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Löw nominiert Tah nach
Boatengs neuer Nachbar

Porträt : Jonathan Tah: Das deutsche Abwehrtalent
Porträt : Jonathan Tah: Das deutsche Abwehrtalent FOTO: Twitter Bayer Leverkusen
Evian-Les-Bains. Nach dem bitteren EM-Aus von Antonio Rüdiger hat Bundestrainer Joachim Löw den Leverkusener Jonathan Tah nachnominiert. Für das erste Spiel gegen die Ukraine reicht es allerdings noch nicht – trotz dreiwöchigem Fitnesstraining. Von Robert Peters

Jonathan Tah ist ganz offenbar ein gut organisierter Berufssportler. Während viele seiner Kollegen zurzeit den Fußballgott einen guten Mann sein lassen und im Urlaub entspannen, hat der Verteidiger aus Leverkusen in Florida einen eigenen Fitnesstrainer engagiert, mit dessen Hilfe er Trainingsrückstände vom Ende der Bundesliga-Rückrunde beseitigt. Seit drei Wochen arbeitet der 20Jährige daran, die Folgen seiner Lebensmittelvergiftung auszugleichen, die ihn die drei letzten Bundesligaspiele gekostet hatte.

Tahs vorbildliche Einstellung ist Joachim Löws Glück im Unglück. Der Bundestrainer nominierte den Abwehrspieler gestern für die EM-Endrunde in Frankreich, weil Antonio Rüdiger mit einem Kreuzbandriss im ersten Training ausgefallen war.

Der Trainer zeigte damit, dass er auch die ganz konventionellen Wege gehen kann. "Ich habe ganz bewusst eine 1:1-Situation schaffen wollen", sagte Löw. Nicht wenige hatten ungewöhnliche Berufungen erwartet, weil sie sich daran erinnerten, wie der Coach vor zwei Jahren mit dem Ausfall von Marco Reus ein paar Tage vor der WM in Brasilien umgegangen war. Damals holte Löw für den Angreifer Reus den Verteidiger Shkodran Mustafi in sein Aufgebot. Der Mut zu so viel demonstrativem Selbstbewusstsein hat den obersten Trainer der Nation aber sicher auch im Blick auf sein ohnehin schon ausgedünntes Häuflein der Aufrechten verlassen.

Hummels noch nicht im Training

Noch nämlich kann Weltmeister Mats Hummels, der natürliche Partner von Jerome Boateng in der Innenverteidigung, nicht mit der Mannschaft trainieren. Noch hat Bastian Schweinsteiger enormen Trainingsrückstand, noch weiß niemand, ob sich Sami Khedira auf dem Höhepunkt seiner Schaffenskraft befindet, und noch ist nicht heraus, ob Boateng selbst nach seiner Verletzungspause bis Mitte April nicht noch von einem gesundheitlichen Rückschlag ereilt werden könnte. Da fühlt sich sogar Löw berufen, es wie der Kollege Jedermann zu machen.

Auf unterschiedliche Deckungsvariationen hatte er sich vorher einzustellen versucht. Er hat eine Viererkette, eine Dreierkette und eine Fünferkette üben lassen. Und er hat gestern noch einmal versichert, dass es in diesen letzten Trainingstagen vor dem Auftakt gegen die Ukraine (Sonntag, 21 Uhr) einen besonderen Schwerpunkt gebe. Er nennt ihn "die defensive Organisation".

Daran ist zwar die ganze Mannschaft beteiligt - manchmal auch unbeteiligt, wie die Eindrücke aus einigen Länderspielen der jüngeren Vergangenheit nahelegen -, aber natürlich sind die Spezialisten besonders gefragt. Für Löw stellt sich deshalb nicht nur die Frage, wie er sein gesamtes Team für die Notwendigkeit des Verteidigens begeistern kann, sondern auch jene, wer denn nun der Mann neben Boateng wird. "Es gibt da zwei Möglichkeiten", erklärte der Bundestrainer, "entweder spielt Mustafi, weil der schon auch internationale Erfahrung hat. Oder Benedikt Höwedes rückt nach innen." Dafür spreche, dass der Schalker Höwedes und der Bayer Boateng erfolgreich in der U21 zusammengespielt hätten. Das ist allerdings ein paar Tage her - es war 2009. Man sollte sich daher nicht wundern, wenn Löw Mustafi in die Startaufstellung holt. Immerhin versprach er, "die eine oder andere Variante zu testen".

Tah gegen die Ukraine nicht in der Startelf

Sicher ist, dass Tah nicht vom Flugzeug ins Teamtraining und am Sonntag gleich in die Mannschaft segelt. Dafür ist Löw denn doch zu vorsichtig. Er ist aber "fest davon überzeugt, dass wir ihn innerhalb einer Woche in einen Zustand bringen, der einen Einsatz erlaubt".

Zweifel an einem grundsätzlich guten Fitnesszustand des Leverkusener Verteidigers hat der Trainer offensichtlich nicht. "Ich weiß, dass er sehr professionell ist", erklärte Löw. Es hat sich bestimmt bis zu ihm herumgesprochen, dass Tah nicht zum ersten Mal eine Art eigenes Aufbauprogramm unabhängig von den üblichen Übungsstunden beim Arbeitgeber organisiert. Er brachte sich auch vor Jahresfrist vor seinem Wechsel zu Bayer selbst in Form - mit seinem eigenen Coach in den USA. Daraus schließt der Bundestrainer: "Er ist keiner, der im Urlaub auf der faulen Haut liegt."

Dieser Urlaub ist jetzt in jedem Fall vorbei. Und Löw wird in den kommenden Tagen auf dem Trainingsplatz sehen, ob Tah wirklich schon so weit ist, innerhalb einer Woche zur möglichen Stammkraft eines EM-Kandidaten zu werden. Am Ende der Bundesliga-Rückrunde hat daran jedenfalls niemand glauben mögen. Die Lebensmittelvergiftung hatte den großen Kerl regelrecht umgeworfen. Schuld war übrigens ein Würstchen.

Quelle: RP
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