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Hooligans bei der EM
Deutschland gegen Polen ist das nächste Risiko-Spiel

Pressestimmen zur Fangewalt in Marseille
Pressestimmen zur Fangewalt in Marseille FOTO: afp
Schwere Ausschreitungen haben bislang die EM überschattet, das Hooligan-Problem ist zurück. Das Spiel Deutschland gegen Polen versetzt die Behörden in Alarmbereitschaft.

Die französischen Behörden reagieren hektisch, das nächste deutsche EM-Spiel wird zu einer enormen Belastungsprobe: Nach den Gewaltexzessen auch deutscher Hooligans treffen Polizei und Uefa eiligst neue Last-Minute-Maßnahmen, um die Sicherheit in den Spielorten und EM-Stadien zu gewährleisten. Dafür könnte es aber zu spät sein: "W1ir gehen fest davon aus, dass diese Begegnung gewaltbereite Störer anziehen wird", sagte Jan Schabacker, Pressesprecher der szenekundigen Beamten aus Deutschland, dem SID: "Spiele gegen Polen sind traditionell brisant."

In den kommenden Tagen warten drei Begegnungen, die von Sicherheitsexperten als besonders gefährdet eingestuft werden. So gilt am Donnerstagabend für das deutsche Spiel gegen Polen in St. Denis die höchste Alarmstufe. Ein Experte hat die Hoffnung schon aufgegeben. "Ich glaube, dass sich die Probleme bei dieser EM kurzfristig nicht mehr lösen lassen", sagte der frühere DFB-Sicherheitschef Helmut Spahn der "Bild".

In schlechter Erinnerung sind vor allem die Ausschreitungen in Dortmund rund um das WM-Vorrundenduell 2006. 429 Randalierer wurden damals in Gewahrsam genommen, es gab 31 Verletzte. Doch in Frankreich bereiten noch zwei weitere Spiele große Sorgen: Schon vor dem zweiten deutschen Auftritt spielt Russland am Mittwoch in Lille gegen die Slowakei, England und Wales messen sich 24 Stunden später im 30 Kilometer entfernten Lens. Es herrscht Alarmstufe rot.

Vorwürfe gegen Frankreich

Straßenschlachten in Marseille und Nizza hatten in den ersten Tagen Entsetzen ausgelöst, am Sonntagabend missbrauchten dann auch deutsche Hooligans das Turnier als Bühne - alles Vorfälle, die nahelegen: Die Gastgeber waren und sind offenbar schlecht vorbereitet. Vorwürfe an die französischen Behörden werden lauter. "Der Austausch der Franzosen mit szenekundigen Beamten anderer Länder ist mangelhaft", sagt Spahn, "die Bilder zeigen, dass die französische Polizei der Lage stets hinterherrennt."

Deutsche Hooligans sind mittendrin: Auflagen, nach denen Hooligans an den kritischen Tagen bei der Polizei vorstellig werden müssen, wurden rund um die EM bislang viermal verhängt. In Lille randalierten vor dem deutschen Auftaktspiel gegen die Ukraine (2:0) dennoch rund 50 Deutsche, "zu 100 Prozent lassen sich diese Dinge nicht verhindern", sagt Schabacker. Im Laufe des Sonntags hätten die deutschen Beamten festgestellt, "dass sich etwa 300 gewaltbereite Störer in Lille aufhalten. Wir hatten diese frühzeitig auf dem Schirm und haben das den französischen Kollegen mitgeteilt."

Anwesende deutsche Fans warfen den französischen Behörden dennoch zögerliches Handeln vor. "Die französische Polizei hat sehr spät eingegriffen", sagte Volker Goll, stellvertretender Leiter der Koordinationsstelle Fanprojekte (KOS), dem SID. Die Reaktionen der französischen Behörden wirken nun entsprechend hektisch: mehr Einsatzkräfte, Alkoholverbote - eiligst werden nun Vorschläge gemacht, die nicht immer oder nicht mehr umsetzbar sind.

Vor allem mit Blick auf die weitaus heftigeren Krawalle in Marseille wird auch international Kritik am Vorgehen der französischen Sicherheitskräfte geübt. Bei den Straßenkämpfen zwischen Russen und Engländern habe die Polizei nicht mit den Fans kommuniziert, "und sie haben es nicht geschafft, die russischen Ultras unter Kontrolle zu halten oder zumindest die englischen Anhänger zu schützen", sagte Geoff Pearson, Fanforscher an der Universität Manchester.

Bedenklich in diesem Zusammenhang sind auch die Zahlen, welche die Staatsanwaltschaft am Montag veröffentlichte. Bislang müssen sich für die Ausschreitungen nur zehn Personen vor Gericht verantworten: sechs Briten, drei Franzosen und ein Österreicher. Rund 150 russische Hooligans haben sich dagegen einer Verhaftung entzogen.

(sid)
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