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"Schwer in Worte zu fassen"
Ein Elfmeterschießen für die Geschichtsbücher

Hector schießt Deutschland ins Glück
Hector schießt Deutschland ins Glück FOTO: dpa, ks
Bordeaux . Es wurde ja auch mal wieder Zeit. Zehn Jahre hat eine deutsche Nationalmannschaft kein Elfmeterschießen mehr gehabt, seit dem WM-Viertelfinale 2006 gegen Argentinien. Das war das Spiel mit dem Zettel, den Torwart Jens Lehmann im Stutzen versteckte. Heute liegt der Zettel, der ihm die Vorlieben der Schützen verriet, im Museum. Von Robert Peters

Das Elfmeterschießen des EM-Viertelfinals von Bordeaux ist ebenfalls eines für die Geschichtsbücher. 18 Schützen traten an, ehe nach teilweise kuriosen Fehlschüssen in den zweiten Rang der Kölner Außenverteidiger Jonas Hector zum 6:5 traf. Zusammengerechnet mit dem 1:1 nach 120 Minuten hatte Deutschland Italien mit 7:6 bezwungen. Und auch das taugt für die großen Bücher. Es war der erste Sieg über Italien bei einem großen Turnier.

Die Spieler feierten ihn auf dem Rasen mit den üblichen wilden Tänzen, und fast jeder sagte nachher, was der Sieg-Elfmeterschütze Hector sagte: "Ich bin überglücklich, das ist schwer in Worte zu fassen." Er wird wahrscheinlich noch seinen Enkeln von der entscheidenden Szene erzählen können. Sie brannte sich in seine Erinnerung ein. Der lange Weg aufs Tor von Gigi Buffon, das mit jedem Schritt kleiner zu werden schien, der Schuss in die linke Torecke, an den der italienische Schlussmann beinahe noch richtig herankam, der Moment, in dem der Ball doch im Netz lag, der Jubellauf. Das vergisst man nicht.

Zumal dann nicht, wenn man nicht gerade zu den Routiniers im Team gehört. Bundestrainer Joachim Löw wies ausdrücklich auf die Nervenstärke seiner Abteilung "Wir finden gerade unsere Plätze in der Nationalelf" hin. "Es war schon auch super, dass sich unsere Youngster Joshua Kimmich und Jonas Hector getraut haben", sagte er. In der Begeisterung über den Augenblick machte er den 21-jährigen Kimmich und den 26-jährigen Hector zu gleichaltrigen Bubis. Aber das erschütterte niemand.

Deutsche Elfmeter-Fehlschützen bei großen Turnieren

Dass die beiden sich irgendwann trauen mussten, war klar, als die Prominenz geradezu reihenweise Fahrkarten schoss oder an den Torhütern scheiterte. Bastian Schweinsteiger hätte die Partie bereits entscheiden können, aber er wuchtete den Ball auf die Tribüne, Mesut Özil schoss ihn an den Pfosten, Thomas Müller fand in Buffon seinen Meister. Die Italiener verzweifelten ihrerseits an Manuel Neuer, der zwei Elfmeter hielt - unter anderem den von Leonardo Bonucci, der in der regulären Spielzeit den Ausgleich ebenfalls per Elfmeter nach einem kuriosen Handspiel von Jerome Boateng erzielt hatte. "Zweimal wollte ich ihn nicht treffen lassen", sagte Neuer ungerührt.

Genauso kühl hatte er seinen Job im Spiel und im nächtlichen Nachspiel von Bordeaux erledigt. "Natürlich habe ich die Schützen studiert", erklärte er. Derartige Vorbereitung geschieht heute nicht mehr mit Spickzetteln wie vor zehn Jahren, sondern mit Unterstützung aus der großen Welt der Daten, aufbereitet von Spezialisten aus dem Unternehmen des DFB-Partners SAP.

Pressestimmen: "Es war einmal ein Angstgegner" FOTO: dpa, sam

Die Eigentümlichkeiten des Elfmeterschießens aber hat auch die Software der modernen Fußballwelt nicht verändert. "Viele Spieler haben sich nicht für ihre bevorzugte Ecke entschieden, weil sie wussten, dass ich meine Hausarbeiten gemacht habe", sagte Neuer, "die Treffer fielen in der Mitte, das sagt ja schon was aus." Es sagt viel über die Unsicherheit. Wenn Fußballer nicht mehr weiter wissen, fliegt der Ball oft geradeaus - oder vorbei.

Die DFB-Auswahl durfte sich allerdings nicht nur über treffsichere Nachwuchskräfte oder einen überragenden Torwart freuen. Sie machte sich in einem Spiel auf "höchstem taktischen Niveau" (Löw) noch einmal Mut für kommende Aufgaben. Der Coach urteilte zu Recht: "Ich habe mir nie vorstellen können, dass Italien aus dem Spiel heraus ein Tor machen würde."

Maßgeblich für eine sehr überzeugende Mannschaftsleistung war eine Umstellung in der Abwehr. Löw schickte wie im Frühjahr beim 4:1-Testspielsieg gegen Italien eine Dreierkette mit den Innenverteidigern Benedikt Höwedes, Jerome Boateng und Mats Hummels ins Rennen. "Dadurch haben wir in der Mitte die Räume geschlossen", erklärte der Trainer, "es war dringend notwendig, die Mannschaft so zu verändern." Es darf schließlich auch der eigene Beitrag zum Erfolg herausgestellt werden. So viel Zeit muss sein. Und so viel Selbstbewusstsein auch: "Jetzt wollen wir mehr."

Dass mehr möglich ist als ein Prestige-Erfolg über die Italiener, zeigte der reife, abgeklärte Auftritt der Mannschaft in Bordeaux. Am deutlichsten wies Sami Khedira darauf hin. Er musste nach einer Viertelstunde wegen seiner leidigen Adduktorenprobleme für Bastian Schweinsteiger Platz machen, und er hatte deshalb Gelegenheit, die Vorstellung seiner Kollegen ausgiebig zu betrachten. Sein Beschluss: "Was die Mannschaft heute geleistet hat, war eines Champions würdig,  sie hat Italien komplett dominiert. Wir haben den Sieg verdient, und unser Weg ist definitiv noch nicht zu Ende."

Selbst die möglichen Ausfälle können ihm die Zuversicht nicht rauben. Keiner weiß, ob er selbst und Mario Gomez, der mit muskulären Problemen ausgewechselt wurde, im Halbfinale spielen können. Ganz sicher nicht dabei ist Verteidiger Hummels, der die zweite gelbe Karte sah und gesperrt ist. Khedira irritiert das nicht. Er versicherte: "Wir werden im Halbfinale eine Mannschaft auf den Platz stellen, die den Gegner schlägt. Da bin ich sehr, sehr optimistisch." Und so sah er auch aus.

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