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EM 2016
Kinder-Verbot ist nur die Krönung des Uefa-Irrsinns

Flitzer macht Selfie mit Ronaldo
Flitzer macht Selfie mit Ronaldo FOTO: dpa, sam
Düsseldorf. Spielende Kinder auf dem Platz? Geht gar nicht. Ausschreitungen auf den Tribünen? Sind nie passiert. Witzige und harmlose Videos von der EM? Werden gnadenlos gelöscht. Die Uefa sorgt mit einigen Aussagen und Handlungen für Irritationen und Peinlichkeiten. Von Andreas Reiners

Die Europäische Fußball-Union hat für alles seitenlange Regularien. Alles ist penibel niedergeschrieben, festgelegt, in einen engen Rahmen gezurrt. 66 Seiten lang sind die Regeln für die EM in Frankreich. Reichlich Bürokraten-Geschwafel für so ziemlich alles, was das Turnier betrifft.

Manchmal passieren jedoch Dinge, die mit Regularien nicht sofort und nicht komplett zu fassen sind. Geschehnisse, die nicht eins zu eins in den Regelbüchern der Uefa auf Anhieb zu finden sind, in kein enges Korsett gepresst werden können. Wo vielleicht ein wenig Fingerspitzengefühl gefragt, eine längere Leine vonnöten ist.

Doch die Uefa ist das perfekte Beispiel für einen unbeweglichen Beamtenapparat, der bei der Antwort auf die Frage nach Flexibilität grandios scheitert. In Frankreich lieferte die Uefa einige passende Beispiele. Das Kinderverbot auf dem Rasen ist nur die vorläufige Krönung.

Spannung: Der Modus ist fragwürdig. Erstmals 24 Mannschaften. 36 Spiele, um gerade einmal acht Teams zu eliminieren. Dazu die komplizierte Ermittlung der vier besten Gruppendritten. Überwiegend gähnende Langeweile in der Vorrunde, statistisch unterfüttert mit den wenigsten Vorrundentoren (1,92 im Schnitt) seit 1968. So richtig vom Hocker gehauen hat dieses Turnier bis zur K.o.-Runde kaum jemanden.

Bis auf die Uefa natürlich. Schließlich muss die finanziell motivierte Aufblähung ja argumentativ verteidigt werden. Nach einer Einschätzung des Uefa-Wettbewerbsdirektors Giorgio Marchetti nach der Vorrunde hat die Reform "die Qualität des Turniers nicht negativ beeinflusst. Was die Spannung des Wettbewerbes angeht, könnte es nicht besser sein." Naja. Kann man auch durchaus anders sehen.

"Zwei Teams (Island und Halbfinalist Wales, d. Red.) sind weiter gekommen, als alle geglaubt haben", sagte Turnierdirektor Martin Kallen jüngst: "Das ist gut für den Fußball. Die Fans dieser Teams sind großartig. Ich glaube, dass wird einen 'Boom' auslösen -– mehr Kinder werden Fußball spielen." Auf den Platz dürfen sie bei der EM deswegen noch lange nicht.

Kinder: Alba Violet kennt außerhalb von Wales inzwischen fast jeder Fußball-Fan. Die Tochter von Superstar Gareth Bale lief minutenlang über den Rasen, tollte herum, alberte auf dem Arm ihres Vaters und trat lachend gegen den Ball. Es waren ebenso ungewohnte wie emotionale Bilder, für die der Nachwuchs der sonst so unnahbaren Fußball-Stars gesorgt hat. Tolle Bilder, die eine andere Seite des Hochglanzprodukts, der Milliarden-Ware Fußball-EM vermittelt haben.

Deshalb müssen diese Bilder natürlich sofort weg. Angeblich aus Sicherheitsgründen. "Es ist immer süß, wenn die Kinder auf dem Platz spielen. Das sind schöne Bilder", sagte Kallen: "Aber es ist eine Europameisterschaft und zumindest auf dem Rasen keine Familienveranstaltung!" Vielleicht schmeißen sich ja ein paar übermotivierte Ordner-Schränke den Kleinen in den Weg, sollte der Nachwuchs der Waliser bei einem Finaleinzug heute gegen Portugal auf den Platz stürmen wollen. Wundern würde das wohl keinen mehr. Als Einlaufkinder an den Händen der Spieler sind die Kleinen übrigens gerne gesehen. Dahinter steckt allerdings ein Großsponsor der Uefa. Man hätte es ahnen können

Krawalle: Die Uefa griff scheinbar hart durch: Nach den Krawallen, rassistischem Verhalten und Abbrennen von Feuerwerkskörpern beim 1:1 gegen England wurde der russische Fußball-Verband mit einer Geldstrafe in Höhe von 150.000 Euro und einem EM-Ausschluss auf Bewährung belegt. Das war nach den Bildern aus Marseille auch das Mindeste.

Das kleine Problem: Was außerhalb ihrer Stadien passiert, interessiert die Uefa wenig, sie hat da offiziell keine Handhabe. Hätten die russischen Anhänger also weiter munter in den Städten randaliert, wäre wohl nichts passiert. Glücklicherweise kam es erst gar nicht dazu.

TV-Bilder: In dem Zusammenhang bewies die Uefa ihren Hang zur Schönfarberei und Augenwischerei. Wer nach der Übertragung des erwähnten 1:1 ins Bett gegangen ist, hat wohl erst am anderen Morgen davon erfahren, zu welchen Szenen es auf den Tribünen gekommen war. Da hatten russische Hooligans auf unbeteiligte Anhänger und teilweise auch auf Familien eingeschlagen und -getreten.

Diese Bilder hat die Uefa, bei den Übertragungen für das Weltbild zuständig, schlicht nicht zeigen lassen. Dafür wurde Joachim Löw vorgeführt, als die allseits bekannten Bilder vom "Eierkraulen" um die Welt gingen. Nach einem verbalen Anpfiff der TV-Sender ist inzwischen die "Zensur" zumindest aufgeweicht worden.

Ermittlungen gegen Portugal: Es war eine Szene, die einige Fußball-Fans ihre persönliche Meinung über Cristiano Ronaldo revidieren ließ. Da hatte Portugal gegen Österreich nur 0:0 gespielt und der Weltstar sah aus, als wäre gerade seine eigene kleine Glitzer-Welt aus den Fugen geraten. In dem Moment stürmte ein Flitzer heran und drängte Ronaldo, mit ihm ein Selfie zu schießen.

Gefühlte zehn Minuten benötigte der Flitzer, und das Objekt seiner Begierde stellte sich tatsächlich geduldig zur Verfügung. Mehr noch: Der doch so eitle Pfau schickte die eifrigen Ordner, die sich zuvor überrumpeln ließen, gleich reihenweise weg, bis das Foto im Kasten war.

Was macht die Uefa? Eröffnet ein Ermittlungsverfahren gegen – genau, Portugal. Warum? Weiß niemand, die Uefa selbst wohl auch nicht. Das Verfahren wurde eingestellt.

Collage des irren Elfmeterschießens: Kurt Prödel sorgte mit zwei sehenswerten Videos für einen viralen Hit. Der Webkünstler legte in einem Clip alle Elfmeter der deutschen Nationalmannschaft im EM-Viertelfinale gegen Italien (6:5) in einer Bildspur übereinander. Herausgekommen war ein zwölfsekündiger Clip, der ein wenig nach gut getimtem Ballett mit Ball aussah.

Noch witziger war die Collage der Italiener, bei der der an eine Piaffe aus der Dressur erinnernde Anlauf von Simone Zaza als Schlussakkord ins Bild kam, nachdem seine Teamkollegen bereits fertig waren. Großartig. Amüsant. Ein kleines Kunstwerk.

Die Uefa fand das Ganze allerdings weniger witzig und zeigte sich als unbarmherziger Spielverderber. Die Videos wurden wegen Urheberrechtsverletzung auf fast allen Plattformen gesperrt und Prödels Twitter-Account gesperrt. Der Verband kassierte einen veritablen Shitstorm, immerhin seien die Collagen von der Kunstfreiheit gedeckt, hieß es in den sozialen Netzwerken. Doch wenn es um die Verbreitung ihrer wichtigsten Ware, der TV-Bilder, geht, hat die Uefa nur wenig Interesse an künstlerisch wertvoller Zweitverwertung.

Flughafen: Oliver Bierhoff ist ein Perfektionist. Deshalb ließ auch das Quartier des DFB-Teams bislang keine Wünsche offen. Nun, einen vielleicht. Als Bierhoff im vergangenen Jahr von den kurzen Wegen schwärmte, wusste er wohl noch nichts davon, dass die Uefa bei gewissen Dingen unbeweglich, wenig entgegenkommend ist. Zum Genfer Flughafen sind es von Evian aus nur 40 Kilometer.

Der Haken: Genf liegt in der Schweiz. Und eine Uefa-Auflage besagt, dass die EM-Teilnehmer während des Turniers das Ausrichterland nicht verlassen dürfen. Nicht einmal für eine Fahrt zum Flughafen. Der Stress hielt sich aber im Vergleich zu Brasilien 2014 in Grenzen. Der Tross musste zum Regionalflughafen in Annecy pendeln. Der liegt auch nur 90 Kilometer entfernt.

(are)
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