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TV-Kritik zum EM-Auftakt
Béla Réthy, der Superstar der Orientierungslosen

EM 2016: Bela Rethy, der Superstar der Orientierungslosen – TV-Kritik
Béla Réthy FOTO: ZDF/Rico Rossival
Meinung | Düsseldorf. Béla Réthy braucht wie immer nicht lange, um auf Betriebstemperatur zu kommen. Bei der Eröffnungszeremonie zur Fußball-Europameisterschaft entdeckt er "Tänzerinnen aller Gewichtsklassen" und David Guetta begrüßt er mit den Worten "Jetzt ist er da an seinen Konsolen". Von Gianni Costa

Der französische Star-DJ Guetta, spottet Réthy, sei der Superstar der Großraum-Discos. Nun ja, vermutlich würde Guetta den ZDF-Kommentator als Superstar der Orientierungslosen bezeichnen. Réthy hat mal wieder 70 Prozent der Spielernamen vertauscht. Und er hat mit einer erstaunlichen Leichtigkeit immer wieder Dinge gesehen, die nur ein Réthy sehen kann: "Der Ball ist noch gut. Payet. Jetzt ist er nicht mehr gut."

Ohnehin hat es ihm die französische Offensivkraft Dimitri Payet in der Partie gegen Rumänien besonders angetan. Payet, den Réthy wahlweise auch mal Payäääät oder Patt nennt, erwähnt er 46 Mal, wie die Kollegen des Fums Magazins tapfer mitgezählt haben. Es ist eine leichte Kunst, sich auf jedes falsche Wort während einer Live-Reportage eines Kommentators zu stürzen. Bei Réthy sind es aber nicht einfach nur verbale Verdribbler, sondern die konsequente Verweigerung, sich mit einem Spiel und seinen Protagonisten auseinanderzusetzen.

Man kann durchaus Kritik anbringen, sollte allerdings niemals den Respekt verlieren. Genau damit haben manche Zeitgenossen allerdings so ihre Probleme. "Ist Bela schon wieder voll?", lautete die Frage eines Posts des verifizierten Twitter-Accounts von "bwin Sportwetten". Als die übrig gebliebenen Gehirnzellen des Menschen an der Tastatur wieder belüftet worden sind, hat er sich entschieden, den unverschämten Tweet zu löschen. Das nützte herzlich wenig, im Internet machen Screenshots davon längst die Runde.

Nun hat sich das ZDF für diese EM etwas Neues ausgedacht. Also es ist in Wahrheit nicht wirklich neu, eigentlich gar nicht. Aber das ZDF hat jetzt für sich entdeckt, die Analyse rund um die Sportberichterstattung kräftig zu renovieren. Die Experten stehen jetzt nicht mehr an einem Tisch, sondern sitzen in einer Runde zusammen. Und im Hintergrund steht Schlaubi-Schlumpf am Taktik-Bildschirm und erklärt Spielzüge. Ein derartiges Bühnenbild ist zum Beispiel im französischen und englischen Fernsehen schon seit Jahren bei Fußball-Übertragungen Standard. Und auch beim Pay-TV-Sender "Sky" setzt man auf dieses Format. Toll, dass nun auch das ZDF mit etwas Verzögerung dazu gefunden hat. Wenn man denn dann die richtigen Experten am Tisch hat, ist das eine wirklich gute Sache, weil man schnell zur lockeren Plauderei kommt.

In Punkto Personal hat sich das Zweite erstklassig verstärkt. Für alles rund um Taktik ist der frühere St.-Pauli-Trainer Holger Stanislawski zuständig. Er hat bei seiner Premiere eine starke Vorstellung abgeliefert. Auf den Punkt hat er die Schwächen im Spiel der Franzosen aufgedeckt und erklärt, welche Räume die Rumänen genutzt haben, um die Gastgeber zu ärgern. Er präsentiert seine Analysen auf eine erfrischende Art und spricht Klartext.

Sebastian Kehl verstärkt die Runde am Tisch – neben Moderator Oliver Welke und Titan-Experte Oliver Kahn wirkt er noch ein wenig zu brav. Immerhin hat er ein paar erste Krabbelversuche unternommen, Kahn bei dessen Wortbeiträgen zu widersprechen. Das ist noch unbedingt ausbaufähig. Das Turnier hat ja erst angefangen. Das ZDF zeigt noch 21 weitere Partien.

Da bleibt viel Zeit zum Reden.

 
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