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TV-Kritik zur EM-Qualifikation
Viel Werbung, wenig Analyse

EM-Qualifikation auf RTL: Viel Werbung, wenig Analyse
Das RTL-Team für die EM-Qualifikation: Marco Hagemann, Jens Lehmann und Florian König (v.l.). FOTO: dpa, dan lre nic
Düsseldorf. Es gibt ein neues Spiel im Internet. Bei Fußball-Übertragungen von RTL wird im Netz eifrig getippt, wie lange die Halbzeitanalyse beim Privatsender ausfällt. Die Aufarbeitung der ersten 45 Minuten zwischen der irischen und der deutschen Nationalmannschaft dauerte handgestoppte 43 Sekunden. Von Gianni Costa

Bei den vorangegangen Übertragungen Schottland gegen Deutschland (77 Sekunden) und Deutschland gegen Polen (36 Sekunden) wurde der Einordnung des Spiels ähnlich ausufernd Platz eingeräumt. RTL hat in der freien Zeit lieber Geld mit Werbung verdient – wenn man eben nicht wie ARD und ZDF über Gebühren finanziert wird, muss sich der teure Ankauf von Übertragungsrechten irgendwie refinanzieren. RTL geht es in erster Linie nicht um die Übertragung eines Spiels, sondern um die Quote.

Lehmann vermittelt arrogant-prolligen Eindruck

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Zum schaudern indes ist die Qualität, die sich selbst in den wenigen Sekunden offenbart, in denen geredet wird. RTL-Alles-Weg-Moderierer Florian König steht mal nicht an einer Formel-1-Rennstrecke oder in einem Boxring, sondern plaudert nun eben mit Jens Lehmann ein wenig über Fußball. Lehmann, so hat man den Eindruck, wird vor jedem Spiel eingetrichtert, dass er ja anders sein soll, als die anderen Experten im Fernsehen – als der freche Mehmet Scholl (ARD) oder der schwadronierende Oliver Kahn (ZDF). Das wäre gar nicht nötig. Lehmann ist einfach so, wie er oft wirkt. Und so darf er arrogant-prollig ein paar Halbsätze zum Geschehen beitragen. Mehr Zeit ist sowieso nicht im eng gezurrten Sendekonzept. Vorher nicht. Zwischendurch nicht. Und auch nicht nachher.

Gegen Irland kam dann auch noch Pech dazu. Irgendjemand stand irgendwo auf der Leitung. Der Ton fehlte für eine Weile, pünktlich zu den Nationalhymnen war aber alles wieder hergerichtet. So eine Panne ist natürlich ein netter Anlass, damit das Internet sich auf Betriebstemperatur empört. "Typisch RTL" – "Die können es einfach nicht" – "Fußball bei RTL – zum kotzen". Das übliche eben. Dass so ein Fehler eben passiert – und vermutlich noch nicht einmal von RTL direkt verschuldet war – wird lieber nicht intensiver besprochen.

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RTL verpflichtete Marco Hagemann von Sky. Generell ein richtig guter Kommentator. Beim EM-Qualifikationsspiel in Dublin lieferte er am Mikrofon aber einen ähnlich durchwachsenen Auftritt ab, wie die deutsche Elf auf dem Rasen. Es gab einfach schon stärkere Hagemanns. Glücklicherweise sitzt da ein Mensch am Mikrofon. Selbstverständlich kann er Mario Götze von Marco Reus auch außerhalb einer Zeitlupe voneinander unterscheiden. Und doch passieren solche Verwechslungen immer mal wieder, wie bei dieser Übertragung.

Quali perfekt – oder nicht?

Gar nicht gut war dagegen der vermittelte Eindruck, dass Hagemann selbst nicht ganz so im Bilde war, bei welchem Endergebnis Deutschland denn nun direkt für die Europameisterschaft im kommenden Jahr in Frankreich qualifiziert ist. Unentschieden sicher? Sieg, klar. Aber bei einer Niederlage? Man hätte sich da eine klare Aussage gewünscht – die blieb allerdings aus. Wer zu sehr über Hagemann ätzt, der sollte sich in aller Ruhe noch einmal die gesammelten Werke von Bela Rethy, Steffen Simon und Tom Bartels ansehen. Danach dürften sich einige Fragen von selbst klären.

Es gibt nichts undankbareres, als miesgelaunte Fußballer nach einem verlorenen Spiel interviewen zu müssen. Man kann generell natürlich darüber reden, ob und was es bringen soll, gleich nach dem Schlusspfiff die Akteure abzufangen und belanglose drei Sätze sagen zu lassen. RTL-Reporter Felix Görner hat jedenfalls ein Anschauungsbeispiel dafür abgeliefert, wie es überhaupt nicht laufen sollte. Görner bekam als ersten Gesprächspartner Mats Hummels an die Seite gestellt. Man wusste nicht, wer mehr mit der Niederlage zu kämpfen hatte, der Spieler oder der Reporter. Fast beschämt fragte Görner also Hummels zu seinen Eindrücken, um dann festzustellen, dass er die von Hummels geäußerte Selbstkritik "ganz toll" fände.

An dieser Stelle hätte man sich dann doch noch etwas Werbung gewünscht.

Quelle: RP
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