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"Es nagt nicht an mir"
Müller braucht keinen Psychiater

Deutsche Elfmeter-Fehlschützen bei großen Turnieren
Deutsche Elfmeter-Fehlschützen bei großen Turnieren
Bordeaux . Es ist kein leichtes Spiel für Thomas Müller, wieder mal nicht. Er ackert und rackert, er kämpft und sprintet und grätscht, seine große Chance vereitelt der Italiener Alessandro Florenzi mit einem eingesprungenen Hackentrick auf der Torlinie, der in jedes Zirkusprogramm passen würde. Von Robert Peters

Später wird Müller beim Elfmeterschießen im EM-Viertelfinale von Bordeaux an Gigi Buffon scheitern. Andere würden verzweifeln, den Fluch der Europameisterschaft an sich beklagen - in nun neun EM-Spielen seiner großen Karriere hat Müller noch kein Tor erzielt -, sie würden den Psychiater zu Rate ziehen oder den Trainer um eine Auszeit bitten. Müller nicht. Er versichert: "Es nagt nicht an mir, wenn ich nicht treffe. Ich bin froh, in dieser Mannschaft zu spielen, und ich denke grundsätzlich nicht nur an mich."

Das zeigt er in der Bereitschaft, wirklich alles für den Erfolg des Kollektivs zu tun. Glücklich spielt er trotzdem nicht, der Mann, den sie wegen seines Gefühls für den richtigen Platz auf dem Feld einen "Raumdeuter" nennen, der schon Tore aus den unmöglichsten Situationen erzielt hat, weil er einfach dort auftaucht, wo Gefahr entsteht, der mit seinen beharrlichen Attacken viele Bälle gewinnt und Konter einleitet.

Gegen Italien steht er nicht immer richtig, es geht ihm die Selbstverständlichkeit in seinem Stellungsspiel ab, mit Übereifer wirft er sich gelegentlich um, was er durch Einsatz errichtet hat. Und natürlich nagt das an ihm, das ist dann doch zu sehen, wenn er mal wieder die schlackernden Arme Richtung Himmel reckt, um sich dort zu beklagen. Aber es stürzt ihn nicht in die seelische Krise.

Es gibt eine schöne Szene im Viertelfinale gegen Italien, die das unterstreicht. Müller wirft sich im italienischen Strafraum ins Getümmel, er überdreht seinen Einsatz ein wenig, und sein Gegenspieler Giorgio Chiellini sinkt mit dem theatralischen Charme, den nur Italiener ausstrahlen können, dankbar zu Boden - nicht ohne dem Schiedsrichter bereits im Sturz mit großen Gesten die schreckliche Tag anzuzeigen.

Müller ärgert sich, ein bisschen über den Spielverlauf, über die eigene Vorstellung, über das kleine Ungeschick im Zweikampf und selbstverständlich auch über Chiellinis Bühnenauftritt. Darüber klagt er laut und beinahe ebenso gestenreich wie der Gegenspieler, und er äfft das scheinbar vom tiefen Schmerz gezeichnete Gesicht des Italieners nach. Da betritt Torwart Buffon die Szene. Mit dem gütigen Lächeln eines 38-Jährigen, der nun wirklich schon alles im Fußball erlebt hat, nimmt er Müller in den Arm, sagt etwas bedeutungslos Beruhigendes und spricht kurz mit Chiellini. Sofort verliert die Auseinandersetzung an Schärfe, bald lächelt Müller ebenfalls und Chiellini auch. Bei allem Nachdruck in der Sache kann Müller nicht bösartig verbissen bleiben.

Und genau das findet er an seinen italienischen Gegnern gut. "Ich spiele gern gegen sie, die Spieler sind gute Typen, Sportsmänner", sagt Müller, "wenn es mal gerumpelt hat mit Buffon oder Chiellini, dann wird einem aufgeholfen." Es herrscht großer Respekt zwischen dem Bayern-Stürmer und speziell den Abwehrspielern von Juventus Turin, die in Italiens Nationalmannschaft Dienst tun. Zum Glück für alle Beteiligten sind das die vier, die die zentrale Deckung bilden: Buffon, Chiellini, Leonardo Bonucci und Andrea Barzagli. Da muss sich niemand lange umstellen.

Die Italiener wissen ebenfalls, was sie an Müller haben. Selbst wenn er ihnen schon oft unangenehm geworden ist mit seiner Hartnäckigkeit im Zweikampf, mit seiner Laufstärke und mit seinem Instinkt für Torsituationen, finden sie ihn einfach gut. Chiellini hat vor einer der großen Champions-League-Auseinandersetzungen mit den Bayern erklärt: "Müller ist ein Spieler, den ich bewundere."

Daran ändert die ungewöhnliche Enthaltsamkeit des Münchners bei Europameisterschafts-Toren gar nichts. Und auch Müller selbst setzt sich nicht zusätzlich unter Druck. "Wenn ich gemerkt habe, dass ich nicht ganz wach bin, habe ich mich schon oft gebackpfeift", sagt er gut bayerisch, "aber den direkten Torerfolg hat das nicht bewirkt." Er versucht's weiter mit Laufarbeit und Einsatz.

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