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Terror-Angst
Boateng lässt seine Familie nicht ins Stadion

Fotos: Jerome Boateng – Berliner, Abwehrchef, Weltmeister
Fotos: Jerome Boateng – Berliner, Abwehrchef, Weltmeister FOTO: dpa, hak nic
Paris. Die Angst vor Anschlägen ist allgegenwärtig. Wenn die deutsche Nationalmannschaft in Frankreich um den EM-Titel spielt, wird deshalb auch die Familie von Jerome Boateng nicht im Stadion sein – sondern in Sicherheit. "Das Risiko ist mir einfach zu groß", sagte der Bayern-Star der "Sport Bild". Es wird ein Fußballfest im Ausnahmezustand. Bundestrainer Joachim Löw dagegen fühlt sich sicher.

"Es ist natürlich einerseits traurig, dass man sich mit solchen Themen auseinandersetzen muss. Andererseits sind zuletzt eben viele Dinge passiert, die einen nachdenklich machen", sagte der Abwehrchef des Weltmeisters: "Ich für meinen Teil will mich bei der EM allein auf Fußball konzentrieren können, und da fühle ich mich einfach wohler, wenn meine Familie nicht im Stadion sitzt."

"Keiner fühlt sich unsicher, wir konzentrieren uns auf unsere Arbeit", sagte Löw. "Die Lage ist bei uns völlig entspannt, wir fühlen uns sicher in unserem Kreis." Man wisse, dass genügend Sicherheitsmaßnahmen getroffen seien, führte der Bundestrainer aus. "Wir kennen das aus Brasilien, wir kennen das aus Südafrika." Bei den vorangegangenen Weltmeisterschaften 2010 und 2014 war dem Thema Sicherheit ebenfalls ein großer Stellenwert eingeräumt worden.

Laut DFB-Präsident Reinhard Grindel gibt es vor dem EM-Eröffnungsspiel am Freitag allerdings "keine konkreten Hinweise auf eine konkrete Gefährdung". Und er "gehe davon aus, dass wir umgehend unterrichtet werden würden, wenn sich daran etwas ändert". Man habe "nach wie vor Vertrauen in die französischen Sicherheitsbehörden", betonte der DFB-Boss: "Sie haben eine ganze Reihe zusätzlicher Maßnahmen getroffen."

Bei den Anschlägen von Paris im vergangenen Jahr wurden 130 Menschen ermordet und Hunderte weitere teils schwer verletzt. Boateng stand an jenem 13. November im Stade de France auf dem Platz, als sich auch vor dem Stadion ein Selbstmordattentäter in die Luft sprengte. Zwar findet die EM nun gut ein halbes Jahr später unter schärfsten Sicherheitsvorkehrungen statt. Garantien kann es aber nicht geben.

Frankreich hat Angst vor dem Terror

"Wir tun alles Mögliche, um einen Terroranschlag zu verhindern", sagte Innenminister Bernard Cazeneuve, dessen Behörde während des Turniers Millionen Touristen schützen muss: "Null Prozent Vorsorge bedeuten 100 Prozent Risiko. Aber 100 Prozent Vorsorge bedeuten nicht, dass wir null Prozent Risiko haben." Staatspräsident Francois Hollande vermittelte, dass es "diese Bedrohung für eine lange Zeit geben" werde.

Nachrichten wie vom Montag, als die Festnahme eines mutmaßlichen Terroristen mit zwei Panzerfäusten, fünf Maschinengewehren und 125 kg Sprengstoff im Gepäck an der ukrainischen Grenze bekannt wurde, belegen das. Der Franzose hatte in seinem Heimatland 15 Anschläge geplant.

"Die Anschläge, die islamistische Terroristen in der jüngsten Vergangenheit in unseren Nachbarstaaten begangen haben, belegen, wie real die Gefahr von Terrorakten ist", sagte ein Sprecher des Bundeskriminalamtes (BKA). "Konkrete Hinweise auf eine Gefährdung" liegen aber derzeit nicht vor. Wie zuvor schon die USA warnte auch Großbritannien seine Bürger dennoch ausdrücklich vor Terrorattacken in Stadien, Fanzonen und öffentlichen Verkehrsmitteln.

Mehr als 90.000 Sicherheitskräfte sollen das Risiko rund um die zehn Arenen und beim Public Viewing so gut es geht minimieren. Allein in Paris sind 13.000 stationiert. Die Regierung hat bis nach dem Ende der Tour de France (2. bis 24. Juli) den Ausnahmezustand verhängt.

Während die Stadien durch dreifache Sicherheitsringe und -kontrollen tatsächlich relativ gut zu schützen sind, bleiben die Fanfeste wie das in Paris unterhalb des Eiffelturms, wo rund 100.000 Besucher täglich feiern sollen, die "weichen" Ziele, die nie in Gänze zu kontrollieren sein werden.

Neben der Terrorgefahr beschäftigen den Staat zudem die drohenden Ausschreitungen unter Hooligans, die zu Tausenden versuchen, ins Land zu kommen. 15 der 36 Vorrundenpartien und damit 41 Prozent sind Risikospiele, darunter auch die deutschen Partien gegen Polen am 16. Juni im Stade de France und am 12. Juni in Lille gegen die Ukraine.

Die deutsche Polizei schickt deshalb Beamte ins Nachbarland, die unterstützen sollen. "Wir wollen ausschließen, dass Gewalttäter aus der deutschen Fanszene die Europameisterschaft als Bühne für Auseinandersetzungen nutzen", sagte Polizeioberrat Uwe Ganz der Rheinischen Post. Die EM-Bühne wollen auch die Terroristen nutzen.

(old/sid/dpa)
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