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Publikumsliebling bekommt Einsatz
Podolski ist der bessere Grigg

Fotos: Podolski feiert Viertelfinaleinzug mit Köln-Fahne
Fotos: Podolski feiert Viertelfinaleinzug mit Köln-Fahne FOTO: dpa, ss
Lille/Düsseldorf. Will Grigg ist der Publikumsliebling der EM – obwohl er keine Sekunde gespielt hat. Auch für Lukas Podolski war nach Meinung vieler nicht mehr als die Rolle des Maskottchens vorgesehen. Doch Podolski bekam seinen hoch-emotionalen Joker-Einsatz. Von Antje Rehse

Man kann nicht sagen, dass es nach 70 Minuten zum ersten Mal so richtig laut wurde im Stadion von Lille. Schließlich hatte die deutsche Nationalmannschaft zu diesem Zeitpunkt schon drei Tore erzielt, die Fans also genug Grund zum Jubeln gehabt. Und doch war es ein besonderer Moment, als am Spielfeldrand Lukas Podolski die Trainingsjacke ablegte und die Anhänger des DFB-Teams sofort Sprechchöre für den Stürmer anstimmten.

In der 72. Minute kam Podolski für den überragenden Julian Draxler ins Spiel. Mit dem Wechsel schlug Bundestrainer Joachim Löw auf emotionaler Ebene zwei Fliegen mit einer Klappe. Der Spieler des Spiels holte sich seinen verdienten Applaus ab und der Publikumsliebling bekam seinen ersten (und vielleicht letzten) Auftritt bei dieser EM.

"Ich hatte schon am Spielfeldrand Gänsehaut", sagte der 31-Jährige nach dem 3:0 (2:0) im EM-Achtelfinale gegen die Slowakei: "Und ich habe immer noch Gänsehaut. Das wird mir für immer in Erinnerung bleiben. Das war etwas ganz Besonderes. So wie mein erstes Länderspiel."

Auf und neben dem Platz Vieles richtig gemacht

Nicht nur "Prinz Poldis" Einwechslung wurde lautstark gefeiert, die Fans bejubelten jeden einzelnen Ballkontakt des Galatasaray-Profis. "Wenn das ganze Stadion sich erhebt und deinen Namen singt, wenn bei jeder Szene applaudiert wird, dann ist das auch nach fast 130 Länderspielen noch etwas Besonderes", sagte Podolski: "Und es zeigt, dass ich wohl Vieles richtig gemacht habe. Auf und neben dem Platz."

In der Tat zeigte Podolski auch an diesem Abend in Lille wieder, warum er bei den Fans immer noch hoch im Kurs steht, auch wenn er spielerisch in dieser Nationalmannschaft nicht mehr die ganz große Rolle spielt. Podolski ging in die Fankurve, machte minutenlang Selfies, umarmte einige der Anhänger sogar. "Ein Star zum Anfassen", sagte ZDF-Kommentator Béla Réthy. Podolski schafft es sogar, in zig verschiedenen Sprachen zu twittern bzw. twittern zu lassen, und trotzdem nie seine Authentizität zu verlieren. Ein Phänomen.

Ein wenig erinnert Podolskis Stellung bei den Fans an die des Nordiren Will Grigg. Kein Spieler wurde bei der EM in Frankreich so häufig besungen, wie der Stürmer von Zweitliga-Auftsteiger Wigan Athletic. "Will Grigg's on fire" wurde zum Ohrwurm des Turniers. Doch auf einen Einsatz warteten die Fans – anders als bei Podolski – vergeblich. 

Rein sportlich verbietet sich der Vergleich zwischen Podolski und Grigg ohnehin. Der eine hat 129 Länderspiel-Einsätze und einen Weltmeistertitel vorzuweisen, liegt mit 48 Toren in der ewigen Torjägerliste des DFB-Teams auf Platz drei, der andere kommt auf acht Länderspiele und ein Tor. Der eine wurde mit Galatasaray Istanbul türkischer Pokalsieger, kam in der türkischen Süperlig auf 13 Tore und neun Vorlagen und traf zweimal in der Champions League, der andere schoss seine Tore in der abgelaufenen Saison noch in der dritten englischen Liga.

Und dennoch ist Podolski in der öffentlichen Wahrnehmung für viele nur noch das Maskottchen der Nationalmannschaft. Der Kölner ist für die gute Stimmung in der Mannschaft zuständig, so wie Grigg ohne eigenes Zutun für die gute Stimmung im nordirischen Fanblock sorgte. Ihn als Maskottchen abzutun, sei respektlos, schimpfte Podolski vor dem Turnier. Schließlich habe er in der Türkei eine ordentlich Saison gespielt.

Nach dem Spiel gegen die Slowakei sagte er: "Ich bin gut reingekommen und habe dem Trainer gezeigt, dass er auf mich setzen kann." Allerdings ist es fraglich, ob Löw den 31-Jährigen im weiteren Turnierverlauf noch einmal einsetzt. Dass Podolski seinen ersten Einsatz beim Stande von 3:0 bekam, zeigt, dass er über den erweitertern Kreis nicht hinauskommt. Das gilt allerdings auch für einige andere Mitglieder des 23-köpfigen Kaders. Über einen möglichen Rücktritt aus der Nationalmannschaft nach der EM denkt Podolski "im Moment" übrigens noch nicht nach.

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