| 16.18 Uhr

EM 2016
Wo ist das Schland-Gefühl geblieben?

Tausende trotzen auf den Fan-Meilen dem Regen
Tausende trotzen auf den Fan-Meilen dem Regen FOTO: dpa, brx sab
Berlin/Bonn . Sind es die Hooligans, die Terroristen, AfD und Pegida? Oder ist es einfach nur das Wetter? Irgendetwas stimmt jedenfalls nicht mit dieser EM. Es kommt kein richtiges Schland-Gefühl auf.

Was war das für eine Freude, als Michael Bruns gleich vier Karten für das EM-Finale in Paris ergattern konnte. Für den Bonner Oberarzt stand sofort fest, dass er drei Freunde mitnehmen würde - natürlich reagierten die begeistert. Doch mittlerweile hat Bruns eine herbe Enttäuschung erlebt: Nacheinander haben die Freunde abgesagt. Terrorangst, Hooligans, Demonstrationen - da hatten sie plötzlich keine Lust mehr. "Jetzt hab' ich wieder vier Karten", sagt der 43 Jahre alte Mediziner frustriert. "Aber das passt ja zur Stimmung."

Die Stimmung stimmt bisher nicht - das findet nicht nur Bruns. Viele Public-Viewing-Plätze werden nicht einmal halbvoll, und in so manchen Biergärten bekommt man selbst kurz vor Deutschland-Spielen noch einen Platz. Die Berliner Fanmeile war zumindest anfangs so klein, dass sie den Spitznamen "Fanmeilchen" bekam. Im Laufe des Dienstags rund um das Spiel Deutschland gegen Nordirland sollen nach Veranstalterangaben zwar um die 100.000 Leute dort gewesen sein. Es war aber noch viel Platz auf der langen Straße des 17. Juni.

Einschaltquoten ungebrochen hoch

Bei zwei vorigen Spielen fielen der Polizei auf der Fanmeile Männer auf, die den Hitlergruß zeigten. Solche Bilder passen ebenso wenig zu einem Sommermärchen wie die randalierenden russischen Hooligans oder die Internet-Häme für die Sportjournalistin Claudia Neumann. Ihr Vergehen aus Sicht der Internet-Machos: Sie wagte es, als Frau Fußballspiele bei der Männer-EM zu kommentieren. Die Einschaltquoten bei den Übertragungen sind allerdings ungebrochen hoch - egal, ob Neumann oder jemand anders kommentiert.

Dennoch: Bei der Stimmung ist noch Luft nach oben, um im Sportjargon zu bleiben. Ein Grund dafür ist ganz banal: Das Wetter war bisher größtenteils sehr schlecht. Und auch spielerisch war das Turnier eher eine Enttäuschung. Dazu kommt die Terrorgefahr. Für den Politologen Tilman Mayer steht fest: "Die Terrorlage wirkt hemmend."

Medienkritiker Stefan Niggemeier ist noch etwas anderes aufgefallen: "Ich hab mal eine Frage", twitterte er. "Was ist aus den ganzen Deutschland-Flaggen an den Autos geworden? Sind die offiziell abgeschafft worden?" "Spiegel"-Redakteur Markus Feldenkirchen bietet eine Erklärung an: "Je mehr Flüchtlingsheime bei uns brennen, je mehr Ausländer gejagt und geschlagen werden, desto geringer ist meine Motivation, mir schwarz-rot-goldene Schminke auf die Wangen zu pinseln."

Es klingt zunächst einleuchtend, dass vielen Landsleuten die Lust an "Deutschland"-Rufen vergangen ist - und das berühmte "Schland"-Gefühl von 2006 deshalb nicht wieder aufkommt. Doch Wissenschaftler halten solche Schlüsse für voreilig. Der Politologe Carsten Koschmieder verweist auf den Aufruf der Grünen Jugend Rheinland-Pfalz zum Fahnenboykott auf Facebook und Twitter: Die einhellige Ablehnung, die der Jugendorganisation danach entgegenschlug, zeige deutlich, dass eine breite Mehrheit der Bevölkerung nach wie vor kein Problem mit der Flagge habe.

Der Sportartikelhersteller Adidas glaubt sogar, dass er dieses Jahr noch mehr Deutschland-Trikots verkaufen könnte als bei der letzten EM 2012. Hans-Christoph Reese (52) aus Kassel, mit Tochter und deren Freundin auf der Berliner Fanmeile unterwegs, will sich sein deutsches Trikot von Pegida nicht verleiden lassen. Wenn ein paar Idioten auf die Idee kämen, ihren nationalistischen Gefühlen freien Lauf zu lassen, müsse ihm das nicht die Freude verderben. "Das Eine hat mit dem Anderen gar nichts zu tun", findet er.

Vielleicht fehlen der Nationalmannschaft diesmal einfach die großen Publikumslieblinge. Thomas Müller ist frech, Jerome Boateng und Mats Hummels sehen zwar aus wie Modeblogger respektive Models. Aber zum Knuddeln - nein. Kein Vergleich zu den Jungspunden Bastian "Schweini" Schweinsteiger und Lukas "Poldi" Podolski von 2006. Der eine hat jetzt graue Schläfen, der andere sitzt auf der Bank. Und ob nochmal jemand so herzergreifend weinen wird wie damals Michael Ballack nach dem WM-Aus gegen Italien?

Michael Bruns ist sich mittlerweile auch nicht mehr hundertprozentig sicher, ob er zum Endspiel nach Paris fahren wird. "Ich habe mir zwischenzeitlich schon gedacht: Wär ich mal gar nicht ausgelost worden, dann müsste ich mich jetzt gar nicht damit auseinandersetzen, ob ich fahre oder nicht. Ich glaube aber schon, dass ich's mache. Ganz bestimmt wenn Deutschland spielt." Schließlich hat er doch einen so guten Platz.

(dpa)
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