| 12.22 Uhr

Schlimme Ausschreitungen in Frankreich
Hooligans stürzen die EM ins Chaos

Hooligans liefern sich Straßenschlacht
Hooligans liefern sich Straßenschlacht FOTO: ap, TH
Marseille. 35 Menschen wurden in Marseille rund um das EM-Spiel zwischen England und Russland (1:1) verletzt. Ein Fan aus Großbritannien schwebt in Lebensgefahr. Mehrere Engländer sind im Krankenhaus, schrieb der englische Botschafter Julian King bei Twitter. In der Hafenstadt wurde auch ein Deutscher festgenommen. 

Die Europäische Fußball-Union (Uefa) hat nach den Ausschreitungen russischer Hooligans ein Disziplinarverfahren gegen den russischen Verband RFS eingeleitet. Eine Urteil soll am Dienstag (14. Juni) gefällt werden. Ermittelt wird wegen der Aggressionen der russischen Zuschauer, rassistischen Verhaltens und des Abbrennens von Feuerwerkskörpern.

Die französischen Medien reagierten derweil schockiert auf die Fan-Gewalt. "Die Schande", titelte die Sportzeitung "L'Équipe" am Sonntag. Sie sprach von "Guerillaszenen" in der Mittelmeerstadt. "Am zweiten Tag des Wettbewerbs steht die EM schon im Zeichen der Angst", so das Blatt. Die Tageszeitung "Le Parisien" schrieb von "Szenen unerhörter Gewalt". 

Englands Fußball-Ikone Gary Lineker hat sich über seine randalierenden Landsleute in Frankreich aufgeregt. "Was ist bloß los mit diesen Leuten?", schrieb der ehemalige Nationalspieler am Samstag bei Twitter zu einem Bild von Fans mit nacktem Oberkörper auf einer verdreckten Straße in Marseille. Die Krawalle sind für Lineker demnach eine "absolute Peinlichkeit für das Land".

Die Ehefrau von Englands Stürmer Jamie Vardy machte aber nicht den Hooligans, sondern der französischen Polizei schwere Vorwürfe. "Das war eine der schlimmsten Erfahrungen jemals bei einem Auswärtsspiel! Ohne Grund mit Tränengas beschossen, eingesperrt und behandelt wie Tiere", twitterte Rebekah Vardy. Die französischen Behörden verteidigten ihr Vorgehen. "Leider hat es nicht eine gewisse Zahl von Verletzten verhindern können", sagte der Polizeipräfekt der Mittelmeerstadt, Laurent Nuñez, am Sonntag dem Radiosender France Info.

"Wenn es ein Scheitern gibt, ist es ein Scheitern des Fußballs"

Das französische Innenministerium hat nach den Fan-Zusammenstößen in Marseille den Vorwurf mangelnder Vorbereitung auf Gewalt von Hooligans zurückgewiesen. Sprecher Henry-Pierre Brandet betonte, dass die Behörden zahlreiche vorbeugende Maßnahmen ergriffen hätten. So habe die britische Regierung vor der EM 3000 Hooligans ihre Pässe abgenommen, Frankreich habe Einreiseverbote gegen 3000 Menschen verhängt.

"Wenn es ein Scheitern gibt, ist es ein Scheitern des Fußballs, der ganz klar zeigt, dass er noch an einem Teil seiner Fans krankt", sagte Brandet dem Sender BFMTV. "Leider sind alle internationalen Turniere seit fast 30 Jahren von Zusammenstößen zwischen Fans besudelt - das war auch bei der EM 2012 der Fall."

Auf die Frage nach dem Verbot des Verkaufs von Alkohol in den Innenstädten von EM-Städten, wie es beispielsweise für die nordfranzösische Stadt Lens verhängt wurde, verwies Brandet auf die Zuständigkeit der Bürgermeister. "Es ist klar, dass das Dinge sind, die erwogen werden."

Russlands Sportminister Witali Mutko hat nach den Ausschreitungen die Sicherheitsmaßnahmen kritisiert. "Solche Spiele muss man gut organisieren. Man sollte die Fans voneinander trennen", sagte Mutko, der gleichzeitig auch Präsident des russischen Fußball-Verbandes RFS ist und im Council des Weltverbandes sitzt, nach Angaben russischer Medien: "Es gab Pyrotechnik, das ist natürlich schlecht. Hier gab es keine Netze, nichts." Gleichzeitig kündigte Mutko an, mögliche russische Übeltäter bestrafen zu wollen.

Engländer schwebt in Lebensgefahr

Über Stunden war es den gesamten Samstag über am alten Hafen und vor dem Stadion zu schweren Ausschreitungen gekommen. Ein Mann aus England musste wiederbelebt werden. Insgesamt wurden 35 Menschen verletzt. Vier Personen erlitten am alten Hafen der Mittelmeerstadt schwere Verletzungen. Zehn Krawallmacher wurden festgenommen, darunter ein Deutscher und ein Österreicher. Sie werden sich voraussichtlich am Montag vor einem Schnellgericht verantworten müssen. Drei Polizisten wurden bei den Einsätzen leicht verletzt, wie der Polizeipräfekt von Marseille, Laurent Nunez, dem Sender BFMTV sagte.

Nach Ende des Spiels im Stade Velodrome kam es wieder zu Zwischenfällen: Russische Fans wollten einen englischen Block stürmen, Leuchtraketen flogen, Fahnen wurden von den Zäunen gerissen. Die englischen Fans flüchteten sich an den Rand, die Treppen hoch oder über die Zäune in den Innenraum. Es kam zu Schlägereien, Ordner wurden überrannt. Schon während der Partie waren Leuchtraketen aus dem russischen Block abgefeuert worden. Auch ein lauter Böller war zu hören. Die Uefa-Disziplinarkommission hat die Ermittlungen aufgenommen. Das bestätigte der Verband am Sonntagmorgen.

Zuvor hatte er per Statement reagiert: "Die Uefa verurteilt entschieden die Vorfälle in Marseille. Menschen, die sich an solchen Gewaltakten beteiligen, haben keinen Platz im Fußball." Auch Innenminister Cazeneuve verurteilte die Ausschreitungen scharf.

Auch in Nizza knallt es

Am Samstagabend kam es nicht nur in Marseille zu Szenen unerhörter Gewalt, sondern auch in Nizza. Dort gab es Auseinandersetzungen zwischen Einheimischen sowie polnischen und nordirischen Fans, die von der Polizei beendet wurden. Neun Menschen wurden verletzt, drei festgenommen. Im Internet veröffentlichte Aufnahmen zeigten mehrere Personen in dunkelgrünen nordirischen Trikots, die sich in der französischen Stadt mit anderen Fußballfans prügelten.

Die Polizei schritt schnell ein, um die Schlägereien zu stoppen. Insgesamt waren etwa 30 Menschen an den Tumulten beteiligt. Nizzas Bürgermeister Christian Estrosi verurteilte die Vorfälle. "Das Verhalten dieser Hooligans ist inakzeptabel und muss hart bestraft werden", schrieb er auf Twitter um kurz vor Mitternacht. Bis dahin sei in der Altstadt bislang eine Person festgenommen worden. Die Situation habe sich mittlerweile beruhigt, so Estrosi.

(can/jado/sid/dpa/afp)
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