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Kritik an DFB-Offensive
Götzes letzte Chance

Fotos: Mario Götze – Schwabe, Borusse, Weltmeister
Fotos: Mario Götze – Schwabe, Borusse, Weltmeister FOTO: afp, desk
Evian-Les-Bains. Die Erwartungen an den Münchner sind enorm hoch, sie waren es immer schon. Gerecht werden konnte er ihnen immer nur punktuell. Die EM muss sein Sprungbrett nach ganz oben sein – aber noch läuft es nicht nach Plan. Von Robert Peters

Wer in diesen Tagen auf Mario Götzes Internetseite vorbeischaut, der sieht viele lustige Jungs. Sie lächeln beim Gruppenfoto zur gemeinsamen Mountainbike-Tour am freien Tag der Nationalmannschaft, sie albern im Flugzeug herum, sie stehen Arm in Arm mit der Hauptperson der Internetseite vor der Smartphone-Kamera.

Stürmer nimmt Kritik gelassen

Es gibt auch ein paar Spielszenen von der Europameisterschaft. Sie alle sehen danach aus, was Götze zur Überraschung vieler schon nach dem 0:0 gegen die Polen versicherte: "Wir können sehr, sehr positiv aus diesem Spiel gehen." Gestern sagte er: "Wir haben noch viel vor in diesem Turnier, und wir haben eine super Ausgangsposition in der Gruppe." Die massive Kritik an der Vorstellung der Abteilung Offensive rührt ihn nicht. Und wenn doch, so lässt er sich das nicht anmerken. "So ist das im Fußball", stellte er fest, "mal bist du der Hund, mal der Baum. Damit muss man umgehen."

Götze hat sich eine dicke Haut zugelegt. Der vor ein paar Jahren als größtes deutsches Talent der Gegenwart gefeierte Angriffsspieler ist auch mit 24 noch nicht da angekommen, wo ihn seine Entdecker, seine Arbeitgeber und seine Trainer schon lange wähnten. Die unvergessene Aufforderung von Joachim Löw vor Götzes Einwechslung im WM-Finale von Rio hat die Erwartungen in einen sehr präzisen Satz gefasst. "Zeig der Welt, dass du besser bist als Messi", sagte Löw der Weltmeister-Legende gemäß.

Götze zeigte dann, dass er zumindest in diesem einen Spiel, in der Verlängerung zumal, effektiver sein konnte als der argentinische Weltstar. Götzes Tor zum 1:0 machte die DFB-Auswahl zum Weltmeister. Der Spieler hat aber weder Messis Beständigkeit erreicht noch dessen Klasse.

Dabei hatten auch die Bayern bei seiner Verpflichtung vor drei Jahren nicht nur im Sinn, den Konkurrenten Dortmund zu schwächen, sondern sie leisteten in der nach heutigen Maßstäben schon wieder bescheidenen Ablösesumme von 37 Millionen Euro auch eine Wette auf die Zukunft. Götzes Weg schien steil nach oben zu führen, weil Münchens neuer Trainer Pep Guardiola bis dahin nicht als Anhänger zwei Meter großer Angriffsklötze aufgefallen war. Das spielerische Talent Götzes und das strategische Geschick Guardiolas sollten die perfekte Zutaten sein, die aus dem pausbäckigen Jungen einen Mann für die Fußball-Chroniken machen würden. So war die Rechnung des Vereins. Und das war wohl auch die Hoffnung des Spielers.

Drei Jahre später stehen alle Beteiligten an diesem Transfer des Jahres 2013 vor der Einsicht, dass es sich um ein großes Missverständnis gehandelt haben muss. Der Verein würde den Spieler lieber heute als morgen loswerden. Und Götze ist allen gegenteiligen Treueschwüren zu den Bayern zum Trotze auf dem Markt.

Löw ein großer Anhänger von Götzes Fußballkunst

Es passt natürlich, dass ihm die EM eine Bühne bietet. Denn anders als sein nun zu Manchester City wechselnder ehemaliger Bayern-Trainer Guardiola ist Löw weiter ein großer Anhänger von Götzes Fußballkunst - auch weil es in seinem Aufgebot an Alternativen für die vorderste Angriffsposition nicht gerade wimmelt. Da steht eigentlich allein Mario Gomez, der trotz seiner bei Besiktas Istanbul neu entdeckten Beweglichkeit im Spiel immer noch nicht Löws Ideal eines modernen Stürmers entspricht.

Götze dagegen tut das schon viel eher. Deshalb muss sich niemand wundern, wenn der Bundestrainer ihn auch im letzten Gruppenspiel am Dienstag gegen Nordirland in die Startformation stellt. Die erste vielsagende Andeutung in diese Richtung war Löws Kurz-Analyse der enttäuschenden Angriffsleistung gegen die Polen: "Uns fehlten die richtigen Wege, das 0:0 hat nichts damit zu tun, ob eine richtige Neun oder eine falsche Neun auf dem Platz gestanden hat."

"Mario hat viel für die Mannschaft gearbeitet"

Die richtige Neun, Gomez, stand da auch 20 vergleichsweise ereignislose Minuten. Die falsche Neun, Götze, war nach Ansicht des Bundestrainers immerhin ihrem Auftrag fürs Team nachgekommen. "Der Mario hat viel für die Mannschaft gearbeitet", sagte der Trainer, "ich habe ihn schon gegen die Ukraine nicht so schlecht gesehen." Auch das hört sich nicht so an, als wolle Löw den 24-Jährigen auf die Bank setzen.

Götze selbst ist überzeugt davon, dass die Mannschaft ihre Lehren aus den beiden ersten Spielen gezogen hat. "Wir werden Räume und Lösungen finden", versprach er, "auch wenn es nicht so einfach ist, gegen tiefstehende Mannschaften die richtigen Situationen herauszuspielen."

Für ihn geht es aber nicht nur um den Weg des Teams zu einer Form, die noch große Dinge erwarten lässt. Es ist auch sein ganz persönlicher Neustart in die Karriere, die in München deutlich eingeknickt ist. Die EM-Endrunde kann ein Sprungbrett für Mario Götze sein, vielleicht muss sie ein Sprungbrett für ihn sein. Selbst wenn er auch diesmal nicht beweisen wird, dass er besser als Messi ist. Besser als der Bayern-Götze, der in den wichtigen Spielen nur Zuschauer war, würde schon reichen.

Quelle: RP
 
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