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Probleme bei der EM 2016
Der Rasen bringt Frankreich zum Rasen

EM 2016: Der Rasen bringt Frankreich zum Rasen
Ob der noch zu retten ist? Greenkeeper widmen sich dem Rasen in Lille. FOTO: afp
Düsseldorf. Den Rasen in Marseille hatte Frankreichs Trainer Didier Deschamps bereits "desaströs" genannt. Nach dem 0:0 gegen die Schweiz in Lille revidierte er sein Urteil. Warum bereitet der Untergrund in einigen Stadien solche Probleme? Von Jannik Sorgatz

Um welche Stadien geht es?

In den französischen Medien dreht sich das Rasen-Thema vor allem um die Beläge in Lille, Marseille und Nizza. Alle drei Stadien wurden von der österreichischen Firma Richter ausgestattet und erhielten noch kurz vor EM-Beginn einen neuen Rasen. Die "Société Française des Gazons", die französische Rasen-Gesellschaft, beschwert sich in einem Brandbrief über die Uefa, deren Beauftragter kurzfristig einen Austausch des Grüns in den besagten drei Stadien veranlasst habe, obwohl dieses nach der Saison in einem ordentlichen Zustand gewesen sei. So wurde der neue Rasen in Lille erst 17 Tage vor Auftaktspiel der deutsche Mannschaft gegen die Ukraine erneuert. "Diese sind die einzigen Rasenflächen, die uns heute vor Probleme stellen... bestimmt nur Zufall!", heißt es zynisch in dem besagten Schreiben.

Der Rasen in Saint-Denis, wo im Stade de France am 10. Juli das Finale stattfindet, kam ebenfalls nicht gut weg, obwohl erst im Frühjahr der Greenkeeper des Wembley-Stadions geholt wurde und dort kein Klub seine Ligaspiele austrägt. 

Wie reagieren die Franzosen?

"Desaströs", hatte Frankreichs Nationaltrainer Didier Deschamps den Rasen im Stade Velodrome in Marseille genannt, nachdem sein Team dort 2:0 gegen Albanien gewonnen hatte. Nach dem 0:0 gegen die Schweiz in Lille am Sonntagabend revidierte Deschamps sein Urteil: "Der Rasen in Marseille war besser." Seine Spieler pflichteten ihm bei. "Es ist das erste Mal, das ich so etwas gesehen habe", meinte Moussa Sissoko. "Ich bin wie alle erstaunt." Linksverteidiger Patrice Evra verwies darauf, dass der Untergrund in allen drei französischen Spielorten der Vorrunde problematisch gewesen sein: "Das Stade de France war schlecht, das Velodrome war nicht gut und hier war es wirklich nicht mehr akzeptabel", sagte Evra in Lille.

Was sagt die verantwortliche Firma?

Kurzfristig war die Firma Richter nicht für ein Statement zu erreichen. "Wir waren Vorreiter auf diesem Gebiet", erzählte Geschäftsführerin Bianca Götz-Richter vor dem Turnier noch stolz der Zeitung "Die Presse", "mein Ururgroßvater hat schon Rasen für den Kaiser und die Stadt Wien gemacht." Die Medien waren nicht minder stolz: "Nicht nur David Alaba, Marko Arnautović und Co. sind also Österreichs Aushängeschilder und Stars bei dieser Fußball-EM, sondern auch so mancher Grashalm." Bei der EM 2008 verlor Deutschland das Finale in Wien gegen Spanien auf Richter-Rasen – der sei da schon zwei Jahre alt gewesen und sei erst 2015 ausgetauscht worden. Die Probleme in Frankreich scheinen also spezieller Natur zu sein.

Was sind die Erklärungen?

Besonders in Lille scheint einiges falsch gelaufen zu sein. Der Rollrasen sei in Kühl-LKW aus der Slowakei angeliefert worden, wo Richter ebenfalls produziert. Möglicherweise seien einige Rollen dabei gefroren, heißt es in diversen französischen Medienberichten. Ein Statement der Firma Richter zu diesem Thema steht noch aus. Zudem waren die Wetter-Bedingungen im Norden des Landes nicht gerade förderlich. Das Stade Pierre-Mauroy hat zwar ein verschließbares Dach hat. Doch das ganze "Auf, zu, auf, zu" samt ständig wechselnder Wetterbedingungen scheint die Lage noch verschlimmert zu haben.

Wie versucht man, den Rasen zu retten?

Rund ein Dutzend Ventilatoren sollen... ja, was sollen sie eigentlich? Schwer vorstelbbar, dass sich das Geläuf noch einmal erholt. Zur neuen Saison soll der OSC Lille auf jeden Fall einen neuen Rasen bekommen. Zumindest fürs Fernsehen hat man sich ins Zeug gelegt und den Acker grün angesprüht, das kennt man bereits von der WM 2014 in Brasilien. An der Qualität des Untergrunds ändert das optische Lifting freilich nichts. Und die eifrigen Reparaturmaßnahmen der Greenkeeper in der Halbzeitpause waren wohl auch eher ein Tropfen auf dem heißen Stein.

Was hat AC/DC mit der Rasen-Diskussion zu tun?

Die Rock-Legenden spielten am 13. Mai ein Konzert in Marseille. "Als ich die Fotos und die Videos nach dem Konzert gesehen habe, hatte ich den Eindruck, ich sei auf einem anderen Planeten", sagte Frankreich-Coach Deschamps. Ursprünglich sollten im Stade Velodrome nur die arg ramponierten Stellen ausgetauscht werden, stattdessen gab es vier Tage nach dem AC/DC-Konzert ein komplett neues Geläuf – das nun nicht weniger ramponiert aussieht.

Welche Spiele finden in den besagten Stadien noch statt?

Nach Lille würde die deutsche Mannschaft bereits im Achtelfinale zurückkehren, falls sie ihre Gruppe gewinnt. In Marseille findet ein Halbfinale statt – womöglich zwischen Deutschland und Gastgeber Frankreich. Mehr als die Hälfte der Spiele ab dem Achtelfinale wird auf einer der kritisierten Rasenflächen ausgetragen. 

Wie sieht es in den anderen Stadien aus?

Ansonsten wird wenig geklagt. Am Dienstag gastiert die Deutschland in Paris, wo "Der König der Greenkeeper" das Sagen hat. Jonathan Calderwood kam 2013 aus Birmingham nach Paris und hat einen Preis nach dem anderen abgeräumt. Bei Facebook hat er sogar eine Fanseite. Die Verhältnisse im Prinzenpark sollten demnach königlich sein.

Wie reagieren die Fans?

Ein Kartoffel-Acker, meint dieser User.

Und auch die Brücke zu Cristiano Ronaldo wird natürlich geschlagen.

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