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Löws Ansprüche bleiben hoch
Der Erfolgstrainer

Fotos: Joachim Löw – Freiburger, DFB-Pokalsieger, Weltmeister
Fotos: Joachim Löw – Freiburger, DFB-Pokalsieger, Weltmeister FOTO: dpa, ss
Evian-Les-Bains. Joachim Löw hat den deutschen Fußball in den vergangenen zwölf Jahren revolutioniert. Selbst die neuerliche Verletztenmisere bringt ihn nicht aus der Ruhe. Seine Ansprüche bleiben unverändert hoch. Von Robert Peters

Joachim Löw hat viel für den deutschen Fußball getan. Zum Beispiel verschaffte er ihm eine neue Sprache. Der badische Superlativ ("högschde Konzentration") ist zwar nicht direkt seine Erfindung, aber er hat ihn um die Welt getragen. Neuerdings ist er ein wenig aus der Mode gekommen. Vielleicht klingt er Löw zu sehr nach Provinz. Das "Scho(n)-au(ch)" ist sein Markenzeichen geblieben. Und seit ein paar Jahren beschließt er seine Feststellungen mit einer ganz kurzen Pause, in der sich seine Zuhörer ein Komma denken müssen, und dem Wörtchen "klar". Er sieht dann so aus, als müsse er sich selbst noch mal endgültig vergewissern. Mit dem Wörtchen "klar" nickt er sich innerlich zu.

Löw ist aber nicht nur ein sprachlich eindrucksvolles Wesen. Als Assistent von Jürgen Klinsmann hat er den deutschen Fußball von 2004 bis 2006 maßgeblich verändert, erfrischt, entstaubt. Und als Bundestrainer machte er daraus in zehn Jahren eine richtige Revolution. Schönes Spiel ist seitdem nicht mehr nur das, was die anderen Nationen tun und womit sie uns beschämen, sondern ein Ziel der DFB-Auswahl. Nicht mehr die sogenannten deutschen Tugenden, das Mauern, Grätschen, Ergebnishalten, stehen im Vordergrund. Es geht um Tore, um Angriffe, um Spaß, ja auch um Spaß.

Eine Zeitlang schien es, als verliere Löw über den Spaß, über die Verspieltheit die Währung des Weltfußballs aus den Augen. Denn Titel holte er zunächst mal nicht, obwohl er bei seinen vier Turnieren als Chef und dem einen als Klinsmann-Flüsterer die Teams immer mindestens bis ins Halbfinale führte. Die letzten Kritiker, die ihm Schönheit um der Schönheit willen vorwarfen, müssen seit zwei Jahren schweigen. Denn da bewies Löw, dass er auch das nackte Ergebnis schätzen gelernt hat. Eine Mischung aus Schönheit, Angriffslust und nüchternem Blick auf die Notwendigkeiten bescherte Deutschland den Weltmeistertitel. Löw muss nun endgültig niemandem mehr etwas beweisen.

Rüdigers EM-Aus bringt Löw nicht aus der Bahn

Deshalb bringt ihn wirklich nichts mehr aus der Ruhe. Die Verletzungen von Stammspielern vor der EM haben ihn nicht erschüttert, und auch der Ausfall von Verteidiger Antonio Rüdiger gleich am ersten Tag in Frankreich bringt ihn nicht wahrnehmbar aus dem Konzept. Löw sitzt auf dem Podium des DFB-Medienzentrums in Evian-les-Bains und sagt: "Es fallen Spieler aus, die in meinen Planungen eine große Rolle gespielt haben. Und ich hätte sie gern dabei gehabt, klar. Aber wir jammern nicht, wir werden aus unseren Möglichkeiten das Beste machen." Er schaut so, als habe er gerade den Wetterbericht verlesen. Auch wenn's Regen gibt, kann man es ja nicht ändern, sagt dieser Gesichtsausdruck, ziehen wir uns also die Regenjacke an.

Spieler mögen diese unerschütterliche Haltung. Sie gibt ihnen Sicherheit, wo sie sonst an sich zweifeln könnten. Darum kann Löws Souveränität auch ein Teil der Vorbereitungsarbeit sein. In Brasilien sah das so ähnlich aus, als er über die Probleme des Klimas, der Temperaturen zu den Spielzeiten und über die Reisestrapazen sprach. Damals wie heute wischt er alle Ansätze, aus widrigen Umständen Entschuldigungen abzuleiten, vom Tisch. "Wir müssen damit leben, wir müssen das Beste daraus machen", ist so etwas wie sein Mantra. Die Spieler sind ihm in Brasilien gefolgt. Und der Verlauf dieses Turniers hat Löw in seiner Selbstgewissheit gestärkt. Selbst wenn sie in Teilen aufgesetzt war, ein Mittel zum Zweck, dient sie ihm heute wie eine zweite Haut. Er ist längst der große Trainer, der sich von den Kleinigkeiten des Fußballlebens nicht mehr beeindrucken lässt.

Böse Menschen, die ihm vorhalten, dadurch auch dem normalen Leben entrückt zu sein, überhört er. Deswegen irritieren ihn Fragen, ob die kleine Verletzungsmisere, die über sein Team hereingebrochen ist, nicht notwendig auch die Maßstäbe für das Turnier verändern müsse. "Wir schrauben unsere Ansprüche nicht nach unten", beteuert Löw, "wir haben schon auch unsere Ziele." Probleme stehen da zwar im Weg, aber sie sind nie unüberwindlich. "Ich kenne das", stellt der Bundestrainer fest, "wir müssen eine Lösung finden." Sein Job sei es, die Spieler darauf vorzubereiten, dass die das Richtige tun. Auch das sagt er mit der Gelassenheit des Nachrichtensprechers und mit der Überzeugungskraft eines Lehrers.

Selbstzweifel erlaubt er sich öffentlich nicht. Und wenn das eine Fassade ist, dann sollte er sich in seinem nächsten Leben unbedingt für eine Karriere in Hollywood bewerben. Ein gewisses darstellerisches Talent offenbart er ja bereits in der Werbung. Da ist alles wirklich nur gespielt.

Quelle: RP
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