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Draxler und Schürrle kämpfen um Stammplatz
Wolfsburger Teilzeitkräfte

EM 2016: Julian Draxler und André Schürrle kämpfen um Stammplatz
Julian Draxler und André Schürrle duellieren sich um einen Stammplatz im ersten Spiel gegen die Ukraine. FOTO: dpa, hak
Evian-Les-Bains. Die Klubkameraden Julian Draxler und André Schürrle duellieren sich um die Position auf der linken offensiven Außenbahn. Beide haben zuletzt ihr angekratztes Selbstbewusstsein wieder aufgebessert. Von Robert Peters

Der VfL Wolfsburg hat eine bemerkenswerte Saison hinter sich. Obwohl das Werksteam wieder mal kräftig in die VW-Kassen greifen durfte und sich im vergangenen Sommer schon als legitimer Bayern-Jäger fühlte, gab es einen grandiosen Absturz. Nach der Hinrunde dümpelte die Schwerreichen-Auswahl auf Platz sieben, am Ende reichte es nur zu Rang acht. Man muss sich die dafür Verantwortlichen als eher niedergeschlagene Menschen vorstellen. Trotzdem gab es zwei klare Gewinner. Die Nationalspieler Julian Draxler (22) und André Schürrle (25) bekrabbelten sich im zweiten Halbjahr nach Serien schwacher Leistungen geradezu im Gleichschritt. Sie sprangen gemeinsam auf den EM-Zug. Und sie bewerben sich nun vor dem ersten Gruppenspiel in Lille gegen die Ukraine (Sonntag, 21 Uhr/Live-Ticker) um die Planstelle auf der linken offensiven Außenbahn. So seltsam kann nur der Fußball sein.

Von einer Teilnahme an der EM dürften beide vor ein paar Monaten höchstens mal geträumt haben, wenn sie mit einem besonders guten Gefühl zu Bett gegangen waren. Damit rechnen durften sie beide nicht. Schürrle, weil er nach der WM überhaupt nicht mehr in Gang gekommen war und in Wolfsburg unter dem schweren Rucksack einer Ablösesumme von mehr als 30 Millionen Euro ratlos herumächzte. "Es ist kein Geheimnis, dass es für mich ein knappes Jahr überhaupt nicht gelaufen ist, und ich habe selbst nicht gewusst, woran es lag", sagt der ehemalige Leverkusener.

Draxler, weil er seine Anlaufschwierigkeiten nach dem Wechsel von Schalke (für stolze 36 Millionen Euro) gerade überwunden zu haben glaubte, als ihn ein Muskelbündelriss niederstreckte. "Ich war geschockt", räumt er ein, "und musste mich erst einmal schütteln." Als er sich ausreichend geschüttelt hatte, nahm er den Ausweg aus der drohenden Dauerkrise durch eine Fähigkeit, der sich moderne Profis rühmen. "Ich habe alles auf die EM fokussiert", erklärt Draxler, "ich habe sozusagen Tag und Nacht auf dieses Ziel hingearbeitet." Wie das in der Praxis genau geht, hat er nicht verraten.

Ans Ziel gelangte er jedenfalls. Zunächst musste er davon ausgehen, wie schon zur WM als Ergänzungsspieler mit allenfalls bescheidenen Einsatzmöglichkeiten mitzufahren. Seit sich der Dortmunder Marco Reus nach dem Trainingslager im Tessin aber wieder mal verletzt abmelden musste, ist Draxler Stammplatz-Kandidat. Bundestrainer Joachim Löw hat ihn in den beiden abschließenden Testspielen auf der linken Seite eingesetzt. Während die Ansätze in Augsburg gegen die Slowakei in der Flut hängenblieben, machte er in der früheren Heimat Gelsenkirchen gegen Ungarn tüchtig Eindruck.

Draxler ist von seinen Qualitäten überzeugt

Und er ist selbstbewusst genug, die eigenen Fähigkeiten ebenso tüchtig zu preisen. "Meine Qualitäten im 1:1-Spiel werden gegen tiefstehende Gegner gebraucht", versichert er. Mit einer Aufgabe als braver Bankhocker rechnet er zumindest mal nicht. "Ich will eine entscheidende Rolle spielen", hat er vor der Fahrt ins Teamquartier Evian-les-Bains der "Bild-Zeitung" gesagt. Nun sagt er, ein kleines bisschen leiser: "Ich denke, dass ich gut drauf bin, und dass ich zu Recht hier bin."

Davon ist der Teamkollege Schürrle ebenfalls fest überzeugt. Mit dem ausgeprägten Gedächtnis von Sportlern für einzelne Situationen erinnert er sich bestimmt noch an den Moment, in dem für ihn der Knoten aufging. Das Datum kennen auch seine Fans. Am 1. März schoss er im Bundesligaspiel bei Hannover 96 drei Tore. Da wusste er, dass er wieder angekommen war in der Nähe seiner eigenen Ansprüche. Spiel um Spiel wurden die Selbstzweifel geringer und der Rucksack ein Stückchen leichter.

Inzwischen wirkt Schürrle befreit. Denn er hat sich auch von allzu großem Druck gelöst. "Egal, in welcher Rolle der Trainer mich braucht: Ich bin bereit", erklärt er vor dem ersten Gruppenspiel. In Brasilien trug er einen erheblichen Teil zum Titelgewinn als Einwechselspieler bei, der nie lange Anlaufzeit benötigte, auf Betriebstemperatur zu kommen. Er erzielte drei Tore, ein sehr wichtiges zum 1:0 in der Verlängerung des Achtelfinals gegen Algerien (Endstand 2:1) und zwei sehenswerte zum 6:0 und 7:0 gegen Brasilien (Endstand 7:1). Schließlich lieferte er die Vorarbeit zu Mario Götzes 1:0-Siegtreffer gegen Argentinien im Endspiel. Er war der beste Einwechselspieler der WM. Und er empfindet diese Rolle überhaupt nicht als Makel. "Es macht mir nichts aus, als Joker reinzukommen", versichert der 25-Jährige, "es ist extrem wichtig, dass man immer das große Ganze im Blick hat." So etwas hören seine Trainer gern. Und die Werbecrew hinter la Mannschaft hölmert es auch gern. Die Vermarkter haben dem Team den Wahlspruch "Jeder für Jeden" mit auf den Weg gegeben. Schürrle hat besonders gut aufgepasst.

Quelle: RP
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