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Tor-Armut bei der EM
Langweilige Spannung oder spannende Langeweile?

Die späten Tore der EM
Die späten Tore der EM FOTO: afp
Düsseldorf. Das 0:0 zwischen Borussia Dortmund und dem FC Bayern im März wurde ziemlich abgefeiert. Bei dieser Europameisterschaft zeugt Tor-Armut allerdings selten davon, dass sich zwei Teams auf hohem Niveau neutralisieren. Die wenigen Treffer, die es zu bestaunen gibt, fallen oft sehr spät. Von Jannik Sorgatz

Diese Fußball-EM in Frankreich ist für die Zuschauer eine nicht minder große logistische und physische Herausforderung. Neun Spieltage mit drei verschiedenen Anstoßzeiten erfordern ein wohlüberlegtes Timing des Nachhauseweges von der Arbeit, des Einkaufens und der Nahrungszubereitung, kurzum: des Lebens außerhalb der Fußball-Blase. Zwischen 17 und 18 Uhr sowie zwischen 20 und 21 Uhr bleibt ein Slot, um sich der Lebenserhaltung zu widmen. Man kommt zurecht mit der Erfahrung aus mittlerweile fünf Weltmeisterschaften mit 64 Spielen.

Dass es im Laufe der dreimal 90 Minuten pro Tag für den Beobachter auch körperlich anstrengend wird, ist in den meisten Fällen den Akteuren auf dem Rasen zuzuschreiben. Die meinen es nicht böse, sind jedoch auch häufig nicht in der Lage, das Geschehen attraktiver zu gestalten. In der gängigen Wahrnehmung ist ein Spiel erst dann entschieden, wenn eine Mannschaft mit zwei Toren führt. Bis zur 70., 80. Minute bekommt die Entscheidung zudem gerne die Vorsilbe "Vor-" verpasst. 

Offen bis zum Schluss

Von derartigen Überlegungen haben sich die Berichterstatter bislang aber freimachen können. Keines der 18 Spiele in Frankreich war nach diesen Kriterien vor der 87. Minute entschieden, danach fielen noch elf Tore. Fünf 2:0-Siege hat es gegeben, drei Tore einer Mannschaft sind bis dato nicht vorgekommen und vier der fünf 2:0-Sieger stellen den Endstand in der Nachspielzeit her. Einzig die Ungarn machten drei Minuten, bevor der Vierte Offizielle seine LED-Tafel in die Hand nahm, alles klar.

Die letzte Information könnte diesen Text auch vom "Aufstand der Kleinen" handeln lassen, wobei man dafür den Kreis der Großen schon um sich selbst demontierende Geheimfavoriten wie Österreich erweitern müsste. Deshalb stellt sich angesichts von meistens 45, oft 60 und manchmal sogar 75 weitgehend ereignislosen Spielminuten die Grundsatzfrage, ob wir bei dieser EM langweilige Spannung oder spannende Langeweile erleben?

Ein Toreschnitt von 1,84 pro Spiel lädt jeden Treffer mit einer enormen Bedeutung auf. Wer in diesem Turnier mindestens einmal traf, hatte zu mehr als 50 Prozent einen Punkt sicher. Zwei Tore bringen bislang die 100-prozentige Siegwahrscheinlichkeit. Das ist zunächst einmal spannend – wenn nicht der Weg zum Showdown oft so öde wäre. 

Nur zehn der 35 Tore fielen in der ersten Halbzeit, gar nur vier in der ersten halben Stunde. Die Nachspielzeit – also alles von 90+1 bis 90+6 – ist mit insgesamt sechs Toren ertragreicher. Die Slots zwischen 15 und 15.30 Uhr, 18 und 18.30 Uhr sowie 21 und 21.30 Uhr eignen sich also bestens, um das Leben ein wenig auf Vordermann zu bringen. Am Freitag wurde es zunächst nicht besser: Italiens Eder traf zum 1:0 gegen Schweden – in der 88. Minute.

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