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Für Löw unersetzlich
Mesut Özil – der unauffällige Taktgeber

Fotos: Mesut Özil – Spielmacher, Rekordtransfer, Weltmeister
Fotos: Mesut Özil – Spielmacher, Rekordtransfer, Weltmeister FOTO: afp, desk
Evian. An keinem anderen deutschen Nationalspieler scheiden sich so sehr die Geister wie an Mesut Özil. Er kann fast unbemerkt Spiele verändern. Das wollen viele immer noch nicht glauben, denn Özil ist ihnen einfach zu unauffällig. Von Robert Peters

Wahrscheinlich war es so: Vor ein paar Jahren sitzen die Manager von Mesut Özil (27) beisammen und suchen nach einem richtig guten Spruch für die unbedingt notwendige Seite im weltumspannenden Netz. Einer hat die Aphorismensammlung, die ihm einst der Großonkel zur Kommunion geschenkt hat, mitgebracht und blättert ausgiebig darin herum. Unter "M" wie Mathematik findet er ein Zitat, das dem polnischen Mathematiker Hugo Steinhaus zugeschrieben wird. Es lautet: "Warum soll ich die Welt bezwingen, wenn ich sie mit Mathematik verzaubern kann." Das finden Özils Manager toll. Die Mathematik lassen sie weg, weil das zu sehr nach Schule klingt, und sie schreiben ihrem Klienten als Motto auf die Website: "Warum soll ich die Welt bezwingen, wenn ich sie verzaubern kann."

Das ist eine kluge Wahl. Denn Özil ist kein Bezwinger, keiner, der sich mit lautem Gebrüll in Fußballschlachten stürzt, der seine Gegner niederringt und anschließend in Triumphpose als Beherrscher gefeiert wird. Özil ist ein Künstler, der mit dem leisen Charme der Melancholie manchmal fast unbemerkbar Spiele verändert. Er ähnelt tatsächlich dem Zauberer, dessen Einfluss auf ein Kunststück unsichtbar bleibt, ohne den es das Kunststück aber nicht gäbe. Diese Rolle muss er morgen in Marseille im Halbfinale der Europameisterschaft gegen Frankreich wieder spielen. Er ist neben Toni Kroos der wichtigste Mann im deutschen Angriffsspiel.

Özils Einfluss wird oft übersehen

Das wollen viele immer noch nicht glauben. Ihnen ist der leise Mann mit den oft herabhängenden Schultern und der Körpersprache eines traurigen Menschen einfach zu unauffällig. Er taucht ihnen zu häufig ab. Sie übersehen, wie groß sein Einfluss auf das Spiel selbst mit ganz kleinen Pässen ist, wie häufig er seinen Fuß im Spiel hat, wenn sich der Rhythmus der Aktion verändert. Man muss da gelegentlich zweimal hinschauen.

Die Trainer tun das, deshalb sind die meisten große Anhänger seines oft so verdeckten Spiels. Joachim Löw gehört zu den bekennenden Fans seines Mittelfeldspielers. Er ignoriert die Haltungsprobleme, und Özils blasse Auftritte jenseits des Rasenvierecks interessieren ihn nicht. Er sieht die genialen Momente, und sie sind für seine Vorstellung vom Fußball der DFB-Auswahl unentbehrlich.

Darum ist Özil gesetzt. In allen Spielen der großen Turniere seit der Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika stand er für Deutschland auf dem Platz. Das sind nun 24 Spiele in Folge, Weltrekord.

Dennoch wirkt Özil nicht wie ein Rekordmann. Sein Management arbeitet darum mit Hingabe daran, die Marke Özil an beeindruckenden Daten (zum Beispiel der Quote von 89 Prozent erfolgreicher Pässe in seiner Nationalelf-Karriere) festzumachen und die Marke beharrlich in der Öffentlichkeit zu etablieren, die der Mensch Özil so scheut. Ausgerechnet ihr schüchterner Klient ist dadurch Weltmeister in den sozialen Netzwerken, 30 Millionen Fans folgen ihm bei Facebook, seine Agentur lässt ihn beständig internationale Grüße an Kollegen und Mitspieler twittern. Als der Muslim zur Pilgerreise in Mekka war, ging das Bild davon selbstverständlich um die Welt.

In Frankreich hat Özil ein neues Lieblingswort entdeckt. Es heißt "glühen". In einem Interview mit der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" hat er es erstmals gebraucht. "Nur wenn du in jedem Moment Freude daran hast, was du tust, dann glühst du auf dem Platz", sagt er da. Es klingt ein wenig nach Poesie und so gar nicht nach Özil im Original.

Aber es ist, wie sein Website-Motto, sehr treffend. Es umschreibt das Leuchten seines Spiels in den besonderen Momenten, und es schaut in die Tiefe seines fußballerischen Selbstverständnisses.

Er spricht sehr oft von Freude, vom Spaß, ohne den sich sein Spiel nicht entwickeln könne. Auch wenn sein Gesicht das überhaupt nicht spiegelt, lebt er in seinen besten Momenten aus einer sehr inneren Freude am Umgang mit dem Ball, an der Bewegung und an der Beziehung mit seiner Mannschaft. Wenn das alles passt, dann entsteht großer Sport. Auch dafür benutzt Özil sein neues Lieblingswort. "Wenn man als Mannschaft wirklich glüht, dann merkt man das", erklärt er. Dann entsteht aus den Fähigkeiten Einzelner mehr.

Den Schlüssel zu den großen Momenten hat Özil. Und er kann ganz gut erklären, dass der entscheidende Augenblick, die entscheidende Idee nicht nur aus einem besonderen Gefühl für die Situation entsteht, sondern durch sehr vorausschauendes Denken: "Ich versuche, Lösungen zu finden, bevor ich den Ball habe - sonst ist es zu spät." Das erinnert ein bisschen an Schach. So hat er Fußball schon immer verstanden. "Damit habe ich als kleiner Junge angefangen", sagt Özil. Es ist für ihn so selbstverständlich geworden, dass er sehr irritiert schauen kann, wenn Mitspieler seine Ahnung nicht teilen, wenn sie tatsächlich mal nicht dahin laufen, wohin er den Ball lenkt. Dann glüht es manchmal eben nicht.

Quelle: RP
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