| 23.20 Uhr

Deutschland - Frankreich 0:2
Deutscher EM-Traum platzt im Halbfinale

EM 2016: Deutschland scheitert im Halbfinale an Gastgeber Frankreich
FOTO: dpa, pgr
Der Traum vom EM-Titel in Frankreich ist für die deutsche Nationalmannschaft im Halbfinale geplatzt. Gegen den Gastgeber setzte es eine bittere 0:2-Niederlage. Antoine Griezmann wird mit einem Doppelpack zum deutschen Schreckgespenst. Von Robert Peters

67.000 Menschen können einen ganz schönen Lärm machen. Das wurde im Halbfinale der Europameisterschaft zwischen Frankreich und Deutschland in Marseille mal wieder bewiesen. Auf den Rängen wurde eine stimmungsvolle Party gefeiert. Die Gastgeber hatten dabei mehr Anlass zu fröhlicher Ausgelassenheit. Sie schalteten den Weltmeister aus und spielen am Sonntag gegen Portugal im Finale.

Bundestrainer Joachim Löw war gefasst. Auf die Frage, ob er auch künftig auf der Bank sitzen werde, presste er heraus: "Ich denke mal." Seiner Mannschaft machte er ein "Riesenkompliment" für das Spiel: "Wer viel riskiert, läuft Gefahr zu verlieren. Wer nichts riskiert, hat von vornherein verloren."

Frust bei DFB-Team nach dem Aus im Halbfinale FOTO: dpa, kno

"Wir haben eine gute EM gespielt, aber wir sind ausgeschieden. Das ist ein Halbfinale, blödere Momente gibt es nicht", klagte Torhüter Manuel Neuer, auch noch sichtlich mitgenommen, nach dem 0:2 (0:1) in Marseille. "Das ist kein faires Ergebnis." Teammanager Oliver Bierhoff fügte im ZDF frustriert hinzu: "Das war ein unglückliches und dummes Aus."

Bundestrainer Joachim Löw hatte nicht nur erwartungsgemäß Kapitän Bastian Schweinsteiger in die Startelf gestellt, er setzte auch erstmals im Turnier Emre Can vom FC Liverpool ein. Er sollte mit Schweinsteiger und dem im Vergleich zu den zurückliegenden Begegnungen offensiver orientierten Toni Kroos dem französischen Mittelfeld die Wucht nehmen.

Das gelang trotz kleinerer Anlaufschwierigkeiten über weite Strecken ziemlich gut. Zunächst mussten sich die Deutschen erst mal finden, und das wäre nach einem sehr flüssigen Zusammenspiel der Franzosen über die rechte Abwehrseite des Weltmeisters beinahe ins Auge gegangen. Doch Manuel Neuer parierte den Schuss von Antoine Griezmann. Der Angreifer von Atlético Madrid blieb in der Folge der einzige Spieler der Gastgeber, von dem so etwas wie Gefahr ausging – Griezmann machte später den Unterschied aus.

Die DFB-Auswahl machte ihrem Gegner im Mittelfeld die Räume eng, sie kombinierte geschickt nach vorn und stellte die Abwehr des EM-Ausrichters vor große Probleme. Schweinsteiger hatte vor allem im Defensivspiel sehr gute Szenen, er spielte als eine Art Libero in der Abwehr mit und half dabei, Olivier Giroud als Station für die schnellen Angriffe der Franzosen aus dem Spiel zu nehmen.

Fotos: Schweinsteiger verursacht Handelfmeter FOTO: dpa, hak

Vor der Pause verbuchten die Deutschen eine ganze Reihe von brauchbaren Torgelegenheiten, aber Torwart Hugo Lloris stand dem Schuss von Can ebenso im Weg wie einem Versuch von Schweinsteiger aus sicher 25 Metern.

Schweinsteigers Aussetzer

Das Tor fiel auf der anderen Seite. Wieder war der deutsche Kapitän beteiligt. Es war ein Aussetzer Schweinsteigers. Im Kopfballduell mit Patrice Evra nach einer Ecke spielte er den Ball klar mit der Hand. Schiedsrichter Nicola Rizzoli pfiff Elfmeter, Griezmann verwandelte nach heftigen Protesten der Deutschen, die den Einsatz von Evra als Foul gewertet sehen wollten. Es war die letzte Aktion vor der Pause und eine perfekte Vorlage für Verschwörungstheoretiker, die auf die Ansetzung eines italienischen Schiedsrichters nach dem Viertelfinalsieg der Deutschen mit beredter Skepsis reagiert hatten. Manuel Neuer fand nach dem Spiel wohlwollend unaufgeregte Worte: "Wir haben uns in dieser Szene nicht clever genug angestellt."

Der nahm seine Entscheidung natürlich nicht zurück. Aber die vielzitierte Statik des Spiels änderte sich auch durch die französische Führung nicht. Löws Mannschaft hatte die höhere Ballbesitz-Quote, die Franzosen hofften auf schnelle Konter nach Ballverlusten. Sie zogen sich sehr weit in die eigene Hälfte zurück, manchmal stand Giroud als vorderster Angriffsspieler nur noch 40 Meter vor dem eigenen Tor.

Das zeugte vom Respekt vor dem deutschen Spielvermögen, ist aber auch ein Teil der Spielanlage im Team von Didier Deschamps. Die Deutschen spielten sehr gefällig, sie fanden auch häufig genug den Weg in die Tiefe, weil Julian Draxler und Thomas Müller gut in Bewegung waren. Die hundertprozentige Torgelegenheit spielten sie aber nicht mehr heraus.

Reaktionen: "Das ist die Rache von Rizzoli"

Zu allem Überfluss verletzte sich Innenverteidiger Jerome Boateng bei einem langen Pass ohne gegnerische Einwirkung so schwer, dass er ausgetauscht werden musste. Für ihn kam Shkodran Mustafi auf den Platz, die Deutschen spielten nach einer Stunde mit der zweiten Verteidigung, Mats Hummels war schließlich gesperrt. Dadurch fehlte Löws Mannschaft in der ersten Phase des Spielaufbaus die Kreativität von Boateng und Hummels. Kroos ließ sich nun häufiger als Anspielstation nach hinten zurückfallen, Schweinsteiger fühlt sich dort ohnehin wohl.

Mit gemütlichem Aufbau und ansehnlichem Kombinationsfußball war es nicht mehr getan. Löw musste langsam den Angriff beleben. Mario Götze, der WM-Held von 2014, war dafür auserkoren. Dadurch wurde die Gefahr größer, dass die Franzosen über Paul Pogba aus der Mittelfeldzentrale mehr Entfaltungsraum bekommen würden. Die Entscheidung war, wie in der Politik gesagt würde, alternativlos.

Der zweite Treffer der Franzosen hatte nichts mit der Umstellung zu tun. In der Abwehr gab es nach Ballverlust im Aufbau ein kollektives Durcheinander. Erst vertändelte Joshua Kimmich den Ball im eigenen Strafraum, dann ließ sich Mustafi von Paul Pogba austanzen und Griezmann staubte nach zu kurz geratener Neuer-Abwehr kühl zum 2:0 ab. Die deutsche Mannschaft war geschlagen.

Sie fährt nach einer ordentlichen Vorstellung nach Hause. Dort werden die Diskussionen um den italienischen Schiedsrichter vermutlich trotzdem weitergehen.

Quelle: RP
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