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Bankdrücker bei Viertelfinal-Sieg
Götze – der Verlierer unter den Gewinnern

Mario Götze – der Verlierer unter den Gewinnern
FOTO: dpa, kno
Düsseldorf. Mario Götze hat das EM-Achtelfinale gegen die Slowakei 90 Minuten von der Ersatzbank verfolgt. Der Siegtorschütze des WM-Finals von 2014 flog nach drei mäßigen Leistungen aus der Startelf. Seine Vertreter Mario Gomez und Julian Draxler waren beim 3:0 die besten Spieler auf dem Platz. Götze ist der Verlierer unter lauter deutschen Gewinnern. Von Denis Canalp

Fünf Stunden vor dem ersten K.o.-Spiel des Turniers für die deutsche Mannschaft meldete sich Götze bzw. vielmehr einer der Sponsoren des 24-Jährigen via Twitter: "Unser Motto: Wenn's drauf ankommt, performen." Dazu stellte der südkoreanische Elektronikkonzern ein GIF des deutschen Nationalspielers, der auf der Couch sitzend die Faust ballt." Ein denkbar schlechtes Timing des Sponsors, denn als eine Stunde vor Anpfiff die deutsche Aufstellung veröffentlicht wurde, fehlte der Name Götze in der ersten Elf, die einzige Änderung gegenüber dem letzten Gruppenspiel gegen Nordirland.

Ein Rückschlag für Götze, der gegen die Ukraine und Polen als einzige Spitze agierte und gegen Nordirland bis zu seiner Auswechslung auf dem linken Flügel spielte. Dass Draxler den 3:0-Endtand per Volleyschuss erzielte und das zwischenzeitliche 2:0 durch Gomez mit einem sehenswerten Sololauf einleitete, passt ebenso in Götzes unglückliche Welt wie seine Werbepanne. Murphys Gesetz? Pah! Das kann Götze besser: Gomez holte auch noch den (von Mesut Özil nicht verwandelten) Foulelfmeter heraus.

Die direkte Konkurrenz nutzte also Götzes Versetzung auf die Ersatzbank. Schwer vorstellbar, dass Götze gegen Italien oder Spanien im Viertelfinale wieder erste Wahl sein wird. Dabei wollte der Bayern-Profi, der an der Säbener Straße längst nicht mehr allerhöchste Wertschätzung genießt und dem der neue Trainer Carlo Ancelotti bereits telefonisch zu einem Wechsel geraten haben soll, die EM-Bühne für Werbung in eigener Sache nutzen. Jetzt ist er zum Zuschauen verdammt.

Erholt sich Götze von diesem neuen Nackenschlag wieder? TV-Experte Simon Rolfes ist sich da nicht ganz sicher: "Mich hat es überrascht. Das wird sein Selbstvertrauen jedenfalls nicht stärken", sagte er am Sonntagabend im ZDF. "In Marios Brust schlagen sicher zwei Herzen. Er freut sich für die Mannschaft, wird aber etwas geknickt ins Bett gehen", ergänzte Rolfes' Experten-Kollege Sebastian Kehl.

Götze kennt sich mit sportlichen Rückschlägen aus. Trotz seiner Jugend hat der Edeltechniker schon mehr erlebt als so mancher Routinier kurz vor dem Karriereende. Vor allem lebt Götze schon fast seit seinem Debüt mit einer übertriebenen und überzogenen Erwartungshaltung, die an ein Wunderkind eben gestellt wird. Götze polarisiert. Von ihm erwartet die Öffentlichkeit sehr oft einfach mehr als von seinen Mitspielern. Das war auch schon vor seinem Tor im WM-Finale so. Seine Körpersprache provoziert zudem den ein oder anderen Beobachter, weil Götze den Eindruck vermittelt, nicht ganz austrainiert zu sein und nicht immer 100 Prozent zu geben. Ein weiterer oft formulierter Vorwurf: Götze wirke arrogant. Glaubt man seinen Trainern, dann sind das völlig unhaltbare Vorwürfe. Egal, ob Jürgen Klopp, Pep Guardiola oder eben Löw: Sie alle halten viel von Götze, alle loben seine Arbeitseinstellung.

Doch bei aller Wertschätzung für den einstigen Wunderknaben von Borussia Dortmund haben Löw und Guardiola eines gemeinsam: In den großen Spielen vertrauen sie Götze nicht in der Startelf, setzen lieber auf andere Spieler. Und dennoch sollte man Götze nicht vorschnell abschreiben, denn auch bei der WM in Brasilien begann Götze in der Startformation, ehe er im Laufe des Turniers zum Bankdrücker mutierte. Das legendäre 7:1 im Halbfinale über Gastgeber Brasilien erlebte er auch nur als Zuschauer, im Finale gegen Argentinien kam er spät von der Bank und avancierte in der Verlängerung zum deutschen WM-Helden.

"Wenn er im Finale wieder reinkommt und die Bude macht, dann soll es so ein", sagte Rolfes am Sonntagabend. In Deutschland hätte man wohl nichts dagegen.

(can)
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