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EM-Tagebuch
Völkerverständigung mit Ball

EM 2016: Völkerverständigung mit Ball
RP-Sportchef Robert Peters berichtet aus Frankreich. FOTO: Phil Ninh
Französische Kinder im Podolski-Trikot rufen die Namen der deutschen Spieler. Playstation und Internet machen es möglich. Doch bei aller Freude über so viel grenzübergreifenden Spaß am Fußball: Die Pizza allemagne mit Fleischwurst bestelle ich trotzdem nicht.

An der Ortseinfahrt von Evian-les-Bains hängt ein großes, buntes Banner, auf dem die deutschen Besucher herzlich begrüßt werden. Auf der Blumeninsel in einem Kreisverkehr steht ein riesiger schwarz-rot-goldener Stollenschuh. Und ein Restaurant hat tatsächlich Porträts von Thomas Müller, Jerome Boateng und Manuel Neuer ins Fenster gehängt. Hier ist die EM angekommen. Gestern habe ich sogar ein paar Kinder gesehen, die im Podolski-Trikot herumliefen und dabei Französisch miteinander sprachen. Kölsche Tön waren es jedenfalls nicht. Und als la Mannschaft sich der Bevölkerung von Evian erstmals und wohl letztmals in einem öffentlichen Training vorstellte, da riefen helle Stimmen laut die Namen deutscher Spieler.

So weit ist es gekommen. DFB-Präsident Reinhard Grindel war flugs gerührt über so viel Völkerverständigung in den französischen Bergen. Und er begeisterte sich gleich tüchtig an seiner historischen Bildung. Es fehlte nicht viel, und er hätte auf der Stelle ein Denkmal der deutsch-französischen Freundschaft enthüllt.

Ich versuche mir zumindest mal vorzustellen, ob ich als Kind französische Fußballspieler in Sprechchören gefeiert hätte. Wahrscheinlich nicht, was aber weniger an grundsätzlichen Vorurteilen gegen die Schönheiten der Völkerverständigung liegt als daran, dass die Franzosen in meiner Kindheit zumindest vorübergehend mal keine so große Rolle im Fußball spielten.

Bobby Moore, den hätte ich gefeiert. Voller Ehrfurcht habe ich ihn über die noch ziemlich verschneiten Fernseher meiner frühen Jugend schreiten und spielen sehen. Ein großer Verteidiger und ein ehrenwerter Mann. Das haben meine Erziehungsberechtigten jedenfalls immer gesagt. Ich war auch Verteidiger, so würde man das heute wohl nennen, und bevor ich so werden wollte wie Franz Beckenbauer, wollte ich werden wie Bobby Moore. Ich hätte meine Eltern bestimmt auch um sein Trikot angebettelt. Aber das gab es nicht. International bestückte Fanshops ebenfalls nicht.

Verehrung für die Spieler schon - unabhängig von deren Nationalität.

Bei den französischen Kindern ist das heute genauso. Bevor sie sich die Begeisterung von irgendwelchen Idioten in späteren Jahren national einfärben lassen, freuen sie sich an ein paar Idolen mehr. Playstation und Internet bringen sie ins Kinderzimmer. Für vergleichbare Schönheiten des Daseins hätte ich freiwillig jede Woche dreimal abgewaschen, eingekauft oder das Fahrrad von Tante Else geputzt.

Heute bin ich von der Begeisterung der lieben Kleinen mindestens so gerührt wie der Herr DFB-Präsident, der dazu allerdings eine wesentlich bedeutendere Miene aufsetzt. Ich bin derart gerührt, dass ich stundenlang nicht mehr über die Vermarktungsmaschine des Deutschen Fußball-Bundes nachdenke, die sich mitten im beschaulichen Evian ihr vorübergehendes Hauptquartier eingerichtet hat. Ein schönes, unschuldiges Gefühl.

Aus lauter Dankbarkeit gehe ich heute in die Pizzeria mit den deutschen Fähnchen auf der Terrasse - also in eine der Pizzerien mit den deutschen Fähnchen auf der Terrasse. Die "Pizza allemagne" gönne ich mir trotzdem nicht. Sie ist mit ein paar Zwiebeln und drei bis vier Scheiben Fleischwurst belegt. Da ist die Begeisterung für die Segnungen der deutschen Küche mit dem Koch doch ein Stück zu weit durchgegangen. So gerührt kann ich gar nicht sein. Ich nehme lieber Salat. Die Pizza kann ja der Präsident bestellen.

Quelle: RP
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