 2006 oder der EM-Finalist von 2012. Die Deutschen sind beeindruckt von der Ruhe im Spiel des Viertelfinalgegners und von seiner Fähigkeit, sich auf jeden Kontrahenten einzustellen. "Es hat mich schon ein bisschen überrascht, wie sie gegen Spanien aufgetreten sind. Die Spanier waren ja für viele ein Topfavorit", sagt Mittelfeldspieler Toni Kroos. Manager Bierhoff sieht auch im offensiver orientierten Auftreten der "Squadra" die alte Liebe zum Verteidigen verborgen. "Der Italiener", erklärt Bierhoff, "ist vom Ergebnis her minimalistisch eingestellt. Er freut sich über ein 1:0 und kann es leidenschaftlich diskutieren."

Wie müssen die Deutschen spielen? Die DFB-Auswahl braucht die schnelle Verlagerung des Spiels auf die Flügel, damit sie den italienischen Block in der Mitte auseinanderziehen und sich selbst Räume verschaffen kann. Aber Löw warnt: "Das kann schon auch zäh werden." Bei aller Risikobereitschaft benötigt seine Mannschaft die vielzitierte Kompaktheit im eigenen Mittelfeld, damit sie nicht in Konter läuft. Viel Arbeit für die Zentrale mit Kroos und Sami Khedira. Sie muss mit den Innenverteidigern Jerome Boateng und Mats Hummels das Spiel aufbauen. "Wichtig ist, unser Spiel durchzudrücken", betont Boateng.

Gibt es Änderungen? Das lässt Löw wie immer offen. "Es kann sein", sagt er, "vielleicht müssen wir im Trainerteam noch etwas tüfteln." Auffallend häufig loben Löw, seine Assistenten und auch Trainingsgast Bierhoff den Kapitän. "Bastian Schweinsteiger ist in einem sehr guten Zustand", sagen sie, und es hört sich an, als würden sie über einen gepflegten Oldtimer reden. Zu viel Laufzeit wollen sie ihm aber wohl nicht zumuten. Bislang waren es immer nur Kurzeinsätze. Und obwohl Schweinsteiger nach der Viertelstunde gegen die Slowakei feststellte, "es hätten auch ein paar Minuten mehr sein können", drängt er nicht so mächtig in die Stammelf, wie die Komplimente nahelegen mögen.

Draxler oder Götze. Der Wolfsburger Julian Draxler hat nach seinem guten Auftritt im Achtelfinale die Nase deutlich vorn. Mario Götze hatte bisher nicht das Glück, annehmbare Vorstellungen mit Torerfolgen zu untermauern. Draxler spielte auffällig, traf und bereitete einen Treffer vor. Es wäre erstaunlich, wenn er gegen Italien zuschauen müsste.

Dreier- oder Viererkette. "Wir können beides", sagt Hummels. In der Dreierkette trat die DFB-Auswahl im Frühjahr bei ihrem 4:1-Testspielerfolg über Italien in München an. "Das war sicher auch kein Zufall", erklärt der künftige Bayern-Verteidiger. In einer Dreierkette mit drei Innenverteidigern würde Benedikt Höwedes ins Team rutschen, Mesut Özil wie damals in München vielleicht neben Kroos in die Zentrale und Khedira auf die Bank. Ein bisschen viel Wechseltheater vor einem wichtigen Spiel.

Falsche oder richtige Neun. Das ist schon lange kein Thema mehr. Mario Gomez spielt fast so beweglich wie Miroslav Klose im Weltmeister-Team, er hat zwei Treffer erzielt und damit beste Werbung für weitere Einsätze gemacht. Götze könnte die furchterregende Juventus-Abwehr in Italiens Nationalteam (Barzagli, Bonucci, Chiellini) mit seinen Dribblings ärgern, ob er Zweikämpfe mit den harten Jungs aus Turin aushalten würde, ist eine ganz andere Frage.

Deutschlands Perspektive. Löw hält den Ball betont flach, er will sich trotz einer ständigen Aufwärtsentwicklung auf keinen Fall in die Favoritenrolle drängen lassen. "Wir brauchen ein bisschen Demut und Bescheidenheit", sagt der Bundestrainer. Er lobt lieber ausdauernd die Italiener. Das ist gut, denn es schärft die Sinne. Selbstbewusst darf sein Team auf jeden Fall in die Begegnung gehen. "Ich mache mir jetzt nicht Tag und Nacht Gedanken über Italien", beteuert Boateng glaubhaft und fügt hinzu: "Es gibt Schlimmeres." Stimmt. Aber bei diesem Turnier?

Quelle: RP
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