| 07.59 Uhr

Deutschlands - Ukraine ab 21 Uhr
Toni Kroos – der Taktgeber

Fotos: Toni Kroos – Riesen-Talent, Heynckes-Zögling, Weltmeister
Fotos: Toni Kroos – Riesen-Talent, Heynckes-Zögling, Weltmeister FOTO: dpa, te nic
Evian-Les-Bains. Toni Kroos ist die wichtigste Größe im Konzept von Bundestrainer Joachim Löw. Seine kühle vorpommersche Art wurde ihm früher oft als Arroganz ausgelegt. Heute sind die ganz Großen der Szene echte Fans des Stars von Real Madrid. Von Robert Peters

Vor knapp zwei Wochen soll sich Toni Kroos mal unheimlich gefreut haben. So heißt es aus gewöhnlich gut unterrichteten Kreisen. Real Madrid hatte das Champions-League-Finale gewonnen, woran der deutsche Nationalspieler durchaus seinen Anteil hatte. Daraufhin soll es in der Kabine zu einem nahezu unkontrollierten Gefühlsausbruch gekommen sein. Mehrmals habe Kroos die rechte Hand zur Faust geballt, und mindestens zweimal muss er nach übereinstimmenden Meldungen ein kräftiges "Ja!" ausgestoßen haben. Schwer vorstellbar bei einem, der selbst bei der Beschreibung der eigenen Abgeklärtheit kühl klingt wie ein Wissenschaftler. "Ich bin", bekennt Toni Kroos, "kein enthusiastischer Typ."

"Verunsichern kann mich eigentlich nichts"

Das kann man wohl sagen. So cool wie der deutsche Mittelfeldspieler würde so mancher Rockstar gerne sein. Aber dafür gibt es keine Lehrgänge. Kroos bewahrt in sich die Ruhe seiner Landsleute in Vorpommern auf, wo es Gegenden gibt, in denen als Plaudertasche gilt, wer morgens mehr als die Tageszeit über die Lippen bekommt.

Der Greifswalder Kroos bringt dieses Temperament auf den Fußballplatz. Schwierige Situationen am Ball, hitzige Gegenspieler, lautstarkes Publikum, der vielzitierte Druck, der auf den bemitleidenswerten Berufsspielern gemeinhin lastet - für den Mann von Real Madrid sind das allenfalls Begleiterscheinungen des Daseins als Profisportler auf dem Platz. "Verunsichern kann mich eigentlich nichts", sagt er. Und er schaut so gleichmütig wie ein Buddha von der nordostdeutschen Küste.

Es gab Zeiten, da haben ihm das seine Kritiker als Arroganz ausgelegt. Sie erkannten klare Anzeichen in der Art, wie er spielte, wenn er den Ball mit dem Rücken zum Gegner behauptete, mit aufrechter Haltung, den Blick längst auf den nächsten Spielzug gerichtet. Wenn er den Ball forderte, obwohl ihn gleich drei Mann bedrängten, und wenn er bei der ersten härteren Berührung innehielt und den Schiedsrichter mit beleidigtem Augenaufschlag um Unterstützung bat.

Diese Haltung nimmt er immer noch gelegentlich ein, wenn harte Jungs ihn allzu unfair angehen. Er bleibt dann einfach stehen und schaut nur. Man würde ihm dann manchmal mehr Wut wünschen. Aber Ausdruckstanz ist nicht seine Welt.

Von Anfang an ein Überflieger

Das war schon immer so. Vielleicht, weil er früh in eine Verantwortung gestellt wurde, die Gleichaltrigen nicht zugemutet wurde. Fußballerisch war er von Anfang an ein Überflieger. Er konnte fast alles besser als seine Mitspieler, er spielte stets bei den älteren Jahrgängen mit. Und mit 15 war er bei Hansa Rostock eine lokale Berühmtheit. "Das war nicht einfach", sagt er, "wenn man immer der Beste sein muss." Weniger als das jeweils Besondere wollten seine Trainer nicht sehen.

Mit 16 wanderte der Hochbegabte aus. Natürlich zum großen FC Bayern, München war die logische Adresse für einen wie ihn. Wahrscheinlich hat er sich nicht einmal gewundert, als der damalige Manager Uli Hoeneß öffentlich verkündete, das Trikot mit der Nummer zehn werde für Kroos reserviert. Die Zehn, die Zahl für die Spielmacher, für Helden wie Günter Netzer, Pelé und Maradona. Eine Zahl wie ein Berg.

Der Berg war zu hoch für Kroos. Denn die Öffentlichkeit begann den 16-Jährigen daran zu messen. Sein kühles Temperament wurde ihm als Phlegma ausgelegt. Und wieder stand da der Vorwurf der Überheblichkeit im Raum. Jürgen Klinsmann, von dem Kroos heute in einem hörbaren Anflug von Emotion sagt, er sei der "schlechteste Trainer meiner Laufbahn" gewesen, hatte keine Verwendung für das große Talent. Kroos wurde zeitweise in die zweite Mannschaft abgeschoben. Schließlich liehen ihn die Bayern an Leverkusen aus.

Ein Glück für Kroos. Denn hier traf er auf seinen Mentor. Jupp Heynckes erkannte die großen Qualitäten des 19-Jährigen. Er baute ihn zur zentralen Figur auf, und er machte dem überragenden Talent klar, dass zur großen Karriere viele Kleinigkeiten gehören. "Heynckes war mein wichtigster Trainer", erklärt Kroos. Bei den Bayern kamen sie wieder zusammen. Die Weltkarriere des "Strategen" (Heynckes) hatte begonnen.

Immer noch gab es allerdings Kritiker, die seine unterkühlte Spielweise in dem sicheren Vorurteil bestärkte, hier gehe einer zu selten an seine Grenzen. Belehrt hat er sie endgültig wohl erst beim WM-Turnier in Brasilien. Kroos wurde zum Taktgeber des Weltmeisters - mit 24 Jahren.

Zwei Jahre darauf ist er die wichtigste Größe im Konzept von Bundestrainer Joachim Löw. Und obwohl er auf die Datenzählerei im modernen Fußball nicht viel gibt ("Leistungsdaten werden überbewertet"), könnte er seine Rolle im Team mit ein paar Zahlen unterstreichen. In der EM-Qualifikation kamen 93,3 Prozent seiner Pässe an. Weil er beileibe nicht nur Querpässe über fünf Meter spielt, ist das ein atemberaubender Wert. Er erklärt, warum die ganz Großen echte Kroos-Fans sind. Der holländische Fußball-Adlige Johan Cruyff stellte schon vor einem Jahr fest: "Kroos ist der wahre Weltfußballer." Ob das den Ruhepuls bei Kroos erhöht hat? Wahrscheinlich nicht.

Quelle: RP
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Toni Kroos: Der Taktgeber im DFB-Team


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.