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Mission EM-Titel
Die beste Nationalelf aller Zeiten

EM 2012: Deutschland - Dänemark, Pressestimmen
EM 2012: Deutschland - Dänemark, Pressestimmen FOTO: RPO
Düsseldorf. Bislang galt das deutsche Europameister-Team von 1972 als beste deutsche Mannschaft. Doch beim Turnier in Polen und der Ukraine tritt eine Truppe an, die das Team von damals noch übertrifft. Die Chance, endlich wieder einen Titel zu holen, war selten größer. Von Friedhelm Körner

Und in der Vorrunde stellte Deutschland unter Beweis, was bei der Endrunde möglich ist: Mit Siegen gegen Portugal (1:0), die Niederlande (2:1) und Dänemark (2:1) stellte die Mannschaft von Bundestrainer Löw einen neuen Rekord auf. Noch nie hat eine deutsche Mannschaft bei einer EM alle drei Gruppenspiele gewonnen. Spielerisch erinnerten die drei Partien jedoch noch nicht an die EM 1972 oder die WM 2010. Aber die DFB-Elf kann sich noch steigern – schon am Freitag im Viertelfinale gegen Griechenland (20.45 Uhr/Live-Ticker).

Wer vor vier Jahrzehnten über den Ärmelkanal ins Mutterland des Fußballs reiste, empfand einfach nur Ehrfurcht. Hochachtung vor der Nationalmannschaft Englands, die noch nie ein Heimspiel gegen die Deutschen verloren und auch das WM-Finale 1966 gewonnen hatte dank des umstrittenen "Wembley-Tors", bei dem der Ball von der Latte auf den Boden sprang, aber nicht hinter die Torlinie.

Das Londoner Wembley-Stadion wirkte auf Gäste vom Festland – vor dem Umbau zur heutigen, modernen Arena – wie ein ehrwürdiger, monumentaler Palast des Fußball-Empires. Scheinbar uneinnehmbar für Teams des Deutschen Fußball-Bundes (DFB).

Noch immer gelten die insbesondere von Spielern aus München und Mönchengladbach geprägten Siebzigerjahre als die goldene Ära des deutschen Fußballs. Im April 1972 – der heutige Bundestrainer Joachim Löw war noch ein Junge von zwölf Jahren – gelang es zum ersten Mal einer Mannschaft, den Mythos der englischen Unbesiegbarkeit gegen Deutschland in London zu brechen.

Im Viertelfinale der Europameisterschaft siegte das Team des Trainerfeingeists Helmut Schön in Wembley mit 3:1. Wenige Wochen später war es dann Europameister nach dem 3:0-Endspielerfolg gegen die Sowjetunion in Brüssel.

Ideale Mischung aus Künstlern und Kämpfern

Jahrzehntelang stand diese Auswahl in dem Ruf, die spielerisch glanzvollste der deutschen Länderspielgeschichte gewesen zu sein. Sie war eine ideale Mischung aus Künstlern wie den begnadeten Strategen Franz Beckenbauer und Günter Netzer sowie Kämpfern wie Beckenbauers Nebenmann fürs Grobe, "Katsche" Schwarzenbeck, und dem aus Mönchengladbach stammenden Bremer Horst-Dieter Höttges, genannt "Eisenfuß".

Netzer stand damals auf dem Höhepunkt seiner Länderspielkarriere. Allerdings trug er nur 37 Mal das Trikot mit dem Adler – eine für seine Genialität und Virtuosität geradezu absurd gering anmutende Zahl.

Die historische Elf von Wembley ließ im ersten Spiel nach der Europameisterschaft, am 15. November 1972, beim 5:1 im Düsseldorfer Rheinstadion gegen die Schweiz eine weitere Gala folgen. Der Münchner "Bomber" Gerd Müller erzielte dabei vier Treffer, Netzer ein Zaubertor nach Doppelpass mit Müller.

Nun, 40 Jahre später, hat sie im Aufgebot von Joachim Löw würdige Nachfolger gefunden. Mehr noch: Seit ihren glanzvollen Auftritten bei der Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika schwimmt dieses Ensemble auf einer Welle des Erfolgs und verzückt die Fans mit spielerisch-technischer Brillanz. Meisterleistungen hat die Mannschaft schon geboten, ein Meisterstück wie das der 72er ist ihr noch nicht geglückt.

Besser ausgebildet als früher

Gleichwohl sind ihre Vorstellungen noch eindrucksvoller und höher einzustufen als die des ersten deutschen Europameisters, denn sie zelebriert ihre Fußballkunst in einem Zeitalter erheblich schwierigerer Bedingungen. Die Konkurrenz in Europa und in der Welt ist weit umfangreicher und stärker. Mit der Athletik und dem (auch dank des technisch weiterentwickelten Ballmaterials) hohen Tempo heutiger Kombinationen war das Spiel der damaligen Ära nicht zu vergleichen.

Es mag ziemlich respektlos klingen vor der fußballerischen Lebensleistung von Ausnahmekönnern wie Franz Beckenbauer und Günter Netzer – aber Fernsehbilder des historischen Sieges von Wembley wirken wie Zeugnisse aus einer guten, alten Epoche, in der die Akteure auf dem Rasen mehr Platz und Zeit hatten, das Spielgerät zu kontrollieren und wunderschöne Ballstafetten zu entwickeln.

Löws Männer wie Bastian Schweinsteiger, Mesut Özil oder Thomas Müller kommen dem Ideal des Hochgeschwindigkeitsfußballs bereits nahe. Sogar der Torwart, Manuel Neuer, schlägt bei der Spieleröffnung oft schon aus dem Strafraum hohes Tempo an mit weiten Würfen und Abschlägen. Die deutschen Nationalspieler sind in großer Zahl sehr viel besser ausgebildet als frühere Generationen.

Wie der Fußball-Boom begann

Und so bestreiten sie ein Klasseturnier nach dem anderen, die von der Nationalmannschaft verzauberten Fans träumen von großen Titeln, der DFB wird im Ausland um seine vorzügliche Nachwuchsarbeit beneidet, und Joachim Löw kann aus dem riesengroßen Reservoir an Talenten immer wieder neue junge Spieler an seine Auswahl heranführen.

Kaum jemand weiß heute noch, wann und wodurch diese großartige Entwicklung begann. Erich Ribbeck, Löws erfolgloser Vorgänger als Bundestrainer in der Zeit von 1998 bis 2000, erinnert daran, dass Dietrich Weise entscheidende Weichen stellte.

Weise war ein erfolgreicher Trainer im Profifußball. Mit dem 1. FC Kaiserslautern erreichte er das Viertelfinale im Uefa-Cup, mit Eintracht Frankfurt gewann er 1974 und 1975 den DFB-Pokal, bei Fortuna Düsseldorf legte er den Grundstein dafür, dass der Klub später zweimal Pokalsieger (1979/1980) wurde und ins Europacupfinale gegen den FC Barcelona einzog (1979, 3:4).

Dann holte ihn der DFB. In seiner ersten Amtszeit als Nachwuchstrainer (1978 bis 1983) wurde Weise 1981 mit der U18 Europa- und Weltmeister. Schon in dieser Zeit versuchte er, die Jugendarbeit innerhalb des Verbands zu intensivieren.

Ab 1997 startete die Entwicklung

Der frühere DFB-Präsident Egidius Braun holte Weise 1997 zum DFB zurück. In dieser Zeit begann die Entwicklung, die nach dem frühen deutschen Scheitern bei der WM 1998 (Viertelfinale) und dem Desaster bei der EM 2000 (Vorrunde) zu der Talentschwemme führte.

"Ich habe damals gesagt: Wir müssen die Jugendausbildung verstärken, und das geht nicht zum Nulltarif", erklärte Weise. Er konnte Braun von seinen Ideen überzeugen. 5,2 Millionen Mark (rund 2,66 Millionen Euro) bewilligte der DFB für die Talentsichtung von D-Junioren und die Spezialförderung der Nachwuchskräfte.

Kein begabter Fußballer sollte durchs Sieb fallen und unentdeckt bleiben. Die entscheidende Maßnahme: Der DFB richtete 115 Stützpunkte ein, an denen Junioren montags nach dem von DFB-Fußballlehrer Gero Bisanz ausgearbeiteten Trainingsplan übten. An Tagen, an denen sie nicht bei ihren Vereinen waren.

"Das war damals meine Idee", erzählt Weise. "Die Stützpunkte waren flächendeckend und lagen jeweils in einem Umkreis von etwa 50 Kilometern, so dass Mütter oder Väter ihre Söhne gut zum Training fahren konnten." An jedem der kleinen Zentren arbeiteten zwei Trainer mit dem Ziel, die Jungen im Dribbeln, in der Kopfball- und Schusstechnik zu verbessern.

Es fehlt ein Titel

Erfahrene Profis wie Werder Bremens heutiger Geschäftsführer Klaus Allofs und Wolfgang Seel, die Weise aus Düsseldorf kannte, sowie Norbert Janzon (FC Bayern und Schalke 04) und der Berliner Uwe Kliemann halfen ihm, den Plan umzusetzen. Wie erfolgreich dieser Plan war, zeigt sich nun.

In der Qualifikation zur EM in Polen und der Ukraine haben Joachim Löw und seine Männer Großes geleistet. Sie gewannen alle zehn Qualifikationsspiele. Es ist ein fantastischer Rekord in der ruhmreichen Historie deutscher Länderspiele, der sich mit den drei Erfolgen in der Vorrunde bislang fortsetzte.

Was dieser Generation fehlt, ist ein Titel. Es wäre der erste für die Nationalmannschaft seit der Europameisterschaft 1996 in England. Damals siegte sie durch ein "Golden Goal" des heutigen Team-Managers Oliver Bierhoff in der Verlängerung 2:1 gegen Tschechien – im Londoner Wembley-Stadion.

Der Autor begleitet die deutsche Nationalmannschaft seit den 70er Jahren und war auch 1972 Zeuge des Spiels in London.

(seeg/das/seeg/sgo/areh)
 
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