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Deutschland trifft auf Angstgegner Italien
Löw schaut entspannt aufs Viertelfinale

Italiens gefährlichste Waffen
Italiens gefährlichste Waffen FOTO: ap, AF FP
Evian. Der Bundestrainer gibt sich vor dem Spiel am Samstag (21 Uhr/Live-Ticker) gegen Italien betont gelassen. Dass er gegen die Squadra Azzurra bereits zweimal scheiterte, sieht er als Vorteil. Löw spricht von einem Lerneffekt. Von Robert Peters

Die Sonne scheint auf den Genfersee, die Spieler haben frei, und Joachim Löw hat in den Beste-Laune-Jogi-Modus geschaltet. Nicht einmal die Nachricht, dass der deutschen Nationalmannschaft im Viertelfinale der Europameisterschaft am Samstag in Bordeaux der Angstgegner Italien vorgesetzt wird, kann daran etwas ändern. Dabei hätte der Bundestrainer ja durchaus Anlass, zumindest mal ordentlich nervös zu werden. Denn Italien könnte sein persönliches Trauma sein. Bei der Weltmeisterschaft 2006, als Löw noch Assistent von Jürgen Klinsmann war, scheiterte Deutschland im Halbfinale an den Italienern, 2012 im EM-Halbfinale von Warschau, weil Löw taktische Fehler beging. Vom Blick zurück hält er vielleicht auch deswegen nichts. "Die Vergangenheit, das ist doch kalter Kaffee", sagt er in der Nähe des Teamquartiers Evian-les-Bains, "ein frischer Espresso schmeckt uns allen viel besser." Und dann lacht er.

Das Lachen wirkt nicht aufgesetzt, so wenig wie die Gelassenheit, die offenbar spätestens seit dem Titelgewinn in Brasilien in ihm wohnt. So sehr, dass sie ihm so mancher böse Mensch bereits als Abgehobenheit auslegt. Die typischen Aufgeregtheiten um den großen Fußball scheinen ihn auf jeden Fall nicht zu erreichen. Er nennt sie "die Gefühlsschwankungen in einem Turnier". Und er versichert: "Ich singe nicht in dem Chor, der uns nach einem 0:0 gegen die Polen schon abschreiben will und nach einem 3:0 gegen die Slowakei zum großen Favoriten erklärt." Das geht ihm viel zu schnell, und es ist ihm viel zu oberflächlich.

"Haben kein Italien-Trauma"

Er stimmt lieber jenen zu, die Italien für einen sehr schweren Gegner halten. Jenen, die das große Grauen aus der Geschichte beschwören und die beständig mit Frösteln in der Stimme darauf verweisen, dass es in den großen Turnieren nur Niederlagen gab, hält er entgegen: "Wir haben kein Italien-Trauma. Und wenn wir unser Spiel durchbringen, können wir die Italiener schlagen."

Er sagt "wenn" und "wir können". Das klingt ein bisschen beschwörend. Und das soll es wohl auch. Schließlich hat Löw natürlich das 1:2 im Halbfinale vor vier Jahren nicht vergessen. Er erinnert sich an jede Szene, besonders deutlich an die beiden Tore von Mario Balotelli. Er kann heute noch sagen, "dass wir individuelle Fehler gemacht haben und nach einer eigenen Ecke ganz offen waren in der Abwehr". Für einen, der die Vergangenheit für kalten Kaffee hält, sind die Bilder ziemlich frisch.

Er hat sie positiv verarbeitet, das betont er jedenfalls. "Diese schmerzliche Niederlage hat mir 2014 im Turnier in Brasilien geholfen, sie war eine sehr gute Lehre", sagt Löw. Vor vier Jahren war sein Plan gescheitert, den italienischen Spielmacher Andrea Pirlo aus dem Spiel zu nehmen, weil er den Italienern damit eine Flanke völlig entblößte. Seither schaut Löw zwar "schon auch" auf den Gegner, aber er versucht viel mehr als früher, die eigenen Stärken durchzubringen. Und er vertraut häufiger seinem Gefühl. Das war die Basis für den WM-Triumph von Rio, und es soll auch zum Erfolg über die Italiener führen.

Verteidigen "liegt in ihrer Natur"

Die Italiener haben, das weiß Löw, genau jene Mittel, die das deutsche Spiel blockieren können. Grundsätzlich verteidigen sie gern. "Das liegt in ihrer Natur", erklärt der Bundestrainer, "in Italien freuen sie sich viel mehr als in Deutschland, wenn sie kein Gegentor bekommen. Wenn sie führen, dann jagen sie den Ball auch mal auf die Tribüne, dabei lächeln sie - das können sie." Die Abwehrarbeit gehört zur genetischen Grundausstattung eines italienischen Fußballspielers, ganz gleich, auf welcher Position er eingesetzt wird.

Gegner der Italiener bekommen Probleme, weil die Mannschaft es extrem gut versteht, die Räume zu schließen, sie zieht sich bei Bedarf regelrecht in der Mitte zusammen. All das konnten die Italiener schon immer, dieser Fußball wird in der Ausbildung der Talente ebenso wie in den großen Klubs der Serie A gepflegt. Ihr Nationaltrainer Antonio Conte hat das taktische Vermögen noch einmal entscheidend erweitert, wie der Amtskollege Löw mit hörbarem Respekt feststellt: "Sie können mit ihren ballsicheren Spielern im Mittelfeld sehr schnell nach vorn spielen, Conte hat ihnen offensiv mehr Durchschlagskraft gegeben, weil er erkannt hat, dass man nur mit Catenaccio kein Turnier gewinnt." Der berühmte eherne Abwehrriegel ist deshalb nur noch eine Komponente im deutlich komplexeren Spiel Italiens.

Löw ist vom Viertelfinalgegner vorsichtshalber derart begeistert, dass er die Mannschaft gleich für "besser als 2006, besser als 2008 und besser als 2012" hält. Auch wenn die Vergangenheit kalter Kaffee ist: 2006 wurde Italien Weltmeister, 2012 stand die Mannschaft im EM-Endspiel.

Löw findet, dass sie 2016 ganz bestimmt die Qualität hat, bis zum Ende der Veranstaltung dabei zu sein. Das allerdings könnte er über seine Mannschaft auch sagen. Die Eindrücke aus der Vorrunde und dem Achtelfinale belegen auf alle Fälle eine deutliche Aufwärtsentwicklung. In Jubelrufe bricht Löw dennoch nicht aus. "Bei allem Respekt", erklärt er, "die Gradmesser kommen erst noch." Und bei der Nachbetrachtung des 3:0 gegen die Slowakei rät er, "den Ball flach zu halten, diese Mannschaft mussten wir schlagen".

Er wiederholt seine Forderung: "Wir müssen uns in allen Bereichen steigern." Er sieht dabei immer noch nicht unglücklich aus, denn er ist überzeugt davon, dass sein Team ihr Potenzial längst nicht ausgeschöpft hat. Und er hat "fürs Wochenende ein gutes Gefühl". Das sieht man.

Quelle: RP
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