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In der Sinnkrise
Özil und Müller: Müssen wir uns Sorgen machen?

Fotos: Boateng rettet gegen Lewandowski mit "Heldengrätsche"
Fotos: Boateng rettet gegen Lewandowski mit "Heldengrätsche" FOTO: dpa, fdt
Paris . Wahrscheinlich ist es an der Zeit, sich ernsthaft Sorgen zu machen. Denn ausgerechnet Thomas Müller, das Bild des unverzagten Fußball-Naturburschen mit der eingebauten Selbstverständlichkeit im Spiel, steckt in der Sinnkrise. Von Robert Peters

Schon im vergangenen halben Jahr bei Bayern München ging ihm das Leichte, Fröhliche in seinem Spiel erkennbar ab. Alles wirkte erstaunlich angestrengt und folgte weniger dieser eigentümlichen Müller-Logik, die gegen alle vermeintlichen Gesetze Lösungen aus dem Bauch heraus findet. Diese merkwürdige Form hat er zur Nationalmannschaft und zur EM mitgebracht.

Das nagt an ihm. "Es wurmt mich weniger, dass ich bei der EM noch kein Tor geschossen habe", bekannte er nach dem 0:0 gegen Polen, "sondern, dass ich in beiden Spielen keine wirkliche Torchance hatte." Höchst ungewöhnlich für den Mann, den sie wegen seines ausgeprägten Gefühls für den richtigen Platz im richtigen Moment mit dem Prädikat "Raumdeuter" geehrt haben. Zurzeit findet er den richtigen Platz nicht. Wenn er ihn belegt, ist es oft zu spät. Wenn er verzweifelt um Anschluss ans Spiel kämpft, misslingen ihm Kleinigkeiten. Er wirkt alles andere als glücklich.

Während das bei Müller eine ganz neue Erfahrung ist, kommt die Rolle des Spielers von der traurigen Gestalt in Mesut Özils Darstellerkarriere häufig vor. Obwohl Bundestrainer Joachim Löw ihm geradezu beschwörend eine "herausragende Verfassung" unterstellt, schleicht der Spielmacher auf seiner Lieblingsposition im zentralen offensiven Mittelfeld dem eigenen Anspruch bislang wieder mal hinterher. Ihm gelingt nicht viel, er läuft sich oft fest, die genialen Momente fehlen, für die er im Team und in der englischen Liga von den Trainern geradezu verehrt wird.

Fotos: Boateng rettet artistisch auf der Linie FOTO: dpa, ks

Anders als Müller, der in seinen schwachen Augenblicken verbissen, vielleicht zu verbissen kämpft, lässt Özil die schmalen Schultern hängen. Sein ganzer Körper sagt: "Mir geht's nicht gut." Statt sich selbst den Ärger über schlechte Form in herzhaften Zweikämpfen vom Leib zu arbeiten, führt Özils Frust geradewegs in einen grotesken Mangel an Beteiligung, hart an die Grenze zur völligen Lustlosigkeit. Dann begleitet er seine Gegenspieler lediglich, er sieht gelangweilt aus und wird in der Rückwärtsbewegung zum Risiko für die eigene Mannschaft.

Gerade davon hat ihn Löw nach der Begegnung mit Polen erstaunlicherweise freigesprochen. Er bescheinigte Özil und Müller, dass "sie gute Defensivarbeit gemacht haben. Vorn sind sie ein bisschen glücklos, aber das wird sich ändern". Sorgen mache ihm der Auftritt der beiden Offensivkräfte nicht. Ob er damit allgemein trotzige Zuversicht verbreiten wollte, oder ob die Bemerkung sein sonniges Gemüt unterstreicht, war nicht festzustellen.

In Löw arbeitete es aber offenbar weniger als in seinen beiden Spielern. Beide fanden sich immerhin zur Selbstkritik bereit. Özil zumindest indirekt, als er sagte: "Es muss in den nächsten Spielen unser Ziel sein, die Torchancen rauszuspielen und effektiv zu sein." All das fehlte schließlich gegen die Polen. Müller räumte ein, dass der verblüffende Mangel an Torgefahr "schon an uns Offensivspielern knabbert". Es scheint der schlimmste denkbare Fall eingetreten zu sein: Müller verfällt in Selbstzweifel und Grübelei. Das passt so gar nicht zu ihm. Und es blockiert seine Stärken.

Einzelkritik: Boateng souverän - Götze auf verlorenem Posten FOTO: dpa, mr

Er will sich im Mannschaftsspiel aus seiner Krise herausarbeiten. Das passt wieder gut zu ihm. Als er erklärte, "wir haben als ganzes Team in der Abwehrarbeit gezeigt, dass unsere Basis für den Erfolg da ist", klang es doch sehr nach dem kämpferischen Versuch, sich in kleinen Ansätzen stark zu reden. Und seine Zustandsbeschreibung des Angriffsspiels geht auch sehr gut als Blick in sein Inneres durch. "Wir sind auf der Suche nach Lösungen", sagte Müller.

Das hat er in seiner Laufbahn bislang noch nicht häufig tun müssen - vor allem nicht über einen längeren Zeitraum. Deshalb irritiert es ihn mindestens so wie seine Wegbegleiter. Seine Stärke war immer, dass er Lösungen fand, ohne danach zu suchen. Müllers Spiel entsteht nicht in der Analyse, sondern in der Bewegung, im Moment. Nachdenklichkeit bremst da eher, als sie hilft. Deshalb muss man sich doch Sorgen machen.

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